Geheimdienste Russland bestreitet Verwicklung in Giftanschlag auf Ex-Agenten

Als "puren Unsinn" hat die russische Führung Vorwürfe zurückgewiesen, Moskau könnte in einen Giftanschlag auf den abtrünnigen Agenten Alexander Litwinenko in London verwickelt sein. Die russische Botschaft spricht von einem Unfall. Der Gesundheitszustand des Ex-Spions verschlechterte sich weiter.

London/Moskau - Russland bestreitet jede Verwicklung in den angeblichen Giftanschlag auf den abtrünnigen Geheimdienstmitarbeiter Alexander Litwinenko. Die Vorwürfe seien "purer Unsinn" und müssten nicht kommentiert werden, sagte der stellvertretende Präsidialamtssprecher Dimitri Peskow heute in Moskau. Dagegen blieb ein Freund des um sein Leben kämpfenden Ex-Spions bei seiner Vermutung, der Kritiker von Präsident Wladimir Putin sei Opfer eines Anschlags im Stil des Kalten Kriegs geworden.

Die britische Polizei ermittelt wegen der Vergiftung Litwinenkos, der nach eigener Aussage am 1. November nach einem Treffen mit einem italienischen Informanten in einem Sushi-Restaurant erkrankte. Der Ex-Agent des Geheimdienstes FSB, der Nachfolgeorganisation des KGB, hatte im Fall der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja recherchiert.

"Es ist sehr schwer, sich vorzustellen, dass Präsidenten Morde befehlen. Das ist wahr", sagte Litwinenkos Freund Alexander Goldfarb dem BBC-Hörfunk. Niemand werfe Putin vor, den Anschlag angeordnet zu haben, "obwohl es sehr wahrscheinlich ist", ergänzte Goldfarb, der Litwinenko vor sechs Jahren zur Flucht nach Großbritannien verholfen hatte. Sein Freund habe mehrere Verabredungen gehabt und getrunken. Dabei müsse er vergiftet worden sein. Auf die Frage nach Beweisen erwiderte Goldfarb: "Was brauchen Sie noch? Die mutmaßlichen Mörder sind im Morden erfahren. Der einzige Unterschied ist, dass es hier war und nicht dort."

Der Sprecher des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, Sergej Iwanow, wies die Vorwürfe zurück. "Wir haben nichts mit dem zu tun, was Litwinenko geschehen ist. Die russischen Geheimdienste greifen schon lange nicht mehr auf Mittel wie Vergiftung oder andere Mordformen zurück", sagte Iwanow. Ein Sprecher der russischen Botschaft in London führte Litwinenkos Erkrankung auf einen Unfall zurück. Seine Vertretung habe damit nichts zu tun. "Reden Sie mit der Londoner Polizei und warten Sie das Ende der Ermittlungen ab." Goldfarb könne sagen, was er wolle.

Zustand Litwinenkos verschlechtert

Goldfarb steht mit seinen Anschuldigungen jedoch nicht alleine. Ein anderer Freund Litwinenkos und Ex-KGB-Agent, Oleg Gordiewski, sagte der Zeitung "The Times", "natürlich" sei der versuchte Mord vom russischen Staat in Auftrag gegeben worden. Auch in der russischen Wirtschaftszeitung "Kommersant" erhoben russische Persönlichkeiten Vorwürfe gegen den Kreml. Litwinenko sei dem FSB gegenüber sehr kritisch gewesen, der Geheimdienst habe dies "nicht mehr ertragen", erklärte etwa der Menschenrechtler und frühere Abgeordnete Sergej Kowalew.

Litwinenko war kurz nach dem 1. November in ein Krankenhaus gebracht worden, wo erst kürzlich eine Vergiftung mit Thallium festgestellt wurde. Litwinenko sei ernstlich erkrankt und ohne Zweifel mit dem auch als Rattengift bekannten Stoff vergiftet worden, sagte der klinische Toxikologe John Henry der BBC. Es reiche ein Gramm des geschmack-, farb- und geruchlosen Giftes, um einen Menschen zu töten. Ärzten zufolge stehen die Überlebenschancen des Exil-Russen bei 50 zu 50.

Der Zustand Litwinenkos hat sich nach Angaben des Krankenhauses im Laufe des Tages leicht verschlechtert. Er sei deshalb vorsichtshalber auf die Intensivstation verlegt worden, erklärte das University College Krankenhaus. Der 43-Jährige steht in der Klinik unter strenger Bewachung. Nach Informationen der "Sunday Times" erlitt Litwinenko Schäden an Nieren und Knochenmark. Er müsse sich häufig übergeben und habe seine Haare verloren. Der Sender Sky News berichtete, der Ex-Spion habe einen völligen Zusammenbruch des zentralen Nervensystems erlitten.

Goldfarb sagte bereits am Wochenende über seinen Freund, dieser sehe aus "wie ein Geist". Litwinenko habe seine ganzen Haare verloren und sei abgemagert, weil er seit 19 Tagen nichts mehr gegessen habe.

Ex-Agent schon einmal Anschlagsziel?

Litwinenkos Vergiftung erinnert an den Anschlag auf den ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko, der 2004 als Präsidentschaftskandidat nach einem Essen mit führenden Geheimdienstmitarbeitern erkrankte. Nach Angaben von Ärzten wurde er mit Dioxin vergiftet. 1978 war der bulgarische Dissident Georgi Markow in London mit einem vergifteten Regenschirm ermordet worden.

Nach Informationen der britischen Tageszeitung "Sun" war Litwinenko schon einmal Ziel eines Mordanschlags. Dabei sei ein mit Molotowcocktails gefüllter Kinderwagen die Straße entlanggestoßen worden, in welcher der frühere Offizier des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB in London wohnt, berichtete das Boulevardbatt heute. Unmittelbar vor der Tür Litwinenkos sei die Brandbombe explodiert. Der Ex-Geheimdienstler sei dabei aber nicht verletzt worden.

phw/hen/AFP/reuters

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