Burma Vom Folteropfer zum Freiheitskämpfer

Mit 14 begann Nandar Sitt Aung sich gegen Burmas Regierung aufzulehnen. Die Quittung: acht Jahre Folterhaft. Nun ist er draußen und kämpft für Freiheit in seiner Heimat - doch die Erinnerung lässt ihn nicht los.

Marcel Klovert

Aus Yangon berichtet


Yangon - Der burmesische Geheimdienst folterte ihn tagelang. Sie verbanden ihm die Augen, fesselten seine Hände auf dem Rücken. Kaum Schlaf, Wasser oder Essen, ständig Schläge. Sie fragten ihn nichts, quälten ihn nur. Nach zwei Wochen brach er zusammen. So erinnert sich Nandar Sitt Aung, 34, an seine Zeit im Gefängnis.

Er war damals 23 Jahre alt, ein Lehramtsstudent aus Yangon, Burma. Das Militärregime, das das südostasiatische Land seit den Achtzigerjahren beherrschte, warf ihm vor, eine illegale Organisation gegründet zu haben. Sitt Aung war Chef eines Dachverbands von Studentenvertretungen. Und die sind in Burma verboten - bis heute.

Es hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan: Die Junta ist offiziell einer zivilen Regierung gewichen. Die lässt Wahlen zu, die Oppositionspartei NLD der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ist ins Parlament eingezogen. Die Zensur wurde gelockert, das Versammlungsverbot abgeschafft, Hunderte politische Gefangene entlassen.

Damit hat die Regierung es geschafft, Burma aus der Isolation zu holen. Der Westen hat seine Sanktionen weitgehend aufgehoben. Hochrangige Politiker, Investoren und Touristen kommen ins Land. Doch viele Burmesen bleiben skeptisch.

Sitt Aung sitzt im Zentrum von Yangon auf einer Wiese, im Lotussitz. Um ihn herum spielen Kinder, Pärchen picknicken. "Vor ein paar Jahren war der Park noch leer", sagt er. Jetzt kann er es wagen, hier offen über sein liebstes Thema zu reden: die Demokratie. "Es bewegt sich was an der Oberfläche", sagt er, "aber den Kern berührt das nicht."

Die Wahlen waren weder frei noch fair

Dieselben Leute hätten in Burma immer noch das Sagen, kritisiert Sitt Aung. Dass die Wahlen 2010, die ersten seit 20 Jahren, weder frei noch fair waren, bemängelte damals auch die Uno. Präsident Thein Sein, ein Ex-General, war während der Diktatur bereits Regierungsvize. Das Militär kann laut Verfassung im Fall eines Notstands die Macht übernehmen. Zudem vergibt es ein Viertel aller Sitze im Parlament. "Die Regierung versucht mit Tricks, so lange wie möglich an der Macht zu bleiben", sagt Sitt Aung.

Wenn Sitt Aung von Politik spricht, beugt er sich nach vorn, und seine Hände sind ständig in Bewegung. "Die Zeit im Gefängnis hat mich noch stärker gemacht", sagt der schmale Mann. Seit drei Jahren ist er frei. Er trägt einen burmesischen Sarong, einen Longyi, und ein weißes Polohemd. Sein Kopf wirkt zu groß für den Körper, das Gesicht grob. Es sind die braunen Augen, die verraten, dass Sitt Aung Menschen führen und begeistern kann. Sie schauen wach und konzentriert.

Sitt Aung fing mit 14 Jahren an, heimlich Flugblätter zu verteilen. Seit seiner Freilassung sitzt er fast jeden Tag in Diskussionsrunden, organisiert Demos, formuliert politische Forderungen. Er hat ein Netzwerk aus 70 demokratischen Gruppen mitgegründet, berät einen Gewerkschaftsbund und unterstützt die Studentenbewegung, die für mehr Selbstbestimmung streitet. Das alles tut er ehrenamtlich. "Meine Eltern unterstützen mich", sagt er. Sein Vater, Anwalt und Demokrat, saß sieben Jahre in Haft.

