Gefechte in Tripolis Rebellen bekämpfen Gaddafis letzte Getreue

Die Aufständischen in Libyen rüsten für die letzte Konfrontation: Sie haben Tripolis fast völlig unter Kontrolle, der Propaganda- und Terrorapparat Muammar al-Gaddafis zerfällt - der Despot selbst bleibt verschwunden. Kampfjets der Nato nahmen in der Nacht seine Residenz unter Feuer.

AP

Tripolis - Die Suche nach dem Despoten bleibt das große Ziel der Eroberer von Tripolis: Auch nachdem die Rebellen am Sonntag und Montag beinahe die komplette libysche Hauptstadt eingenommen haben, war der Verbleib von Machthaber Muammar al-Gaddafi unklar. Er sei längst geflohen, mutmaßten die einen, darunter auch internationale Stimmen - andere glauben, er halte sich noch irgendwo in der Stadt versteckt. Nach Mitternacht deutscher Zeit meldete der TV-Sender al-Arabija, die Nato habe mit dem Bombardement der Gaddafi-Residenz begonnen. Er berief sich auf Zeugen aus dem Rebellen-Lager, die die Explosionen gehört haben wollen.

Wenn sich Gaddafi noch in dem Gebäudekomplex oder anderswo in Tripolis aufhält, ist seine Flucht zum jetzigen Zeitpunkt wohl unmöglich. Davon jedenfalls gehen die Aufständischen selbst aus, die laut ihrem Sprecher Checkpunkte an den Zugängen zur Stadt errichten und hoffen, dass Gaddafi oder ein Mitglied seiner Familie ihnen ins Netz geht. Seit Monaten betonen die Rebellen immer wieder, dass nur Gaddafis Sturz den Bürgerkrieg beenden könne. Und selbst wenn das Nato-Mandat offiziell zum Schutz der libyschen Bevölkerung ausgestellt wurde, verfolgen auch die Flieger der Militärallianz de facto dieses Ziel.

Während sich der Präsident weiterhin der Justiz des inzwischen von vielen internationalen Staaten anerkannten Rebellenrates entziehen kann, gelang es den Aufständischen immerhin, die Zahl seiner Unterstützer nach und nach zu dezimieren. Gaddafis Appelle zur Rettung Tripolis' vor den Feinden des Regimes, verbreitet als Audiobotschaften, schienen weitestgehend zu verhallen. Und von wo auch immer sich Gaddafi aufhält, musste er seit Sonntag mit anschauen und anhören, wie mehr und mehr seiner Verbündeten gefangen genommen wurden oder überliefen.

Der "Guardian"-Journalist Martin Chulov teilte über seinen Twitter-Account mit, Gaddafis Scharfschützen auf dem Grünen Platz im Zentrum Tripolis' hätten sich den Rebellen ergeben. Verschiedenen Medienberichten zufolge wechselten auch mehrere Mitarbeiter libyscher Auslandsvertretungen die Seiten, darunter in Syrien und Marokko.

Eine unabhängige Bestätigung gab es hierfür wie für die meisten Informationen aus der Stadt in diesen Tagen allerdings nicht. Auch in einigen anderen Aspekten können die Nachrichten seit dem Einmarsch der Rebellen in Tripolis im besten Fall als diffus bezeichnet werden. Noch immer ist es ausschließlich der Übergangsrat der Rebellen, der die Kunde von der Festnahme der Gaddafi-Söhne Saadi, Saif al-Islam und Mohammed verbreitet.

Festgenommene Söhne, bröckelnder Staatsapparat

In der Nacht (Ortszeit) meldete der arabische Fernsehsender al-Dschasira dann unter Berufung auf anonyme Quellen, dass möglicherweise die Leiche von Chami al-Gaddafi gefunden worden sei; zudem hieß es, Mohammed habe sich befreien können. Er hatte sich am späten Sonntagabend den Rebellen gestellt und stand seither unter Hausarrest. Ein ranghoher Vertreter bestätige die Flucht später laut AFP.

Auch Gaddafis einst verlässliches System der Staatspropaganda bröckelt: Nachdem Rebellen die Zentrale des Staatsfernsehens gestürmt hatten, blieben die Bildschirme - von einem Logo abgesehen - schwarz. Hala Misrati, Ankerfrau des Senders al-Dschmahirija, wurde gefangen genommen. Sie hatte sich durch ihre Pro-Gaddafi-Berichterstattung keine Freunde unter den Aufständischen gemacht und vor wenigen Tagen den Vogel abgeschossen, als sie vor laufender Kamera eine Waffe zückte und ankündigte, den Sender zu verteidigen: Entweder werde sie sterben oder die Waffe benutzen. Der britische "Guardian" sieht in der Einnahme der Sendezentrale einen "Wendepunkt in der Revolution". Laut BBC könnte der einzige verbleibende Gaddafi-freundliche TV-Sender von Beirut aus senden.

Doch auch wenn sich die Schlinge um Gaddafis Hals weiter zuzieht, haben die Kämpfe in Libyen, vor allem in der Hauptstadt Tripolis, noch kein Ende. Das wissen nicht nur westliche Regierungsvertreter, die den Aufständischen seit Sonntag gratulierten und gleichzeitig davor warnten, zu früh in Siegestaumel zu verfallen. Korrespondenten aus Tripolis berichten ebenso von friedlichen, geradezu gelassenen Bürgern auf den Straßen der Stadt wie von anhaltenden Feuergefechten und Explosionen.

Der Militärsprecher des Übergangsrates, Ahmed Omar Bani, zeigte sich optimistisch, dass die Kämpfe bald ein Ende haben könnten. Die Rebellen kontrollierten inzwischen 95 Prozent von Tripolis, sagte er der BBC. In der Nacht zum Dienstag wurden schon vor dem Nato-Bombardement Gefechte in der Nähe von Gaddafis Residenz gemeldet. Die Aufständischen rüsten sich für die letzte Konfrontation, stellen sich aber auf längere Kämpfe rund um das Hauptquartier ein.

"Noch ein oder zwei Tage, und wir werden komplett frei sein", prophezeite der Ratssprecher. Gaddafis Truppen sollen restlos die Waffen niederlegen und den Weg frei machen für ein neues Libyen. Doch ein Ziel bleibt: Gaddafi selbst.

can



insgesamt 2 Beiträge
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denkmal666 23.08.2011
1. War es das wirklich?
So, nun scheint es entschieden. Gaddafi-Gegner siegen über Gaddafi-Freunde. Dumm nur, daß die Gadaffi-Freunde immer noch äußerst zahlreich sind. Was wird mit denen nun geschehen? Wird es einen libyschen § 130 geben? Werden wir in Zukunft überhaupt etwas Wahres über Libyen erfahren?
Laotse, 23.08.2011
2. Frauen auf der Straße...
Gaddafi zeigte durchaus bei seinen Paraden einige martialische Frauenregimenter unter Waffen - doch warum sterben? Langt es nicht die Quote beim Sold durchzusetzen? Nein? Dann gehen wir besser Heim...
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