Gefangenen-Krise Propagandakrieg zwischen Teheran und London verschärft sich

Die in Iran festgehaltene britische Soldatin Faye Turney hat angeblich in einem zweiten Brief den Rückzug der britischen Truppen aus dem Irak verlangt. Doch Premier Blair ist zu keinen Kompromissen bereit.


London - Der britische Fernsehsender Sky News zeigte einen handgeschriebenen Text, der von der 26-Jährigen stammen soll, die mit 14 anderen Soldaten vor einer Woche von Iran auf einer Patrouillenfahrt im Schatt el-Arab verschleppt worden war. Ihnen wird vorgeworfen, in iranische Gewässer eingedrungen zu sein, was Großbritannien aber bestreitet.

Der Brief wurde dem Sender von iranischer Seite zugespielt. Gestern war bereits ein anderes Schreiben veröffentlicht worden, das von Turney stammen soll.

Propagandaschlacht: Anti-britischer Protest vor dem Außenministerium in Teheran
AFP

Propagandaschlacht: Anti-britischer Protest vor dem Außenministerium in Teheran

Das britische Außenministerium wollte zu dem neuen Brief zunächst keine Stellung nehmen. Das Schreiben ist an das britische Parlament gerichtet und trägt das Datum vom vergangenen Dienstag. Darin heißt es: "Ich schreibe, um Sie über meine Situation zu unterrichten." Es folgen Ausführungen, die Iraner seien mitfühlend, warm und gastfreundlich. Es gehe ihr gut. In dem Brief ist auch ein Zugeständnis an die iranischen Behörden formuliert: "Unglücklicherweise sind wir während unserer Mission in iranische Hoheitsgewässer eingedrungen." Der angebliche Brief endet mit einem als Frage formulierten Appell: "Ist es nicht an der Zeit, mit dem Rückzug unserer Truppen im Irak zu beginnen, so dass die Iraker ihre Zukunft selbst bestimmen können?"

Die britische Außenministerin Margaret Beckett nannte die Veröffentlichung des Briefs und den Versuch, die Briefschreiberin zu Propagandazwecken zu mißbrauchen, "empörend und grausam".

Die zuvor von Teheran angekündigte Freilassung Turneys ist gestoppt worden. Man zeigte sich verärgert über das "politische Tamtam" aus London. Ali Laridschani, Sekretär des nationalen Sicherheitsrates, sagte dem staatlichen iranischen Fernsehsender: "Wir hatten beschlossen, die Frau freizulassen, aber angesichts des politischen Tamtams, das London veranstaltet, ist dieser Beschluss vorläufig auf Eis gelegt."

"Wir hätten es vorgezogen, die Angelegenheit über diplomatische Kanäle und bilaterale Gespräche beizulegen", sagte Laridschani. "Stattdessen hat die britische Regierung eine harsche Rhetorik an den Tag gelegt und für die Sache in Pressekreisen die Werbetrommel gerührt, den Weltsicherheitsrat eingeschaltet sowie andere Länder, die sich zu der Sache ohne irgendeine Kenntnis der Fakten geäußert haben." Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass britische Streitkräfte in iranische Gewässer eingedrungen seien.

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat nach einem Bericht des staatlichen iranischen Fernsehens zum ersten Mal zu der Geiselaffäre Stellung genommen. Er beschuldigte Großbritannien, in dem Fall mit Propaganda zu arbeiten anstatt ihn auf diplomatischem Wege zu lösen.

In einem Telefongespräch mit dem iranischen Präsidenten habe der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gefordert, ein Treffen des türkischen Botschafters mit den Gefangenen zu ermöglichen und Turney freizulassen, berichtete das Fernsehen weiter. Präsident Ahmadinedschad habe daraufhin die Anweisung gegeben, eine Freilassung der Britin mit einem "positiven Blick" zu prüfen.

Blair bleibt hart

Großbritannien bleibt dennoch hart: Im Konflikt um die gefangenen Soldaten ist Blair zu keinen Kompromissen bereit. Ein Feilschen komme nicht in Frage, erklärte der Premierminister im Sender ITV. Er bekräftigte seine Forderung nach einer bedingungslosen Freilassung der 15 Briten, die vor einer Woche im Persischen Golf gefangen genommen wurden.

"Das Wichtigste für uns ist, sie sicher und gesund zurückzubekommen", sagte Blair. "Aber wir können uns nicht auf ein Feilschen einlassen." Den Iranern müsse klar gemacht werden, dass es weitere Möglichkeiten gebe, "wenn sie nicht bereit sind, sich vernünftig zu verhalten", erklärte der britische Regierungschef.

Großbritannien hat seine bilateralen Kontakte zu Iran gestern ausgesetzt und den Weltsicherheitsrat in den Konflikt eingeschaltet.

Streit um Gefangene vor UN-Sicherheitsrat

Das UN-Gremium beriet hinter verschlossenen Türen über einen Entwurf Londons, wonach die Vereinten Nationen ihr Bedauern über die Geiselnahme äußern und die sofortige Freilassung fordern sollen. Nach rund eineinhalbstündigen Gesprächen verlautete aus Diplomatenkreisen, mehrere Ratsmitglieder hätten Änderungen am britischen Entwurf gefordert. Umstritten ist offenbar vor allem die Formulierung, wonach sich die 15 Briten "in irakischen Gewässern" befanden.

asc/Reuters/AP/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.