Gefangenenaustausch in Israel Die Liste des Terrors

Es ist das "Who is Who?" des Terrors: Unter den palästinensischen Gefangenen, die im Austausch für den Soldaten Gilad Schalit freigelassen werden, sind üble Schwerverbrecher. Trotzdem überwiegt in Israel die Freude - am Dienstag soll Schalit nach fünf Jahren Geiselhaft heimkommen.

Schalit-Unterstützer in Jerusalem: Einer gegen tausend
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Schalit-Unterstützer in Jerusalem: Einer gegen tausend

Von , Jerusalem


Es sind einsame Tage des Zorns, die die Geschwister Schijveschuurder erleben. Während Israel freudig die Stunden bis zur Heimkehr Gilad Schalits zählt, wächst die Verbitterung der Schijveschuurders. Schalit war vor über 5 Jahren von einem palästinensischen Kommando in Geiselhaft verschleppt worden, nun soll er im Austausch gegen 1027 palästinensische Häftlinge freikommen. Genau das schmerzt die Schijveschuurders. Denn unter diesen palästinensischen Häftlingen ist auch jene Frau, die Mitschuld am Tod der Eltern und von drei Geschwistern der Schijveschuurders trägt.

Achlam Tamimi war 20, als sie am 9. August 2001 einen Selbstmordattentäter zur Sbarro-Pizzeria in Jerusalem fuhr. 15 Menschen starben bei dem Terroranschlag, der die drei überlebenden Schijveschuurders im Teenageralter zu Vollwaisen machte. Tamimi, die wegen ihrer Rolle bei dem Attentat zu 16-mal lebenslänglich verurteilt wurde, hat nie Reue gezeigt. Auf Fotos, die diese Woche von ihr gemacht wurden, lächelt sie. Die ehemalige Studentin weiß, dass die Hamas auch sie freigepresst hat, dass sie wohl schon kommende Woche freikommen wird.

Die Wunden, die das Sbarro-Attentat der Familie Schijveschuurder geschlagen hat, sind nie verheilt, der Zorn immer noch glühend. Mit allen Mitteln versuchen die Geschwister deshalb in diesen Tagen, den Schalit-Deal doch noch abzuwenden. Sie sprühen Graffiti, sprechen zu den Medien, haben gegen den anstehenden Gefangenenaustausch Beschwerde beim obersten Gerichtshof Israels eingereicht: "Nur eine mental gestörte Person würde ruhig dasitzen, während die Mörder ihrer Eltern und drei Geschwister freigelassen werden, sagte Schvuel Schijveschuurder der "Yedioth Ahronoth".

Netanjahu muss einen Erfolg vorweisen

Die Schijveschuurders wissen jedoch, dass ihr Aufbegehren keine Aussicht auf Erfolg hat. Der Handel ist besiegelt, die Möglichkeit für Opferfamilien, Einspruch einzulegen, eine reine Formalie. Nach über fünf Jahren hat die israelische Regierung endlich beschlossen, ihr Versprechen wahrzumachen, jeden ihrer Soldaten heimzuholen - egal was es koste: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu steht außen- wie innenpolitisch stark unter Druck, er muss einen Erfolg vorweisen. Und so wird Israel vermutlich schon am Dienstag über 1000 Gefangene freilassen, um einen Israeli freizukaufen. Die Bilder des heimkehrenden Soldaten, dessen Schicksal über Jahre ganz Israel bewegt hat, werden die Öffentlichkeit den hohen Preis vergessen lassen, der dafür zu zahlen war, kalkuliert die Regierung.

Tatsächlich liest sich die am Sonntag veröffentlichte Liste der Freizulassenden wie ein "Who is Who" des Terrors. Etwa 450 der Freizulassenden werden von Israels Inlandgeheimdienst Schin Bet als "Schwergewichte" klassifiziert. Unter den Männern und Frauen, deren Familien im Westjordanland und dem Gaza-Streifen ihre Heimkehr vorbereiten, sind viele, an deren Händen - zumeist israelisches - Blut kleben:

