Gefecht mit Koalitionstruppen Entführer zweier deutscher Ingenieure in Afghanistan getötet

Vor knapp einem Jahr wurden zwei deutsche Bauingenieure in Afghanistan entführt - jetzt ist der mutmaßliche Anführer der Geiselnehmer getötet worden. Mullah Nissam kam offenbar in der Nacht zu Samstag durch US-Truppen ums Leben. Insider berichteten SPIEGEL ONLINE von einer gut organisierten Kommandoaktion.

Von und Shoib Najafizada


Deutsche Behörden konnten den Tod von Mullah Nissam bis zum Samstagabend nicht verifizieren, auch die Botschaft in Kabul hatte bis dahin keine Details von der US-Armee oder der afghanischen Regierung bekommen. Das Auswärtige Amt (AA), das alle Bemühungen zur Befreiung der deutschen Geisel Rudolf Blechschmidt in einem Krisenstab koordiniert hatte, konnte den Tod Nissams nicht bestätigen. "Wir gehen den Hinweisen nach", sagte ein Sprecher am Samstagabend.

In Berliner Regierungskreisen war jedoch eine militärische Operation zur Festnahme oder Tötung von Nissam durchaus erwartet worden, da Diplomaten in Kabul in den vergangenen Wochen mehrmals Druck bei afghanischen Politikern und Militärs gemacht hatten. Dabei betonten die deutschen Vertreter, dass man mehr Aktivitäten der Afghanen bei der Jagd nach dem Geiselnehmer erwarte.

Der Chef der lokalen Polizei der Region, in der Nissam ums Leben kam, bestätigte lediglich, dass der Kommandeur gegen 2 Uhr morgens am Samstag getötet worden sei. "Wir wollten ihn lebend festnehmen, doch Nissam zeigte Widerstand und wurde deshalb von US-Truppen getötet", sagte Polizeichef Muzaferudin SPIEGEL ONLINE per Telefon. Nach seinen Angaben wurden außer Nissam auch noch zwei andere Männer getötet, mit denen sich der Kommandeur offenbar getroffen hatte.

Vom Provinzgouverneur in die Falle gelockt?

Wie in Afghanistan üblich wucherten schon kurz nach dem Tod Nissams üppige Gerüchte über die Hintergründe der Operation gegen den Kidnapper. So wusste ein Stammesältester aus dem Distrikt Jagatho in der Provinz Wardak zu berichten, Nissam sei vom Gouverneur der Provinz in eine Falle gelockt worden. Demnach habe der Gouverneur Abd al-Jabar Naimi, von westlichen Diplomaten als schwach und mehr oder minder handlungsunwillig eingestuft, Nissam am Freitagabend zu einem Treffen in der Region Dana beordert.

Schließlich sei Naimi verschwunden und kurz darauf hätten US-Helikopter die Zelte, in denen Nissam war, angegriffen und den Kommandeur getötet. Sowohl der Polizeichef als auch andere Offizielle aus der Region widersprachen diesen Angaben. Allerdings erscheint eine solche Falle in Afghanistan als durchaus wahrscheinlich. Die Nennung des Gouverneurs als Tippgeber könnte jedoch auch dazu dienen, diesen in der Region als Spitzel der unbeliebten US-Truppen zu diskreditieren.

Die Taliban ließen durch einen Sprecher lediglich mitteilen, dass Mullah Nissam getötet worden sei. "Mullah Nissam war mein Freund und er war einer unserer wichtigen Kommandeure in Wardak", teilte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahed SPIEGEL ONLINE per Telefon mit, "vergangene Nacht wurde er von den Amerikanern gemeinsam mit zwei Freunden getötet".

Festnahmen nach SPIEGEL-Artikel

Neue Aktivitäten in dem Fall, in dem seit der Freilassung von Rudolf Blechschmidt im Herbst 2007 kaum etwas passiert war, hatte unter anderem auch ein SPIEGEL-Artikel vom 5. Mai 2008 ausgelöst. Ohne größere Probleme hatte ein SPIEGEL-Mitarbeiter Nissam in den Bergen Wardaks aufgestöbert und interviewt. Seitdem waren bereits drei Kämpfer von Nissam festgenommen worden, darunter ein Subkommandeur, der bei dem Kidnapping eine wichtige Rolle innehatte.

In dem Interview bekannte Nissam, auf der Seite der Taliban zu stehen: "Wir möchten die Ungläubigen beseitigen, erst die afghanischen Ungläubigen und danach die ausländischen Ungläubigen, bis sie unser Land verlassen haben", sagte er.

Für die Afghanen waren die Äußerungen Nissams mehr als peinlich: Exemplarisch zeigte sich, wie einfach es ist, Schwerkriminelle wie Nissam zu finden. Die Unerschrockenheit Nissams legt gleichsam nahe, dass die afghanische Polizei entweder nicht in der Lage oder gar nicht gewillt ist, Festnahmen nach Geiselnahmen durchzuführen. Dass es nun die Amerikaner waren, die die Operation durchführten, merzt die großen Zweifel an den afghanischen Behörden nicht aus.

