Gefangenen-Vermarktung Britische Regierung verbietet Soldaten bezahlte Interviews

Unwürdig, respektlos, anstößig - ein Sturm der Entrüstung war über die britische Marine hereingebrochen, nachdem sie ihren Seeleuten erlaubt hatte, die Gefangenschaft in Iran zu versilbern. Jetzt hat Verteidigungsminister Browne allen Soldaten weitere bezahlte Interviews verboten.


London – Rolle rückwärts in London: Als Folge der Medienschlacht um die von Iran festgenommenen britischen Soldaten dürfen Angehörige der britischen Streitkräfte künftig keine Interviews gegen Bezahlung mehr geben. Dies ordnete das Verteidigungsministerium heute in London an.

Der britische Soldat Arthur Batchelor bei der ersten Pressekonferenz nach seiner Freilassung: Enormes Medieninteresse
AFP

Der britische Soldat Arthur Batchelor bei der ersten Pressekonferenz nach seiner Freilassung: Enormes Medieninteresse

Das Ministerium hatte den 15 Marinesoldaten und Seeleuten zuvor genehmigt, ihre Geschichte an die Medien zu verkaufen. Daraufhin waren heute in britischen Zeitungen und TV-Sendern die ersten Erlebnisberichte von Soldaten erschienen.

Die Erlaubnis zur Vermarktung habe jedoch "kein zufriedenstellendes Ergebnis" erbracht, erklärte Verteidigungsminister Des Browne heute. Daher will er nun die Regeln für die Zusammenarbeit zwischen Medien und Soldaten überprüfen. Er wolle sicher gehen, dass die Verantwortlichen sich künftig an klaren Richtlinien orientieren könnten, sagte Browne. "Bis dahin dürfen keine weiteren Militärangehörigen gegen Bezahlung mit den Medien über ihre Erfahrungen sprechen."

Das Interviewverbot werde keine Auswirkungen für diejenigen Soldaten haben, die ihre Geschichte an Medien verkauft haben, erläuterte ein Sprecher des Ministeriums am Abend. Für die übrigen ehemaligen Gefangenen gelte jedoch, dass keine neuen Verträge mehr abgeschlossen werden dürfen.

Bislang müssen Mitglieder der Streitkräfte sich eine Genehmigung ihrer Kommandospitze einholen, bevor sie mit Journalisten sprechen. Dass sie für Interviews bezahlt werden, ist eher ungewöhnlich. Im Fall der 15 von Iran freigelassenen Soldaten hatte die Marine ausdrücklich die Genehmigung erteilt, die Gefangenschaft zu Geld zu machen. Sie hatte dies mit den "besonderen Umständen" und dem enormen Medieninteresse begründet.

Die Entscheidung hatte bei Oppositionspolitikern und Militärs jedoch einen Sturm der Entrüstung entfacht. Wenn Soldaten Storys verkaufen dürften, werde "der Respekt für sie verloren gehen", empörte sich der außenpolitische Sprecher der Konservativen Partei, William Hague. Der frühere konservative Verteidigungsstaatssekretär Lord Heseltine sagte, er sei "tief geschockt" gewesen, als er von der Genehmigung des Ministeriums hörte.

Generalmajor Patrick Cordingly, der 1991 im ersten Golfkrieg die britischen Truppen im Irak kommandiert hatte, sagte der BBC, es sei "bedauerlich", dass das Verteidigungsministerium die Marinesoldaten auf diese Weise "fast wie ein Propagandawerkzeug" benutze.

Selbst einer der ehemaligen Gefangenen äußerte sich kritisch zur Vermarktung der Gefangenen-Krise. Er selbst würde kein Geld nehmen und finde es "ein bisschen anstößig", sagte Felix Carman dem Sender GMTV.

Zuvor hatten die einzige Frau der gefangenen Gruppe, die 26-jährige Faye Turney, und der jüngste der Einheit, der 20-jährige Arthur Batchelor, britischen Medien ihre Eindrücke von der Gefangenschaft berichtet. Turney und Batchelor erzählten dabei von psychischer Folter und Todesängsten, die sie während ihrer Gefangenschaft in Teheran ausgestanden hatten.

Wie viel Geld Turney und Batchelor für ihre Aussagen erhielten, war unklar. Die "Sunday Times" berichtete jedoch, allein Turney könne bis zu 150.000 Pfund (220.000 Euro) kassieren. Die Soldatin selbst erklärte, sie sei nicht auf das höchste aller Angebote eingegangen. Die sieben Marineinfanteristen der Gruppe vereinbarten laut Medienberichten, ihre Einnahmen zu teilen und zehn Prozent an einen wohltätigen Militärfonds abzuführen.

Turney und Batchelor waren mit 13 Kameraden am 23. März von iranischen Soldaten im Persischen Golf festgenommen worden und am vergangenen Mittwoch überraschend frei gekommen. Die Regierung in Teheran beschuldigt sie, in iranische Gewässer eingedrungen zu sein, Großbritannien hat dies stets zurückgewiesen.

phw/AP

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.