  • Jeja al-Sinwar gilt als der hochrangigste der freizulassenden Hamas-Männer. Als Kommandeur der "Madschd"-Truppen, die auf das Aufspüren von Verrätern in den eigenen Reihen spezialisiert waren, hat er viele Palästinenser auf dem Gewissen, die wegen des Verdachts der Kollaboration getötet wurden. Sein Bruder Mohammed soll an der Planung des Überfalls beteiligt gewesen sein, bei dem Schalit am 25. Juni 2006 gefangen genommen wurde.
  • Mohammed Scharatha ist einer der Kommandanten der Hamas-Spezialeinheit "101", die 1989 zwei israelische Soldaten entführte und tötete. Scharatha sitzt dafür dreimal lebenslang plus 30 Jahre in einem israelischen Gefängnis ab.
  • Die Brüder Sami, Karim und Maher Junis sind des Mordes an Avi Bromberg schuldig gesprochen. Der Soldat war 1980 verschwunden. Die Brüder waren ursprünglich zum Tode verurteilt, die Strafe wurde jedoch in lebenslänglich umgewandelt.
  • Nael al-Barguti hat 33 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht. Er wurde 1978 des Mordes an einem Israeli schuldig gesprochen. Barguti gilt als graue Eminenz unter den Palästinensern in israelischer Haft. Seine bevorstehende Freilassung kommentierte er gelassen: "Wir sind nur Soldaten, die nach 30 Jahren in Gefangenschaft zu ihrem Stützpunkt zurückkehren."
  • Amana Mona sitzt für den Mord an einem 16-jährigen Israeli in lebenslanger Haft. Ofir Rahum hatte Mona in einem Internet-Chatroom kennengelernt, in dem sich die damals 24-Jährige als amerikanische Touristin ausgab. Mit dem Versprechen von Sex lockte sie Rahum ins Westjordanland, wo er erschossen wurde.
  • Qahera Assadi wurde als Organisatorin von mehreren tödlichen Anschlägen und Anwerberin von Attentätern verurteilt. Die 35-Jährige verbüßt dreimal lebenslänglich plus 30 Jahre Haft.

Angesichts der Bilder des triumphalen Empfangs, der auf diese Männer und Frauen wartet, bleibt Opferfamilien wie den Schijveschuurders nur wenig Trost. Einer ist, dass nicht alle der Freigelassenen nach Hause dürfen. 300 der 450 "Schwergewichte" werden statt ins Westjordanland in den Gaza-Streifen abgeschoben. Einige andere sollen ins türkische oder jordanische Exil geschickt werden. Jerusalem will so vermeiden, dass die Freigelassenen wieder gegen Israel aktiv werden.

Schimon Peres muss die Gnadengesuche unterzeichnen

In Israel wurden am Samstagabend die notwendigen Gnadengesuche für die zur Freilassung vorgesehenen Häftlinge vorbereitet, die von Präsident Schimon Peres unterzeichnet werden müssen. TV-Bilder zeigen Justizbeamte, wie sie mit den Dokumenten der Palästinenser vor der Residenz von Peres vorfahren. Der Präsident muss jedes Gnadengesuch einzeln unterschreiben.

Der genaue Termin für die Übergabe des inzwischen 25-jährigen Schalit steht noch nicht fest. Ein Hamas-Offizieller erklärte am Samstag dem israelischen Rundfunk, dass der israelische Soldat am Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen übergeben werde, wenn die erste Gruppe von palästinensischen Gefangenen von Israel freigelassen wird. Schalit werde nicht dem Roten Kreuz, sondern den ägyptischen Behörden ausgehändigt, sagte der Hamas-Offizielle.

Schalits Familie bereitet unterdessen in Mitzpe Hila in Nordisrael ihr Zuhause auf die Heimkehr des Sohnes vor. Seine Eltern Noam und Aviva hatten die vergangenen 15 Monate in einem Protestzelt vor dem Büro Netanjahus in Jerusalem gehaust. Nun war Vater Schalit zu sehen, wie er auf dem Dach des Hauses eine neue israelische Flagge anbrachte, die Gilad zu Hause willkommen heißen soll.

Die Heimkehr des Soldaten wird für Israel ein gigantisches Medienereignis werden. Es wird Freude in wohl jeden Haushalt bringen. Aber angesichts des hohen Preises, der dafür zu zahlen war, wird die Freude nicht nur für die Schijveschuurders einen bitteren Beigeschmack haben.

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