"Erschießt mich, erschießt mich"

Mullah Nissam, ein junger Kommandeur um die 30 Jahre alt, galt während der Geiselnahme eher als lokaler Krimineller denn als Taliban. Nach der Befreiung der deutschen Geisel allerdings mussten deutsche Behörden ihre Einschätzung zumindest nachjustieren. Allein die Aussagen der Geisel, die von stundenlangen politischen Diskussionen, durchreisenden Selbstmordattentätern und vielen Kontakten nach Pakistan berichtete, deuteten auf eine stärkere Einbindung in das lose Netzwerk der Taliban hin.

Nissam hatten die beiden deutschen Ingenieure Rudolf Blechschmidt und Rüdiger Diedrich im Juli 2007 entführt, als diese gemeinsam mit einem afghanischen Geschäftsmann einen Staudamm im Bezirk Wardak, rund 250 Kilometer südwestlich von Kabul, inspizieren wollten. Beim Marsch in die Berge tötete einer der Geiselnehmer Diedrich - offenbar, weil dieser die anstrengende Flucht vor der Polizei nicht mehr durchhielt. Blechschmidt kam nach fast drei Monaten Geiselhaft und einer Zahlung von 600.000 Dollar Lösegeld schließlich frei.

Im SPIEGEL-Interview hatte Nissam den Mord an Rüdiger Diedrich als Missverständnis verkauft: Zwei "unerfahrene Freunde" seiner Gruppe hätten Diedrichs Hinweise auf sein Herzleiden falsch interpretiert. "Unsere Freunde haben gedacht, dass er bittet: 'Erschießt mich, erschießt mich.'" Als Diedrich sich völlig erschöpft an einen Hang gesetzt habe, "da hat einer von den Jungen ihn erschossen".

Soldaten durchkämmen weiter die Region

Nach Erscheinen des SPIEGEL-Beitrags hatten die Afghanen Mitarbeitern der deutschen Botschaft mehrfach versprochen, dass sie sich für eine Festnahme Nissams einsetzen wollten. Mehrere hochrangige Beamte des Innenministeriums, vor allem aber der Anti-Terror-Einheit der Armee, kümmerten sich demnach um den Plan für eine Operation in Wardak. Die Region gilt als kaum zugänglich – auch, weil die internationale Isaf-Truppe dort nur mit einem kleinen Lager vertreten ist, das wenig militärische Schlagkraft hat.

Mit der Tötung Nissams scheint die Operation aber noch nicht abgeschlossen zu sein. Anwohner berichteten SPIEGEL ONLINE per Telefon, dass afghanische Soldaten die Region am Samstag nach weiteren Kämpfern Nissams durchsucht hätten. Ob es Festnahmen gab, blieb unklar.

Deutsche Behörden vermuteten schon während der Geiselnahme, dass Nissam die Entführung nur im Auftrag von Geschäftsleuten aus der Region durchgeführt hatte, da diese sich bei einem Auftrag zur Renovierung des lokalen Staudamms nicht ausreichend berücksichtigt sahen. Obwohl die Deutschen die möglichen Hintermänner durchaus namentlich kennen und diese teilweise aus dem afghanischen Polit-Establishment stammen, gilt eine Festnahme der Auftraggeber als sehr unwahrscheinlich.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Pablo alto, 05.07.2008
1. Klare Ansage
---Zitat von Schlagzeile--- Entführer von zwei deutschen Ingenieuren in Afghanistan getötet http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,564104,00.html ---Zitatende--- Geniale Überschrift: Da steht, dass zwei deutsche Ingenieure einen Entführer getötet haben. War's so? Oder gehört das nächste Woche in den Hohlspiegel?
seine_unermesslichkeit 05.07.2008
2. Meine Anerkennung!
Zweifelsohne eine erfreuliche Nachricht. Mullah Nissam kann nun niemanden mehr entführen!
sebastian... 05.07.2008
3. Sehr missverständlicher Titel
Haben die zwei deutschen Ingenieure den Entführer getötet?
duk2500 05.07.2008
4. Eher nicht resozialisierbar?
Nachdem sich an Gangstern dieses Kalibers auch der motivierteste Sozialpaedagoge oder Gefaengnispsychologe die Zaehne ausgebissen haette, duerften auch ueberzeugte Anhaenger des resozialisierenden Strafvollzugs einsehen, dass in diesem Falle die nolens oder volens vollzogene Befoerderung des "Mullahs" zu den 99 Jungfrauen die beste aller Handlungsalternativen war.
bico 05.07.2008
5. Hohlspiegel
Zitat von sysopKnapp ein Jahr nach der Entführung von zwei deutschen Bauingenieuren in Afghanistan ist der mutmaßliche Anführer der Geiselnehmer getötet worden. Mullah Nissam kam nach afghanischen Angaben in der Nacht zu Samstag durch US-Truppen ums Leben. Insider berichteten SPIEGEL ONLINE von einer gut organisierten Kommando-Aktion. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,564104,00.html
Der Titel ist etwas irreführend. Haben da zwei deutsche Ingenieure einen afghanischen Entführer getötet?
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