Gefangener BBC-Reporter Lebensversicherung eines Mafia-Clans

Seit 105 Tagen wird Alan Johnston in Gaza gefangen gehalten - als Geisel eines mit der Hamas verfeindeten Mafia-Clans. Der Hamas kommt das gelegen: Durch die Befreiung des Reporters will sie ihr Image aufpolieren. Für Johnston ist das lebensgefährlich.

Aus dem Gaza-Streifen berichtet


Gaza - Am Sonntagmittag herrschte in Gaza-Stadt wieder der normale Wahnsinn. Davor war eine Woche lang Ruhe, hatten nur Autohupen, der Muezzinruf und das Rauschen des nahen Mittelmeers den Alltag im Gaza-Streifen untermalt. Am Sonntag hämmerten dann wieder Maschinengewehrsalven durch die Straßen, echote das dumpfe Wummern von Granatwerfern und Mörsern durch die Stadt.

Eine Familienfehde war im Gange, Deraui gegen Dugmusch. Doch hinter dem Angriff auf das Sabra-Stadtviertel, in dem sich der Dugmusch-Clan hinter Sandsäcken und Barrikaden verschanzt, steckte mehr als nur der Rachedurst einer Familie, die zwei ihrer Söhne durch die Dugmuschs verloren hat. Die Gefechte waren der Auftakt zu einer gewaltsamen Befreiung des gekidnappten BBC-Reporters Alan Johnston, der seit über drei Monaten von der von den Dugmuschs kontrollierten "Armee des Islam" gefangen gehalten wird, sagen Menschen, die sich in Gaza bestens auskennen.

Dass der Dugmusch-Clan, mit Verweis auf die US-Fernsehserie auch die "Sopranos von Gaza" genannt, Johnston in seiner Gewalt hält, ist ein offenes Geheimnis in Gaza. Trotzdem will niemand, der etwas über die Hintergründe der Entführung erzählen kann, beim Namen genannt werden: Zu lang ist der Arm der Mafia, als dass man sich mit ihr anlegen will. In Gesprächen mit verschiedenen Informanten ergibt sich dennoch ein erstaunlich detailliertes Bild der Geiselnahme. Es entsteht das Panorama eines von Mafia-Rivalen umkämpften Landstrichs, in dem sich Dramen abspielen, die in ihrer Gnadenlosigkeit und Brutalität an Shakespeares Montagues und Capulets erinnern.

Einfach gesagt, ist die Dugmusch-Familie ein Clan in bester Cosa- Nostra-Tradition. Rund 2500 Mann stark, gehört er zu den kleineren Familien im Gaza-Streifen, in dem Großfamilien auch schon mal 5000 oder 7000 Angehörige haben. Was die Dugmusch so gefährlich macht, ist ihr Zusammenhalt und ihr immenses Waffenarsenal.

Bis zur Bildung der palästinensischen Autonomiebehörde 1994 waren die Dugmusch einfache Leute: Sie betrieben einen Lieferdienst mit Eselskarren, fuhren Lebensmittel und Baumaterial durch Gaza-Stadt. Nebenbei schmuggelten sie Zigaretten und Drogen über die ägyptische Grenze nach Gaza. Das gut ausgebaute Schmugglernetz und enge persönliche Kontakte mit der Fatah-Partei erlaubten es ihnen schließlich, ins profitablere Waffengeschäft einzusteigen – der Grundstein zu einem Imperium. Das ganz große Geld machten die Dugmusch dann im Baugeschäft. Einem Familienmitglied gehören allein 20 der luxuriösesten Apartmentblocks in Gaza-Stadt. "Er ist mein Vermieter", sagt einer der Informanten.

Die "Armee des Islam" hat kriminelle Ziele

Der Pate des Clans ist Mumtas Dugmusch. Als Stratege des zu einer Hälfte Hamas-nahen "Public Resistance Committee" (PRC) verdiente er sich in der zweiten Intifada ab 2000 seine Sporen als Milizenführer, wurde von der Hamas jedoch übergangen, als es um die Nachfolge für den getöteten Chef der PRC ging.

Mit dem Segen der Hamas gründete der Enttäuschte daraufhin seine eigene Miliz, die "Armee des Islam", berichtet ein dem palästinensischen Geheimdienst nahe Stehender. Die Truppe soll fast ausschließlich aus Dugmusch-Männern bestehen und eher kriminelle als religiös-politische Ziele verfolgen. Die Armee trat das erste Mal bei der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit heute vor einem Jahr in Erscheinung. Die "Armee des Islam", Hamas und das PRC gaben damals an, das Kidnapping gemeinsam geplant und ausgeführt zu haben.

Zum endgültigen Bruch von Mumtas Dugmusch mit der Hamas kam es wenige Wochen später im August 2006. Seine "Armee des Islam" kidnappte zwei Journalisten des US-amerikanischen Fernsehsenders "Fox News" und kassierte nach zwei Wochen Geiseldrama Gerüchten zufolge zwischen 450.000 und 1,2 Millionen Dollar Lösegeld. "Die sind eben nicht pro-Islam, die sind pro-US-Dollar", sagt ein Informant.

Die Hamas, bemüht zu zeigen, dass sie für Recht und Ordnung sorgen kann, habe durch Dugmusch ihr Gesicht verloren, so der Informant. In Zukunft mussten sich Mumtas Dugmusch und seine Männer vor der Hamas in Acht nehmen. Noch mehr böses Blut entstand, als die Dugmusch mit Waffengewalt verhindern wollten, dass die Hamas in ihrem Stadtviertel eine Basis errichtet. Zwei Dugmusch-Männer starben, der Clan übte Blutrache, seitdem wird Muzad Dugmusch – Mumtas’ Bruder – wegen Mordes an einem Hamas-Mann gesucht. "Der Gaza-Streifen ist nicht groß genug für die Dugmusch und die Hamas", sagt der Insider.



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