Gefangenenaustausch Netanjahu warnt Freigelassene vor neuem Terror

Hunderte militante Palästinenser hat Israel im Austausch für Gilad Schalit freigelassen - Ministerpräsident Netanjahu droht jedem mit Konsequenzen, der zum Terror zurückkehrt. Schalit wurde inzwischen von Ärzten untersucht: Sie stellten Mangelernährung fest.

DPA

Jerusalem - Mit bewegenden Worten hat Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu den freigelassenen Soldaten Gilad Schalit begrüßt. "Willkommen in Israel, Gilad. Wie gut, dass du zurückgekommen bist." Auch an die Eltern des 25-Jährigen wandte er sich hochemotional: "Ich habe euch euer Kind zurückgebracht." Für die freigelassenen Palästinenser hatte Netanjahu eine andere Botschaft: "Wir werden den Terror weiter bekämpfen und jeder freigelassene Terrorist, der zum Terror zurückkehrt, wird dafür zur Rechenschaft gezogen."

In seiner Rede, die vom Fernsehen übertragen wurde, bekannte er: "Gilad ist heute heimgekehrt zu seiner Familie und seinem Volk. Dies ist ein bewegender Moment." Er sei sich bewusst, dass er eine schwere Verantwortung trage. "Dies sind Momente, in denen ein Führer allein ist und entscheiden muss", betonte er: "Ich habe an Gilad gedacht und die fünf Jahre, die er in einem Verließ gelitten hat. Ich wollte nicht, dass er dasselbe Schicksal erleidet wie Ron Arad." Der Flieger war vor 25 Jahren im Libanon in Gefangenschaft geraten und ist bis heute nicht zurückgekehrt.

Von den mehr als tausend Palästinensern, die im Gegenzug für Schalit freikommen, verbüßten über 300 lebenslange Haftstrafen wegen tödlicher Anschläge auf Israelis. Zunächst wurden 477 palästinensische Gefangene in die Freiheit entlassen. Mehr als 500 sollen noch folgen. Rund 40 Freigelassene dürfen nicht in die Palästinensergebiete zurückkehren. Sie sollen über Ägypten in Drittländer abgeschoben werden. Die Türkei, Katar und Syrien haben sich bereiterklärt, sie aufzunehmen. Der türkische Außenminister erklärte am Dienstag, sein Land werde rund zehn Häftlinge aufnehmen.

Schalit war nach fünf Jahren in palästinensischer Gewalt in seine Heimat zurückgekehrt. Auf den Bildern war er schmal und blass erschienen. Inzwischen bestätigten Militärärzte den Eindruck nach einer ersten Untersuchung. Schalit zeige Anzeichen von Mangelernährung und habe während der Gefangenschaft wohl auch zu selten die Sonne gesehen, heißt es aus dem Militär.

Am Nachmittag kehrte er unter dem Jubel hunderter Menschen in seinen Heimatort Mizpe Hila zurück. Er war an Bord eines Militärhubschraubers vom Luftwaffenstützpunkt Tel Nov bis in den Norden des Landes geflogen worden.

Weltweit fand die Freilassung Schalits große Anteilnahme. Kanzlerin Angela Merkel wünschte dem Soldaten, dass "er sich von allem, was er erleiden musste, rasch erholt und in sein Leben zurückfindet". Bundespräsident Christian Wulff erklärte, Deutschland freue sich mit ganz Israel über die Heimkehr. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon drückte die Hoffnung aus, dass der israelisch-palästinensische Gefangenenaustausch den festgefahrenen Friedensbemühungen für den Nahen Osten neue Impulse gibt.

Schalit sagte in seinem ersten Fernsehinterview nach der Freilassung: "Ich hoffe, dass diese Übereinkunft den Frieden zwischen Israel und Palästina fördert." Zuvor war er vom Gaza-Streifen über die ägyptische Sinai-Halbinsel zum Grenzübergang Kerem Schalom gebracht worden. Von dort wurde Schalit mit einem Hubschrauber zu einem israelischen Luftwaffenstützpunkt geflogen, um seine Eltern und Netanjahu zu treffen.

Schalit, der ein blaukariertes Hemd trug, betonte, er sei in guter Verfassung. Er habe erst vor einer Woche von seiner Freilassung erfahren. Mehrmals fiel ihm das Sprechen schwer.

