Geheimagenten in den USA FBI zerschlägt russischen Spionagering

Der Fall wirkt wie ein Thriller aus dem Kalten Krieg: Jahrzehntelang sollen zehn Männer und Frauen in russischem Auftrag amerikanische Politiker mit modernster Technik ausspioniert haben. US-Ermittler waren den mutmaßlichen Agenten auf der Spur - jetzt schlugen sie zu.
Geheimagenten in den USA: FBI zerschlägt russischen Spionagering

Geheimagenten in den USA: FBI zerschlägt russischen Spionagering

Foto: Shireley SHEPARD/ AFP

New York - Die Kleinstadt Montclair in New Jersey liegt etwa 30 Kilometer von New York entfernt, ein grünes Städtchen mit vielen Parks, rund 40.000 Menschen leben hier. In einem Holzhaus mit braunen Fensterläden wohnten Cynthia und Richard, ein ganz normales Ehepaar - vermeintlich.

Denn Cynthia und Richard sollen Teil eines geheimen Netzwerks gewesen sein, das für Russland spionierte. Sie sind zwei von insgesamt zehn mutmaßlichen Agenten, die seit Jahrzehnten in den USA operiert haben sollen. Bereits am Sonntag schlugen die US-Behörden zu, wie nun bekannt geworden ist: Die Verdächtigen seien in den vier nordöstlichen Bundesstaaten New York, New Jersey, Massachusetts und Virginia festgenommen worden, teilte das Justizministerium mit. Neun von ihnen wird neben des Verdachts auf Agententätigkeit auch Geldwäsche zur Last gelegt. Ihnen drohen bis zu 25 Jahre Haft.

Russland

Die Geschichte der mutmaßlichen Spione - die nach eigenen Angaben aus den USA, Kanada, Peru und stammen - liest sich wie ein Thriller aus der Zeit des Kalten Krieges. Sie benutzten gefälschte Pässe bei Reisen nach Moskau und zurück. Außerdem wurde die Identität eines verstorbenen Kanadiers verwendet. Ein Geldlager war jahrelang in einem Feld vergraben. So geht es aus Akten eines Bundesgerichts in New York hervor, aus denen "New York Times" und "Washington Post" zitieren.

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USA: Verdächtige in der Vorstadt

Foto: Shireley SHEPARD/ AFP

Daten seien über ein geheimes elektronisches Netz von Laptop zu Laptop weitergegeben worden. Die mutmaßlichen Spione veröffentlichten Bilder im Internet - doch was ihre Gegner nicht wussten: In diese Fotos hatten sie verschlüsselte Botschaften eingebaut.

Regierungsnahe Kreise in Washington infiltrieren

Das Ziel: Sie sollten dem Hauptquartier des russischen Auslandsgeheimdienstes SVR Bericht erstatten und demnach regierungsnahe Kreise in den USA infiltrieren. Laut FBI sollten sie unter anderem Informationen über die US-Politik gegenüber Afghanistan und Iran sowie über einen damals geplanten Rüstungsvertrag zwischen Washington und Moskau sammeln. Die Verdächtigen hätten auch einen Atomwaffenforscher und einen früheren hochrangigen Beamter, der mit Fragen der nationalen Sicherheit vertraut war, kontaktiert.

FBI

"Ihre Ausbildung, Bankkonten, Auto, Haus - all dies dient einem Ziel: ihre Hauptmission zu erfüllen, das heißt Verbindungen in Politik-Kreise in den USA aufzutun und zu entwickeln", zitierte die Bundespolizei aus einer entschlüsselten Botschaft.

Doch wen genau die angeblichen Agenten ausspionierten und ob sie erfolgreich waren, dazu machte das US-Justizministerium keine genaueren Angaben. Die Missionen der meisten Verdächtigen seien langfristig angelegt gewesen - teilweise operierten sie seit Anfang der neunziger Jahre. Sie hätten auch außerordentlich verdeckt gearbeitet. Offiziell gingen sie unverdächtigen Jobs nach, etwa als Reporterin in einer spanischsprachigen Zeitung oder Angestellter in einem Reisebüro. Acht der Verdächtigen waren verheiratet.

Wohnungen überwacht, Anrufe mitgeschnitten, E-Mails mitgelesen

Das Netzwerk wurde aber selbst ausgespäht. US-Agenten hätten sich unter anderem als russische Regierungsbeamte getarnt und mit den Verdächtigten getroffen. Die Behörden hätten die mutmaßlichen Spione mehr als zehn Jahre lang überwacht, sie in ihren Wohnungen und in Hotelzimmern abgehört, ihre Anrufe mitgeschnitten und ihre E-Mails gelesen.

Am Sonntag schlug das FBI zu, inszenierte dafür eine Geldübergabe in einem Park. Ein Verdächtiger hatte 5000 Dollar in einem Briefumschlag in einer Zeitung platziert - und wurde dann festgenommen.

Fünf der Verdächtigen wurden am Montag einem Bundesgericht in New York vorgeführt. Der Richter klagte sie zwar vorerst nicht offiziell an, setzte sie wegen Fluchtgefahr jedoch nicht auf freien Fuß. Die anderen fünf Verdächtigen sollten Gerichten in Virginia und Boston im Bundesstaat Massachusetts vorgeführt werden. Neben den zehn Festgenommenen sei ein weiterer Mann angeklagt, der noch auf der Flucht sei.

Das Bundesgericht in New York setzte für Donnerstag eine weitere Anhörung zu Anträgen der Verdächtigen an, auf Kaution freigelassen zu werden. Außerdem wurde für den 27. Juli eine Vor-Anhörung zu den Vorwürfen angekündigt. Agententätigkeit für eine fremde Regierung wird den Angaben zufolge in den USA mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet, Geldwäsche hingegen mit bis zu 20.

Russland ist "solide und verlässlich"

Russland will die Vorwürfe nun prüfen. Das russische Außenministerium bezeichnete die US-Informationen als "widersprüchlich", meldete die Agentur Interfax. "Wir werten alle Informationen aus", hieß es in Moskau. Der russische Auslandsgeheimdienst SVR lehnte einen Kommentar zu den Anschuldigungen ab.

Das Weiße Haus gab zunächst keine Stellungnahme zu den Festnahmen und möglichen Auswirkungen auf die Beziehungen zu Moskau ab. Erst am Donnerstag waren im Weißen Haus US-Präsident Barack Obama und sein russischer Kollege Dmitrij Medwedew zusammengetroffen. Dabei vereinbarten sie eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie eine stärkere Kooperation der Geheimdienste sowie im Kampf gegen den Terror. Obama hatte den Kreml-Chef dabei als "Freund und Partner" bezeichnet. Medwedew sei "solide und verlässlich".

kgp/AFP/dpa
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