Geheimdienste Wie die CIA einen Top-Terroristen zum Reden brachte

Erstmals berichtet ein CIA-Veteran, was auf den vernichteten Videos des Geheimdienstes zu sehen war: Dem Top-Terroristen Abu Subeida wurde die Nase mit Zellophan zugeklebt und Wasser in die Kehle gepresst - bis er kooperierte. Das war Folter, aber damals gerechtfertigt, sagt der Ex-Agent heute.


Washington – Es dauerte 35 Sekunden - dann war der Widerstand von Zayn Abidin Mohammed Hussein Abu Subeida gebrochen. "Es war, als hätte man einen Schalter umgelegt", erinnert sich John Kiriakou. Der frühere CIA-Agent gehörte zum Verhörteam, das den ersten Top-Terroristen der Qaida in Gefangenschaft des US-Geheimdienstes zum Reden brachte. Wochen nach seiner Festnahme im Frühling 2002 hatten Agenten den Vertrauten von Osama bin Laden in einem der berüchtigten CIA-Geheimgefängnisse einer der brutalsten Verhörtechniken des Dienstes ausgesetzt - dem sogenannten Waterboarding. "Von diesem Tag an beantwortete er jede Frage", sagt Kiriakou nun in einem Interview mit dem US-Sender ABC.

FBI-Fahndungsfoto von Guantanamo-Häftling Abu Subeida: "Nimm' das nicht persönlich"
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FBI-Fahndungsfoto von Guantanamo-Häftling Abu Subeida: "Nimm' das nicht persönlich"

Es ist das erste Mal, dass sich ein ehemaliger US-Agent öffentlich über Geheimdienstverhöre mutmaßlicher Terroristen äußert – nur wenige Tage, nachdem die CIA einräumen musste, im Jahr 2005 mindestens zwei Videobänder mit Aufnahmen von den Befragungen Abu Subeidas und eines anderen hochrangigen Qaida-Mitglieds vernichtet zu haben, um ihre Veröffentlichung zu verhindern. Wegen der Zerstörung der Videos soll CIA-Chef Michael Hayden heute vor dem Geheimdienstausschuss des Senats Rede und Antwort stehen. Das US-Justizministerium hatte am Wochenende Vorermittlungen eingeleitet.

Dass die Verhöre Abu Subeidas heimlich mitgeschnitten wurden, habe er nicht gewusst, betont Kiriakou in dem Interview. Insofern habe er auch keine Ahnung von der Vernichtung der Bänder gehabt. Kiriakou arbeitete 14 Jahre für die CIA, er verließ den Dienst 2004 und ist heute für eine Beraterfirma in Washington tätig. CIA-Beamte bestätigten der "Washington Post", dass Kiriakou an den Verhören Abu Subeidas beteiligt war.

35 Sekunden Todesangst

Ideologisch verblendet, trotzig und unkooperativ, so sei Abu Subeida gewesen, erinnert sich der CIA-Veteran – bis zu jenem Tag im Sommer 2002, als seine Bewacher ihn auf einem Brett festbanden, seinen Kopf mit Zellophan-Folie umwickelten und Wasser in seinen Hals pressten. 35 Sekunden lang. Wenn der Mensch das Gefühl hat zu ertrinken, sind 35 Sekunden eine Ewigkeit.

Wegen der Brutalität und der Todesängste, die der Verhörte ausstehen muss, stufen Menschenrechtler, aber auch zahlreiche US-Politiker Waterboarding als Folter ein. Kiriakou hat heute ähnliche Bedenken: Auch er halte Waterboarding nunmehr für Folter, aber die Umstände nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 hätten die aggressive Methode gerechtfertigt.

Der Moment, in dem Abu Subeida zusammenbrach - aus der Sicht des CIA-Pensionärs war es ein geheimdienstlicher Durchbruch, der "wahrscheinlich Leben gerettet hat". Am Tag danach habe Subeida den Agenten gesagt, in der Nacht sei ihm Allah in der Zelle erschienen und habe ihm zur Zusammenarbeit mit den USA geraten. "Seine Informationen über die Bedrohungslage haben eine ganze Reihe von Anschlägen, vielleicht Dutzende, verhindert", glaubt Kiriakou.