In Israel herrschte wie im Gaza-Streifen Feierstimmung. An vielen Straßenecken hingen Willkommensschilder. Überall im Land liefen Live-Bilder von der Freilassung des Soldaten, der 2006 im Grenzgebiet zum Gaza-Streifen mit seiner Panzerbesatzung in einen Hinterhalt der radikalislamischen Hamas geriet und seitdem festgehalten wurde.

Kaum Hoffnungen auf Fortschritte im Friedensprozess

Den Gefangenenaustausch vereinbarte die israelische Regierung mit der Hamas, die von den USA und der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft wird. Obwohl Ban und Schalit selbst die Hoffnung äußerten, dass der Austausch den Friedensprozess vorantreiben könnte, halten dies viele Experten für unwahrscheinlich. Im vergangenen Jahr waren die gemeinsamen Gespräche wegen des Streites über den Bau jüdischer Siedlungen im Westjordanland gescheitert.

Das aus den USA, Russland, der EU und den Vereinten Nationen bestehende Nahost-Quartett hat die Konfliktparteien vor kurzem aufgerufen, innerhalb eines Monats die Friedensgespräche wieder aufzunehmen und bis Ende kommenden Jahres eine Einigung zu erzielen. Der Vorstoß des Quartetts soll eine Eskalation des Streits über den Antrag der Palästinenser auf Mitgliedschaft in den Uno und damit die Anerkennung als Staat vermeiden. Bewegung sollen nun getrennte Beratungen des Nahost-Quartetts mit Israelis und Palästinensern bringen, die für den 26. Oktober in Jerusalem geplant sind.

Israel hatte die Gefangennahme Schalits 2006 zum Anlass für eine massive Militäraktion gegen den Gaza-Streifen genommen. Außerdem verschärfte das Land die Blockade des von der Hamas beherrschten Küstengebiets. Zehntausende Palästinenser feierten die Rückkehr ihrer Landsleute als Sieg für die Hamas, begrüßten die Männer und Frauen als Helden mit Luftküssen und schwenkten Fahnen. Dem Vernehmen nach sitzen rund 6000 Palästinenser in israelischen Gefängnissen. Bereits am Dienstag kam es erneut zu Unruhen in den Grenzgebieten. Palästinenser warfen Steine auf israelische Soldaten, diese setzten Tränengas ein.

ler/dpa/dapd/Reuters

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
nahal, 18.10.2011
1. ?
Müssen 6-7 Stränge um das gleiche Thema sein?
pi_nutzer 18.10.2011
2. Absicht
Zitat von nahalMüssen 6-7 Stränge um das gleiche Thema sein?
Das ist Absicht, dadurch hat niemand mehr eine Übersicht, eine richtige Diskussion kommt nicht zu stande und die eigentliche Aufgabe der Diskussionsrunde, das Sammeln von Informationen und Meinungen, kann auf einfache Weise erfolgen. Wohin gehen all die Meinungen, wer profitiert davon?
latinvoice 18.10.2011
3. Mangelernährung
Zitat von sysopHunderte militante Palästinenser hat Israel*im Austausch für Gilad Schalit freigelassen - Ministerpräsident Netanjahu droht jedem mit Konsequenzen, der zum Terror zurückkehrt.*Schalit wurde inzwischen von Ärzten untersucht: Sie stellten Mangelernährung fest. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,792493,00.html
Er befand sich immerhin in Palästina. Wenn die Ärzte genauer untersuchen wollten, könnten sie feststellen, dass dort fast die gesamte Bevölkerung an mangelernährung litt.
unknown-01 18.10.2011
4. woher habt ihr diese informationen?
Zitat von latinvoiceEr befand sich immerhin in Palästina. Wenn die Ärzte genauer untersuchen wollten, könnten sie feststellen, dass dort fast die gesamte Bevölkerung an mangelernährung litt.
nach untersuchungen der uno und sämtlichen menschenrecht organisationen, wurden mehrmals die angaben der israelis bestätigt, dass die nahrungszufuhr in den gaza-streifen völlig ausreichend ist. bevor du das nächste mal so etwas schreibst, komm bitte mit belegen.
mo82 18.10.2011
5. Unsinn
Zitat von latinvoiceEr befand sich immerhin in Palästina. Wenn die Ärzte genauer untersuchen wollten, könnten sie feststellen, dass dort fast die gesamte Bevölkerung an mangelernährung litt.
Schon mal in letzter Zeit Fotos aus Gaza gesehen? In "Palästina" herrscht ein besserer Lebensstandard als in den meisten anderen arabischen Staaten.
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