Doch die Erinnerung an die Haft lässt Sitt Aung nicht los. Sie folterten ihn noch ein zweites Mal während seiner acht Jahre im Gefängnis. 2005 war unter den Häftlingen ein Hungerstreik ausgebrochen, die Wärter sahen in ihm einen Anstifter. Die Strafe: drei Tage Schlafentzug. Wenn er einzuschlafen drohte, brüllten ihn die Wachen an, schlugen auf Metallplatten ein und ließen Hunde kläffen.

Der Traum von freien Wahlen

Seit sich Burma öffnet, träumt Sitt Aung wieder. Davon, dass die Nationale Liga für Demokratie (NLD), die im Parlament derzeit nur 43 von 664 Sitzen hat, mehr Einfluss bekommt. "Aung San Suu Kyi hat die Unterstützung der Menschen, deswegen kann sie das Land führen", glaubt er.

Vor allem aber träumt er von freien Wahlen. Die Burmesen stimmen Ende 2015 für ein neues Parlament. Doch Sitt Aung wagt nicht zu hoffen, dass das diesmal ohne Manipulationen abgeht. "Vielleicht sind wir in zehn Jahren so weit", sagt er. "Wenn das ganze Volk freie Wahlen einfordert."

Es war der 13. Januar 2012, als Sitt Aung vorzeitig freikam. "Wenn du wieder etwas verbrichst, sitzt du die restlichen zwölf Jahre auch noch ab", drohten ihm die Wärter. Draußen wartete eine Menschenmenge, mit Kerzen. Ihm wurde schwindelig von den Farben, dem Licht, den Autohupen, den Frauen- und Kinderstimmen, die er so lang nicht gehört hatte. Tränen liefen über sein Gesicht. "Ich war glücklich, aber auch überfordert", erinnert er sich.

Freiheit, Demokratie, Glück - für Sitt Aung gehört das zusammen. Dafür vernachlässigt er seine Familie und sein Privatleben, sieht seine Freundin nur einmal im Monat. Er könnte sich auch rausziehen, sich einen Job suchen, der Geld bringt. Doch wer treibt dann den Wandel voran? "Ich habe Angst, dass die Menschen die Hoffnung verlieren, dass sich etwas ändern kann", sagt er. Und ohne Hoffnung will er nie mehr sein.



insgesamt 6 Beiträge
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stdue 04.01.2015
1. Myanmar - Burma - Birma
Vielleicht sollte man auch hier bei SPO auch einmal den aktuellen Landesnamen laut Vereinta Nationen usw. verwenden s.a. Wikipedia "Myanmar". "Die Umbenennung erfolgte durch das Gesetz Nr. 15/89 vom 18. Juni 1989.. "
Warschauer 04.01.2015
2. Hoffnung für Burma/Myanmar
Ich bin gerade von einer 3-wöchigen Reise durch Burma/Myanmar zurückgekehrt. Die politische Situation erinnert ein wenig an 1989 in Polen vor dem Fall der Mauer, nach dem runden Tisch und den ersten freien Parlamentswahlen aber noch mit General Jaruzelski als Präsidenten. Den Aufbruch in Burma kann man spüren, sehen, einatmen. Ein zurück in die Isolation ist kaum vorstellbar. Entscheidend wird sein, wie schnell und wirksam die alten Strukturen und Korruption durch ein funktionierendes System im öffentlichen und wirtschaftlichen Leben ersetzt werden können, denn davon ist das Land weit entfernt.
tinosaurus 04.01.2015
3. sehr mutig
da kann ich nur tiefen Respekt und Hochachtung empfinden. Und er hat absolut Recht. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
bertholdrosswag 04.01.2015
4. beeindruckend
sehr beeindruckend. Mögen sein Einsatz nicht umsonst sein und eine Demokratie ihn dann nicht entäuschen.
nilaterne 05.01.2015
5. Ich hoffe
dass er nie die Freude an der Zukunft verliert. Die Hoffnung darf niemand verlieren,sonst ist man verloren
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