Geheimdokumente Schon Casio-Uhr reichte für Terrorverdacht

100-Dollar-Scheine, Satellitentelefone, Militärsender: Besaß ein Guantanamo-Häftling diese Gegenstände bei seiner Festnahme, war er verdächtig. Jetzt veröffentlichte und dem SPIEGEL vorliegende Geheimdokumente zeigen, dass schon der Besitz einer Casio-Digitaluhr als Zeichen für einen Qaida-nahen Sprengstoffexperten galt.
Von Simone Utler
Casio F-91W: "Zeichen für al-Qaida, die die Uhr zum Bombenbau nutzt"

Casio F-91W: "Zeichen für al-Qaida, die die Uhr zum Bombenbau nutzt"

Foto: SHIHO FUKADA/ ASSOCIATED PRESS

Hamburg - Sie ist günstig, problemlos in aller Welt zu erwerben - und soll ein Erkennungszeichen für Terroristen sein: eine Digitaluhr der Marke Casio, genaugenommen das schwarze Modell F-91W oder die silberfarbene Variante A-159W. Der Besitz einer dieser Uhren gilt bei US-Militärs als "Anzeichen für ein Qaida-Training mit unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen" - und damit als Erkennungsmerkmal für einen potentiellen Terroristen.

Dies geht aus den Geheimdokumenten über das Gefangenenlager Guantanamo hervor, die nun über WikiLeaks veröffentlicht wurden und dem SPIEGEL und anderen internationalen Medien vorliegen. Die "Gitmo Files", wie das Portal WikiLeaks die Unterlagen nennt, umfassen die Akten von 765 ehemaligen und aktuellen Guantanamo-Häftlingen. Auf Tausenden Seiten, die mit den Hinweisen "Secret" und "Noforn" ("Not releasable to foreign nationals") gekennzeichnet sind, wurden Informationen über die Gefangenen festgehalten, über das Leben in dem Lager, das Verhalten der Geheimdienste, ihren Umgang mit Häftlingen.

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Gefangenenlager Guantanamo: Synonym für unmenschliche Behandlung

Foto: John Moore/ Getty Images

In einem Dokument, das unter dem Namen "Matrix of Threat Indicators for Enemy Combatants" einen Leitfaden zum Erkennen und Einstufen von "feindlichen Kämpfern" bietet, werden verschiedene Punkte aufgelistet, anhand derer im Verhör von Gefangenen ihre Fähigkeiten und Absichten überprüft werden können. Mit Hilfe dieses 17-seitigen Katalogs der "Joint Task Force" von Guantanamo soll herausgefunden werden, ob der Verdächtige eine terroristische Bedrohung darstellen könnte - wenn er Gelegenheit dazu hätte.

Einer der zu beachtenden Punkte sind die Gegenstände, die der Verdächtige bei seiner Festnahme bei sich hatte - die "Joint Task Force" spricht von "verdächtigen Dingen". Als erstes von acht Gegenständen - darunter Satellitentelefone, Militärsender, 100-Dollar-Scheine - wird die Casio Armbanduhr F-91W aufgelistet.

"Al-Qaida nutzt die Uhr zum Bombenbau"

Allein der Besitz dieses Gebrauchsgegenstandes, der für einige Dollar zu erstehen ist und den weltweit Millionen Menschen am Handgelenk tragen, reicht aus, um verdächtig zu sein.

In den Fußnoten des Dokuments wird erläutert, dass diese Uhr von der "Joint Task Force" als "Zeichen für al-Qaida, die die Uhr beim Bombenbau nutzt", gesehen wird. Es sei bekannt, dass die Casio den Auszubildenden in afghanischen Trainingslagern zu diesem Zweck gegeben würde. Dort werde den jungen Männern beigebracht, wie sie Zünder bauen - und dafür die Uhr benutzen.

Dem Geheimdokument zufolge ist bei schätzungsweise einem Drittel der Guantanamo-Gefangenen, die eine solche Uhr besaßen, irgendeine Verbindung zu Sprengstoff bekannt. "Entweder haben sie ein Sprengstoff-Training besucht, hatten eine Verbindung zu einer Einrichtung, in der unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen hergestellt oder damit trainiert wurde, oder hatten Kontakt zu einem Sprengstoff-Experten", heißt es in dem Verhörleitfaden.

In den Dokumenten zu den einzelnen Gefangenen wird der Besitz der Uhr unter Punkt 5.b. als "Property held" (persönlicher Besitz) aufgeführt. Auch hier wird in den Fußnoten auf die Bedeutung als Erkennungszeichen von al-Qaida hingewiesen.

Insgesamt weisen laut "Guardian" mehr als 50 persönliche Dokumente den Besitz einer Casio Armbanduhr nach. 32 Gefangene hatten demnach das schwarze Modell F-91W, weitere 20 trugen bei der Festnahme eine silberfarbene A-159W.

Auch die Tribunale fragten nach der Uhr

Auch bei den sogenannten "Combatant Status Review Tribunals", die abschließend darüber entschieden, ob ein Gefangener als "feindlicher Kämpfer" einzustufen war, kam den Uhren besondere Bedeutung zu. Im März 2006 wurden die Mitschriften dieser sogenannten Guantanamo-Prozesse nach der Klage einer Nachrichtenagentur öffentlich zugänglich gemacht und brachten die bis dahin tiefsten Einblicke in das Gefangenenlager.

Die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlichte damals die Befragung eines Gefangenen, der intensiv zu seiner Casio vernommen wurde. Als man ihm sagte, diese Uhr werde von al-Qaida benutzt, sei er schockiert gewesen, so der aus Kuwait stammende Ingenieur. "Wir haben zwei Uhren in Kuwait, Fossil und Casio", sagte der Mann der Zeitung zufolge und führte aus: "Die Uhr zeigt, wo Mekka liegt, sie hat einen Kompass. Ich bin Muslim und bete fünf Mal am Tag." Er brauche die Uhr, viele Menschen in Kuwait benutzten sie.

"Hätte ich gewusst, dass Terroristen sie benutzen, hätte ich sie weggeworfen. Ich bin doch nicht dumm", so der Mann, der nach dem 11. September 2001 mit 15.000 Dollar nach Afghanistan gereist war. Es gebe vier Geistliche in Guantanamo, die alle diese Uhr besäßen. Auf die Frage des Tribunals, ob er die Uhr manipuliert hätte, damit sie Signale senden könnte, antwortete der Mann: "Wenn ich sie manipuliert hätte, wäre es dumm gewesen, sie zu behalten."