Geheimdienstprobleme mit Nordkorea Blackbox Pjöngjang

Selbst moderne Überwachungstechnik stößt an ihre Grenzen: Der Westen hat kaum Informationen über Nordkoreas Machtelite - trotz intensiver Geheimdienstarbeit. Bei Kim Jong Ils Tod wurden die Schwächen der Spionage besonders deutlich.
Blick über die Grenze: Ein südkoreanischer Soldat beobachtet das Gebiet im Norden

Blick über die Grenze: Ein südkoreanischer Soldat beobachtet das Gebiet im Norden

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Hamburg/Berlin - Satelliten scannen das Land, Spionageflugzeuge sind im Einsatz, an der koreanischen Grenze sollen hochempfindliche Antennen Signale aus Nordkorea registrieren: Seit Jahren setzen die Regierungen in Washington und Seoul moderne Überwachungstechnik ein, um Informationen über das isolierte und abgeschottete Regime in Pjöngjang zu sammeln, besonders über seine Rüstungs- und Atompläne. Doch die Ergebnisse sind bescheiden.

Es gibt wohl keinen Staat der Erde, über den der Westen so wenige gesicherte Informationen hat wie über Nordkorea.

Das zeigte sich besonders deutlich beim Tod des langjährigen Machthabers Kim Jong Il: Südkorea hatte zwei Tage lang keinerlei Nachricht über den Tod des exzentrischen Führers. Präsident Lee Myung Bak und die Armeeführung seien völlig überrascht worden, berichtete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf Regierungsvertreter. Demnach erfuhren sie davon wie der Rest der Welt erst aus dem nordkoreanischen Staatsfernsehen. Dort war am Montag erklärt worden, dass Kim bereits am Samstag an einem Herzinfarkt gestorben sei.

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Nordkorea: Diktator im Schneewittchensarg

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"Unser Geheimdienstnetz hat den Tod von Nordkoreas oberstem Führer zwei Tage lang nicht entdeckt. Das ist ein konkretes Beispiel für die Löcher in der Informationsbeschaffung im Norden", sagte der Sprecher der oppositionellen Demokratischen Einheitspartei, Lee Yong Sup. Ein Abgeordneter der regierenden Großen Nationalpartei sagte, es gebe trotz der strengen Geheimhaltung in Nordkorea "keine Entschuldigung" für das Versagen des Geheimdiensts.

Tausende Interviews mit Abtrünnigen

Dabei setzt Südkorea grundsätzlich alles daran, gesicherte Informationen über das Leben jenseits der Grenze zu bekommen: Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel haben sich nach der Versenkung eines südkoreanischen Kriegsschiffes im vergangenen März und dem Beschuss einer zu Südkorea gehörenden Insel durch die nordkoreanische Artillerie im November 2010 spürbar verschärft.

Jedes Jahr führt der südkoreanische Geheimdienst Interviews mit Tausenden abtrünnigen Nordkoreanern, die sich von dem kommunistischen Regime abwenden und über die Grenze flüchten. Der Ertrag ist offenbar gering.

Ein früherer CIA-Mitarbeiter formulierte es jetzt in der "New York Times" so: "Das größte Problem unserer Geheimdienstarbeit ist, dass wir nicht bis in den Führungskreis vordringen." Die Informationen von Abtrünnigen seien oft veraltet, selbst Hinweise von ehemaligen Mitgliedern aus der mittleren Führungsebene des nordkoreanischen Machtapparats würden meist nicht weiter helfen: "Sie wissen oft nicht, was im inneren Führungskreis vor sich geht."

In dem Regime habe nur ein sehr kleiner Kreis von verschwiegenen Regierungsvertretern Zugang zu sensiblen Informationen, so sagen es Geheimdienstvertreter laut "New York Times".

Immer wieder wurde die Ahnungslosigkeit westlicher Geheimdienste deutlich, wenn es um das Atomprogramm Nordkoreas geht: So präsentierte Pjöngjang im vergangenen Jahr Atomphysikern der Universität Stanford großzügig eine moderne Anlage zur Urananreicherung auf dem Gelände der kerntechnischen Anlage Yongbyon. Das Unangenehme für die westlichen Geheimdienste: Sie hatten von dem Bau der Anlage über einen Zeitraum von rund eineinhalb Jahren nichts mitbekommen, obwohl das Gelände von US-Satelliten beobachtet wird.

Auch jetzt, nach dem Tod von Kim Jong Il und der Übernahme der Macht durch dessen Sohn Kim Jong Un, tappen die Geheimdienstler im Dunkeln. Sie wissen kaum etwas über den jungen Mann, der vermutlich 29 Jahre alt ist. In Washington fragen sich Vertreter der Regierung von US-Präsident Barack Obama laut "New York Times" bereits, ob der neue nordkoreanische Machthaber zu unerfahren ist, um in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters zu treten - und ob am Ende andere die Fäden in der Hand halten werden. Etwa Chang Song Taek, 65-jähriger Schwager von Kim Jong Il. Er war 2010 zum stellvertretenden Vorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission gewählt worden.

Der BND stochert im Nebel

Auch für den Bundesnachrichtendienst (BND) stellt Nordkorea ein ausgesprochen undurchsichtiges Land dar. Ausländer dürfen nur selten und niemals unbewacht einreisen. Ein deutscher Geheimdienst-Insider formuliert die begrenzten Möglichkeiten sehr zugespitzt: "Sie kommen erstens nicht rein, und zweitens auch nicht wieder heil raus."

Auch die technischen Möglichkeiten sind für den BND im Fall von Nordkorea sehr begrenzt. "Aber dennoch", so der Geheimdienstexperte, "können menschliche Quellen durch nichts ersetzt werden."

Was Nordkorea zu einer echten Blackbox macht, ist jedoch die Führungselite. Sie sei extrem loyal gegenüber dem Regime, "da geht gar nichts". Außerdem drohten den überführten Informanten drakonische Strafen - das wirkt abschreckend für Geheimnisträger.

Im Kalten Krieg, als westliche Nachrichtendienstler mit Blick auf die Sowjetunion vor ähnlichen Problemen standen, versuchten sie häufig, russische Offizielle und Nachrichtenoffiziere bei deren Auslandsreisen zu rekrutieren. Ähnliche Überlegungen spielten auch heute eine Rolle, wenn es um Nordkorea geht, sagt der deutsche Geheimdienst-Insider: "Hat da jemand Schwächen? Frauengeschichten? Alkoholprobleme?" Aber selbst diese Taktik führe nur selten zum gewünschten Erfolg, denn Pjöngjang überwache Kader im Ausland extrem engmaschig: "Die sind nie allein unterwegs, die werden von der Gruppe immer überwacht."

Aus all diesen Gründen läuft Nordkorea beim BND unter einer ernüchternden Kategorie: "nachrichtendienstliche Beschaffungslage extrem schwierig".

hen/yas/AFP
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