Gefangenenaustausch in Nahost Diskrete Schützenhilfe aus Berlin

Nach der Einigung zwischen Israel und der Hamas im Fall Schalit ist die Bundesregierung erleichtert, schließlich hatte ein Emissär des BND jahrelang zwischen den Fronten verhandelt. Doch den Durchbruch beobachtete der Agent nur aus der Ferne, die Hauptrolle spielten zuletzt die Ägypter. 
Gefangenenaustausch in Nahost: Diskrete Schützenhilfe aus Berlin

Gefangenenaustausch in Nahost: Diskrete Schützenhilfe aus Berlin

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Berlin - Als die ersten Nachrichten über die Einigung zwischen Israel und der Hamas zur Freilassung des seit mehr als fünf Jahren verschleppten Soldaten Gilad Schalit über die Fernsehschirme rund um den Globus flackerten, weilte Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Staatsbesuch im fernen Hanoi in Vietnam. Aus ihrem Umfeld heißt es vorsichtig, die Regierung wäre erleichtert, wenn es denn tatsächlich zu dem geplanten Gefangenenaustausch kommen würde. Zum einen sei man froh, wenn die heikle Causa des von der Hamas verschleppten Soldaten endlich gelöst sei und er tatsächlich nach jahrelanger Geiselhaft freikäme - im Austausch gegen mehr als 1000 palästinensische Häftlinge, die aus israelischen Gefängnissen entlassen werden sollen.

Nebenbei aber ist Berlin auch ein kleines bisschen stolz, dass die deutschen Bemühungen zur Lösung der seit Jahren verfahrenen Geiselkrise am Ende doch Erfolg gehabt hatten - wenn auch anders und sehr viel später als man sich das eigentlich erhofft hatte.

Die deutschen Bemühungen, eine Art diskreter Schützenhilfe aus Berlin, haben einen Namen und ein Gesicht. Als Gesandter von Merkel pendelte der BND-Mann Gerhard C., Chef des Leitungsstabs des Auslandsgeheimdiensts, jahrelang zwischen beiden Seiten. Fließend in vielen Sprachen, verhandelte der einstige BND-Resident im Nahen Osten mit den Israelis und der Hamas, entwarf mögliche Lösungen für einen Deal. Zwischen den verfeindeten Fronten steckte C., intern beim BND als "Mr. Hisbollah" bekannt, viele Rückschläge ein. Trotzdem verfolgte er seine schwierige Mission weiter.

Wenn es um den Nahen Osten geht, gilt der BND als qualifizierter und ehrlicher Makler zwischen den verfeindeten Lagern. Seit mehr als 15 Jahren vermitteln die Deutschen erfolgreich, zuletzt zwischen der Hisbollah und Jerusalem. Am Ende stand im Juli 2008 ein ebenfalls vom BND verhandelter Deal, der vorsah, dass die Leichen von zwei Soldaten zurück nach Israel gebracht wurden.

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Gilad Schalit: Fünf Jahre Geisel der Hamas

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Ähnlich schwierig war auch der neue Auftrag des BND-Manns. Er genießt auf beiden Seiten das Vertrauen der Unterhändler, als Deutschem werden ihm auch keine politischen Interessen unterstellt. Doch wie auf einem Basar rangen beide Seiten um einen möglichen Deal zur Freilassung von Schalit. Für die Israelis bestand stets die Angst, mit der Freilassung inhaftierter und teils wegen Anschlägen verurteilter Palästinenser einen zu hohen Preis zu zahlen. Auf der Seite der Hamas hingegen versuchte man, möglichst viele Gefangene für das Faustpfand Schalit herauszuholen. BND-Mann Gerhard C. versuchte, beide Seiten zu sehen. Geduld und Beharrlichkeit, sagen seine Kollegen, seien seine herausragenden Eigenschaften.

"Die Großwetterlage in der Region hat sich geändert"

Auch die aktuelle Einigung trägt die Handschrift des BND-Agenten, auch wenn er zuletzt an den Verhandlungen nicht mehr direkt beteiligt war. Bereits Ende 2009 hatte Gerhard C. ein Tauschgeschäft ausgehandelt. Schon damals hatten beide informell einem Gefangenenaustausch zustimmt - in einer ähnlichen Größenordnung wie nun, wo tausend Palästinenser freikommen sollen. Streitereien gab es aber noch um einzelne freizulassende Palästinenser - allen voran um Kämpfer und Drahtzieher blutiger Anschläge, die Israel nicht gehen lassen wollte. Am Ende ließ Israel den Deal platzen. Die enttäuschte Hamas ließ ihren Frust an dem Deutschen aus: Im Mai 2011 beschuldigte der stellvertretende Hamas-Führer Musa Abu Marzuk den BND-Mann. Er sei im Sinne Israels parteiisch, zudem habe er den Hamas-Unterhändlern wichtige Informationen vorenthalten. Abu Marzuk kündigte an, die Verhandlungen auf Eis zu legen. In Deutschland musste man zu dieser Zeit einsehen, wie verfahren die Lage ist.

Seither verfolgte der BND den Fall nur noch aus der Ferne. Zwar reiste Gerhard C. noch manchmal in die Region und traf seine Verhandlungspartner, direkt beteiligt aber war er nicht mehr. Den Durchbruch und die Lösung, so heißt es in Berlin, hätten die Ägypter erreicht. Der Arabische Frühling brachte wieder Bewegung in den Fall Schalit. Die neue ägyptische Führung signalisierte Ungeduld, drängte Israel, endlich einem Austausch zuzustimmen. Der Angriff eines wütenden Mobs auf die israelische Botschaft in Kairo im September und Äußerungen des ägyptischen Militärrats, der Frieden mit Israel sei nicht sakrosankt, erhöhten den Druck auf Jerusalem und Benjamin Netanjahu. "Die Großwetterlage in der Region hat sich geändert", sagt ein hochrangiger Regierungsbeamter in Berlin, "das hat den Weg zu einer Einigung zwischen Israel und Hamas erst möglich gemacht."

"Mr. Hisbollah" wartet auf seine nächste Mission

In Jerusalem reifte nun die Erkenntnis, dass die Zeit abzulaufen droht, in der ein von einem wohlwollenden Ägypten vermittelter Austausch möglich ist. Offenbar entschied sich die Regierung daraufhin, Zugeständnisse zu machen und so eine Lösung des Falls zu erreichen. Die Ägypter verhandeln in dieser Phase federführend.

"Die Ägypter haben hart gearbeitet, haben sich trotz ihrer eigenen innenpolitischen Probleme in die Sache hineingekniet", lobte der israelische Delegationschef David Meidan Kairo. In einer 24-stündigen Marathonsitzung, so die Darstellung der israelischen Zeitung "Haaretz", hätten sich die Chefunterhändler Israels und der Hamas auf die Feinheiten des Handels geeinigt. Laut der Zeitung kommunizierten die Konfliktparteien dabei über Zuträger, zu keinem Zeitpunkt hätten sich deren Repräsentanten in einem Raum aufgehalten.

Die schwierige Mission Gilad Schalit ist damit für den BND-Vermittler Gerhard C. beendet. In Berlin rechnet man aber schon jetzt damit, dass der deutsche "Mr. Hisbollah" schon bald bei ähnlichen Fällen wieder im Nahen Osten eingesetzt werden könnte.

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