Geheimdienste Operation Roter Hering

Parteigeneralsekretär Pieter Bouvé alias Chris Petersen galt mehr als 20 Jahre lang als Pekings Mann in Amsterdam. Heute weiß man: Er war ein Maulwurf, und seine "Marxistisch-Leninistische Partei der Niederlande" war eine Tarnorganisation des niederländischen Geheimdienstes.

Von Erich Wiedemann


Chinas großer Vorsitzender Mao Tse-Tung: Maulwürfe in den Niederlanden
AP

Chinas großer Vorsitzender Mao Tse-Tung: Maulwürfe in den Niederlanden

Hamburg - Wenn der Parteivorsitzende Pieter Bouvé an seinem Krückstock die Kostverlorenstraat in Zandvoort an Zee herunterhumpelt und dabei die Melodie von "Der Osten ist rot" summt, dann merkt man ihm nicht an, dass er mal ein bedeutender und vielumworbener Mann war. Seine Partei vertritt die Interessen der Zandvoorter Rentner und Pensionäre. Sie hat nicht viele Mitglieder. "Aber jeder Einzelne hier ist echt", sagt Bouvé. Das unterscheidet seine jetzige von seiner früheren Partei.

Nun, da der Kalte Krieg vorbei ist, kann er es ja sagen: Die Marxistisch-Leninistische Partei der Niederlande" (MLPN) war gar keine Partei, sondern eine Tarnorganisation des "Binnenlandse Veiligheitsdienst" (BVD), des niederländischen Geheimdienstes, und ihr Generalsekretär war auch kein Marxist, sondern ein gutbürgerlicher Mathematiklehrer ohne politische Ambitionen.

Die Enthüllungen über die MLPN sind Teil der Memoiren von Frits Hoekstra, dem ehemaligen Leiter der niederländischen Gegenspionage in der Tschechoslowakei und der DDR. Der Rentner Pieter Bouvé hätte die alten Geschichten lieber totgeschwiegen. Und auch seiner Regierung sind sie peinlich, weil sie zeigen, dass die niederländischen Dienste früher effektiver waren als heute. So unglaubliche Geheimdienstpannen wie die vor dem Mord an dem Regisseur Theo van Gogh wären damals nicht passiert. Da sind die Schlapphutpensionäre sicher.

Pieter Bouvé, der falsche Ex-Generalsekretär, kann sich das Grienen nicht verkneifen, wenn er an die Festbanketts denkt, die in der Großen Halle des Volkes in Peking zu seinen Ehren veranstaltet wurden, und an die Briefumschläge voll Banknoten, die ihm dabei zugesteckt wurden. Er denkt gern daran zurück. Denn: "Die Kommunistische Partei Chinas hat ganz ausgezeichnete Köche."

Nur einmal fiel Bouvé das Heucheln schwer: Im Juni 1989, als er das Massaker auf dem Tiananmen-Platz in Peking, bei dem Hunderte Menschen starben, als notwendigen Akt zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung kommentierte.

"Operation Mongol"

1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens: Bouvé fiel das Heucheln schwer
REUTERS

1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens: Bouvé fiel das Heucheln schwer

Beim amerikanischen Geheimdienst CIA, der von Bouvés Dossiers über all die Jahre Kopien erhielt, hieß das Unternehmen "Roter Hering", bei den holländischen Kollegen "Operation Mongol." Der BVD hatte die Phantompartei gegründet, um die Kommunistenszene hinterm Deich zu diskreditieren und unter Kontrolle zu halten.

Um die Durchdringung der Partei mit feindlichen Elementen zu verhindern, so verlautbarte damals die Parteiführung, habe man die MLPN in geheime Zellen aufgeteilt. Keine sollte von der anderen wissen. Tatsächlich diente die Geheimniskrämerei vor allem dem Ziel, das wahre Naturell der Organisation zu verschleiern. Der Generalsekretär, der Vorsitzende, die Mitglieder des Zentralkomitees, alle waren Strohmänner. Nur damit es glaubwürdiger wurde, nahm Bouvé auch ein paar richtige Kommunisten in die Partei auf.

Bouvé, der unter dem Pseudonym Chris Petersen operierte, war regelmäßig zu Besuch in der rotchinesischen Botschaft in der Willem Lodewijk Laan in Den Haag. Auch hier gab es zum Abschied stets das obligate Geldcouvert. Es war bestimmt für Redaktion und Vertrieb des MLPN-Zentralorgans "De Kommunist". Die Spender ahnten nicht, dass sie mit ihren Zuwendungen eine Propagandapostille des niederländischen Geheimdienstes finanzierten. Weil sie das Botschaftsgebäude gründlich verwanzt hatten, wussten die Dienstmänner, dass der Betrug von den chinesischen Diplomaten begeistert angenommen wurde. Wegen des großen Erfolges entschlossen sie sich, die Aktionen aufs Mutterland des Maoismus auszuweiten.

Geld zurück vom Geheimdienst

Chinesische Soldaten: Der angebliche Freund spähte die Nomenklatura aus
REUTERS

Chinesische Soldaten: Der angebliche Freund spähte die Nomenklatura aus

Von Anfang der sechziger bis weit in die achtziger Jahre hinein reiste der lügende Holländer 25-mal nach Peking. Im Laufe der Jahre konnte er sich ein dichtes Netz von Freunden und Informanten aufbauen. Die als hausbacken beleumundeten holländischen Dienste wussten deshalb über Vorgänge, vor allem über Säuberungen innerhalb der Pekinger Nomenklatura, meist besser Bescheid als CIA, MI6 und BND.

Bouvé war mehrfach auch Gast in Albanien. Bei seinen Asservaten in dem gelben Plastikbeutel ist auch ein vergilbtes Foto, das ihn zusammen mit Enver Hodscha, Pekings treuestem und einzigem europäischen Vasallen, zeigt. Die wenigen Kommunisten in der Partei sind schockiert von den Enthüllungen. "Ich habe zwölf Jahre meines Lebens vergeudet", zitiert das "Wall Street Journal" Paul Wartena, heute Forscher an der Universität Utrecht. Manchmal seien ihm zwar Zweifel gekommen. Aber er habe sie aus Loyalität zur Partei unterdrückt. "Ich war ja so naiv, und Bouvé war so ein guter Schauspieler."

Paul Wartena hat der falschen Partei zwölf Jahre lang 20 Prozent seines Einkommens gestiftet. Die will er jetzt vom Geheimdienst wiederhaben.

Pieter Bové alias Chris Petersen will die Forderung nicht kommentieren. Er sagt nur so viel: "Paul Wartena war ein Idiot."



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