Keine Zeit für harmlose Befragungen

Die Agenten hätten seinerzeit das Gefühl gehabt, dass ihnen nicht genug Zeit blieb, um sich auf andere, harmlosere Verhörtricks zu verlassen. "Für diese Tricks braucht man Zeit – viel Zeit – und diesen Luxus konnten wir uns nicht leisten. Wir hatten Angst, dass ein neuer, größerer Angriff bevorstand", sagt Kiriakou. Schon bei Abu Subeidas Festnahme im März 2002 im pakistanischen Faisalabad hätten die Sicherheitskräfte eine funktionstüchtige Bombe gefunden, dazu Pläne der britischen Schule in der pakistanischen Stadt Lahore.

"Was passiert, wenn wir bei jemandem auf Waterboarding verzichten, wenn wir deswegen nicht dieses kleine, notwendige Puzzleteil an Information bekommen, wenn es zu einem Angriff kommt?", fragt Kiriakou im Interview. "Ich hätte Probleme gehabt, mir das jemals zu verzeihen."

Kiriakou selbst war beim Waterboarding Abu Subeidas nicht anwesend. Er hatte den bei seiner Festnahme verletzten Qaida-Terroristen mit anderen Agenten zunächst in einem Krankenhaus in Lahore verhört. Als die Befragungen dort keine Ergebnisse brachten, wurde Abu Subeida in ein Geheimgefängnis der CIA verlegt, wo sich speziell in aggressiven Verhörtechniken geschulte Offiziere den Islamisten vorknöpften. Kiriakou kehrte nach eigenen Angaben nach Washington zurück, wo er die Verhöre Abu Subeidas über streng geheime CIA-Kanäle jedoch genauestens weiterverfolgte.

Noch kurz vor seiner Verlegung habe er ein letztes Mal an Abu Subeida appelliert, endlich sein Wissen über al-Qaida preiszugeben, sagt Kiriakou und erinnert sich an seine Worte an die Adresse des Top-Terroristen: "Du hast noch eine Chance zu kooperieren. Meine Jungs sagen, du bist ein Idiot." Abu Subeidas Reaktion: "Die sind selber Idioten."

Anweisungen aus Langley

Kiriakou betont, dass alle Verhörtechniken, jeder einzelne Schritt, bis ins Detail von der CIA-Zentrale in Langley vorgegeben gewesen seien. Kein Agent habe selbst entscheiden können, den Gefangenen zu schlagen, ihn zu schütteln oder mit 48 Stunden Schlafentzug unter Druck zu setzen. Niemand habe die besonderen Befugnisse, die die CIA nach dem 11. September übertragen bekommen hatte, überstrapazieren wollen. Daher seien auch nur wenige Häftlinge dem Waterboarding ausgesetzt worden. Kiriakou spricht in dem Interview von zwei Gefangenen, einer von ihnen sei Abu Subeida gewesen.

"Ein früherer Kollege hat Abu Subeida damals gefragt: 'Was würdest du tun, wenn wir dich eines Tages gehen ließen?' Und er sagte: 'Ich würde jeden Amerikaner und jeden Juden umbringen, den ich in die Finger kriege. Nimm' das nicht persönlich. Du bist ein netter Kerl. Aber so bin ich nun mal.'" In diesem Zusammenhang, zu dieser Zeit, so beschreibt Kiriakou seine Gefühle, habe er gedacht, Waterboarding sei etwas, was die USA tun müssten.

Doch je weiter der 11. September 2001 zurücklag, umso mehr änderte er seine Meinung. Nicht nur aus ethischen Gründen - auch purer Pragmatismus spielte eine Rolle: "Wir jagen sie auf der ganzen Welt. Und wir waren dabei ziemlich erfolgreich … und deswegen ist Waterboarding, zumindest derzeit, nicht notwendig."

Die CIA wollte sich zu den Aussagen Kiriakous nicht äußern. In einer Erklärung wiederholte der Geheimdienst lediglich, "dass die USA Folter weder anwenden noch dulden". Abu Subeida selbst hat die CIA bei Anhörungen vor Militärtribunalen mehrfach beschuldigt, ihn gefoltert und so zu Aussagen gezwungen zu haben. Er sitzt noch immer im Gefangenenlager Guantanamo ein.

phw

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