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03. April 2007, 16:16 Uhr

Gefangenen-Krise

Irans Presse stärkt den Hardlinern den Rücken

Von Mohammad Reza Kazemi

Nach 13 Feiertagen sind in Iran heute erstmals wieder Zeitungen erschienen. Die Gefangenen-Krise beherrscht die Schlagzeilen, doch Kritik an Teherans Krisen-Management ist rar. Der Tenor: Briten und USA versuchten, Iran für ihr eigenes Scheitern im Irak verantwortlich zu machen.

Hamburg - Gefeiert, geschmäht, umkämpft: Die iranische Presse gilt als wichtigstes Stimmungsbarometer der iranischen Bevölkerung. Doch zur Krise um die 15 gefangenen britischen Marinesoldaten herrschte bislang Schweigen im Blätterwald. Wegen der Ferien anlässlich des Neujahrsfestes Nowrus erschienen die meisten Zeitungen fast zwei Wochen lang nicht. Heute nun lagen die meisten Zeitungen wieder an den Kiosks aus - und die meisten folgen einer klaren Linie: Sie enthalten fast keinerlei Kritik am Krisen-Management der Regierung unter Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Sogar die weltweit heftig kritisierten Gefangenen-Videos finden Zustimmung in den meisten Zeitungen und werden als "medialer Erfolg" gefeiert.

Screenshot der Website von "Keyhan": Die Tageszeitung preist das "Krisenmanagement" der iranischen Regierung

Screenshot der Website von "Keyhan": Die Tageszeitung preist das "Krisenmanagement" der iranischen Regierung

Gestern strahlte der iranische Nachrichtensender "Khabar" die angeblichen Geständnisse von zwei weiteren der 15 britischen Soldaten aus: Kapitän zur See Chris Air und Leutnant Felix Carman räumten ein, am 23. März in iranische Gewässer eingedrungen zu sein, bevor sie von der iranischen Revolutionsgarde verhaftet wurden.

Nicht nur diese Aufnahme, sondern auch bereits die vorherigen Videos wecken in Iran unterschiedliche Assoziationen. Kritik ist jedoch eher selten darunter. Eine Ausnahme ist der Journalist Mehran Ghasemi, Redakteur bei "Etemald-e Melli", einer der wenigen iranischen Reformzeitungen. Er stellt die Bilder, die in den vergangenen Tagen vom staatlichen Fernsehen gesendet wurden, in einen Kontext mit den Geisel-Videos von al-Qaida: Auch auf diesen Bändern würden die Entführten gezwungen, eigene Fehler zu gestehen. "Das war nicht klug vom iranischen Fernsehen", sagte Ghasemi im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Solche Bilder haben eine sehr negative Wirkung auf die westliche Öffentlichkeit." Während der Neujahrsferien seien einfach keine Zeitungen erschienen, die diesen Schritt hätten anprangern können, resümiert der Journalist.

"Die verhasste britische Regierung"

Doch nur wenige iranische Journalisten teilen die Kritik an den Videos und am Krisenverhalten der Regierung. Im Gegenteil: Gerade die Videos werden von den meisten iranischen Zeitungen als Beweis dafür gesehen, dass die Verhaftung der Briten ordnungsgemäß stattgefunden habe. So druckt die ultrakonservative Tageszeitung "Resalat" in ihrer heutigen Ausgabe fünf Bilder der verhafteten Soldaten und bezeichnet deren "Geständnisse" als eine "dokumentierte Antwort" auf die Erklärung der EU-Außenminister vom vergangenen Freitag. In der Erklärung hatte es geheißen, die britischen Soldaten seien in irakischen Gewässern festgenommen worden.

Das Blatt, das sich in mehreren Beiträgen und Meldungen dem Thema widmet, schreibt in einem Kommentar mit dem Titel "Die 15 ungeladenen Gäste" weiter: "Das Eindringen von 15 britischen Soldaten in iranische Gewässer ist kein Thema, das von der iranischen Regierung auf eine einfache Art und Weise toleriert wird, vor allem da sie (die Soldaten, Anm. d. Red.) einer Unheil bringenden und verhassten Regierung wie der britischen angehören." Weiter warnt "Resalat" den britischen Premierminister Tony Blair vor "irrationalen" Schritten, da dies "harte und nicht zu kompensierende Konsequenzen" hätte. Wie diese "Konsequenzen" aussehen sollen, schreibt der Kommentator jedoch nicht.

"Iran meistert die Krise erfolgreich"

Die Tageszeitung "Keyhan", die Irans religiösem Führer Ali Chamenei nahesteht, preist das "Krisenmanagement" der Regierung unter Präsident Ahmadinedschad und spricht mit Blick auf die ausgestrahlten Videos von einer "medialen Überredung": Die Briten hätten gedacht, Iran werde wegen des internationalen Drucks angesichts seines Atomprogramms die Soldaten übereilt freilassen. Die Ausstrahlung der Videos habe jedoch gezeigt, dass die Islamische Republik dabei sei, die Krise erfolgreich zu managen, schreibt "Keyhan".

Das so gepriesene Teheraner "Video-Management" könnte jedoch womöglich schon bald beendet werden. Das berichtet zumindest die dem Ex-Präsidenten Rafsandschani nahestehende Tageszeitung "Kargozaran" unter Berufung auf Regierungskreise in Teheran. Die Zeitung ist zudem der Auffassung, die Krise komme Tony Blair zugute. Blair, der wegen seiner "fehlgeschlagenen" Politik im Irak innenpolitisch unter starkem Druck stehe, nutze den Vorfall um die Marinesoldaten, um sich Legitimierung zu verschaffen, kommentiert die Zeitung.

"Die Krise dient den USA als Voraussetzung für einen Krieg"

Der Journalist Mehran Ghasemi ist gleicher Meinung. In seinem heutigen Leitartikel in der Tageszeitung "Etemad-e Melli" nennt er außerdem zwei weitere Gründe, warum die Verhaftung der Briten im Interesse Blairs sein könne: Die britische Öffentlichkeit habe erst kürzlich ihre Missbilligung gegen jegliches militärisches Vorgehen gegen Iran demonstriert. Der jüngste Vorfall sei nun aber wie perfekt dafür gemacht, die britischen Bürger gegenüber Iran feindselig einzustimmen. "Außerdem versuchen George W. Bush und die Republikaner in den USA längst, Iran für ihre eigenen Niederlagen im Irak verantwortlich zu erklären und dadurch die Voraussetzungen für einen Krieg gegen unser Land zu schaffen." Genau dazu diene die Gefangenen-Krise, analysiert der 42-jährige Journalist.

Auch wenn Ghasemi von einer Verschwörungstheorie ausgeht und das angebliche Eindringen der britischen Soldaten in iranische Gewässer als absichtlich und Teil eines von London geplanten Szenarios betrachtet, spricht er sich aber für eine diplomatische Lösung der Krise aus: Die iranische Regierung könne vor jeglicher Provokation nur gewarnt werden, ist sein Resümee.

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