Geheime Notizen Reiseführer für angehende Terroristen

Es sind handgeschriebene Notizen in fehlerhaftem Englisch, doch ihr Inhalt hat es in sich: In einem von der Terrororganisation al-Qaida verlassenen Haus wurde eine Sammlung loser Blätter gefunden, die eine Anleitung zum Leben unter den Feinden im Westen beinhaltet - eine Undercover-Fibel für die Agenten Osama Bin Ladens.


Taliban sind überall - in Afghanistan, will dieses Schild sagen. Gefundene Notizen zeigen: Sie sollten auch in aller Welt sein, als Agenten Osama Bin Ladens
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Taliban sind überall - in Afghanistan, will dieses Schild sagen. Gefundene Notizen zeigen: Sie sollten auch in aller Welt sein, als Agenten Osama Bin Ladens

Farm Hada - Wie reise ich mit einem falschen Pass? Wie spähe ich ein Ziel aus?Wie verwende ich ein Deodorant? Die Antworten auf diese Fragen sind detailliert aufgeführt in Notizen, die in einem Haus im afghanischen Farm Hada gefunden wurden, etwa zehn Kilometer von Dschalalabad entfernt. Die Themen sind vielfältig, teilweise wirken sie oberflächlich. Selbst welche Unterhosen getragen werden sollten, wird ausgeführt.

Kein Detail scheint zu viel. Schließlich sollten die Leser auf einen Auftrag vorbereitet werden: das Leben im Westen, unauffällig, aber effektiv. Als Agenten mit "einer guten Tarnung". Agenten Osama Bin Ladens, so steht zu vermuten. Das Fundhaus wurde jedenfalls erst vor kurzem von dessen Terrororganisation al-Qaida verlassen.

Wie die "Washington Post" berichtet, sind die Notizen in Englisch geschrieben, mit einigen wenigen arabischen Passagen. Von konkreten terroristischen Zielen sei nie die Rede, aber die Leser würden darauf vorbereitet, dass "ein Krieg" bevorstehe, in dem die Muslime gegen "die Ungläubigen" zu kämpfen hätten.

"Ziel mit mikroskopischen Augen beobachten"

Auch werde beschrieben, wie geheime Beobachtungen durchzuführen seien, um ein Ziel auszuspähen und am Ende zu zerstören. So müsse bei einem Gebäude zunächst eine Übersicht zusammengestellt werden, wieviele Autos und Menschen sich drumherum aufhalten, wie gut es gesichert ist und wie man am besten dorthin und wieder weg kommt. "Wir müssen unser Ziel mit mikroskopischen Augen beobachten", heißt es in den Aufzeichnungen.

Aber von den Agenten werde noch mehr erwartet als logistisches Arbeiten. Sie sollten auch jede Menge Informationen über ihr "Beobachtungsgebiet" sammeln, unter anderem über die Gewohnheiten der Bevölkerung, militärische Präsenz, religiöse Praktiken und Aktivitäten von Parteien. Darüber sollten dann detaillierte Berichte verfasst werden. Die Notizen gäben dazu Anweisungen, die selbst die Gestaltung der Titelseite eines solchen Berichts vorschreiben. Mit dabei sein sollten auch "Fotos und Karten des Zielgebietes".

Die einzelnen Zettel sind offenbar aus einem ganz normalen Notizbuch herausgerissen, einige Blätter sind zerrissen. Insgesamt sind es 35 Seiten. Der Inhalt liest sich laut dem Zeitungsbericht teilweise wie ein Reiseführer für potenzielle Terroristen. Er könne grob in zwei Teile gegliedert werden: Instruktionen, wie ein Ziel ausgekundschaftet werden kann und Tipps, wie man es vermeidet, aufzufallen.

Frauen-Parfüm bringt "Schwierigkeiten"

So heißt es unter anderem, dass alle Agenten zusätzlich zu ihrem falschen Pass ein weiteres Dokument dabei haben sollten, das auf denselben falschen Namen ausgestellt ist. Auch sollten die Agenten viel über das Land wissen, in dem sie sich aufhalten und die entsprechende Sprache sprechen. Zu den wichtigsten Landesinformationen zählen demzufolge auch der Name des Präsidenten und innenpolitische Probleme.

Anweisungen für Terroristen: Bereits in der vergangenen Woche präsentierte US-Justizminister John Ashcroft ein al-Qaida-Handbuch
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Anweisungen für Terroristen: Bereits in der vergangenen Woche präsentierte US-Justizminister John Ashcroft ein al-Qaida-Handbuch

Auf dem Weg ins Zielgebiet solle zunächst ein Flug in eine Touristenstadt gewählt werden. Die Kleidung sollte westlich sein, aber nicht nagelneu, das sei zu verdächtig. Agenten sollten überhaupt keine Kleidung im Koffer haben, die in einem Land hergestellt wurde, das mit dem Terrorismus in Verbindung gebracht werde.

Uhren seien unbedingt am linken Handgelenk zu tragen, Deo sei auf den Körper und nicht auf die Kleidung zu sprühen. Auch sollte ein Agent den Unterschied zwischen Parfüm und After Shave kennen - und, noch wichtiger, den zwischen Parfüm für Männer und dem für Frauen. Zitat: "Wenn du Frauen-Parfüm benutzt, wirst du in großen Schwierigkeiten sein."

Keine Hinweise auf die Verfasser

Die Anweisungen geben einen Einblick in die Strategie von al-Qaida und das Leben der Terror-Agenten in für sie feindlichen Ländern. Sie legen zudem nahe, dass al-Qaida ein globales Netzwerk von geheimen Mitarbeitern knüpfen wollte. Die Anweisungen waren ganz offensichtlich für Rekruten gedacht, die in Afghanistan ausgebildet wurden, um später westliche Ziele zu infiltrieren.

Zwei amerikanische Reporter stießen in dem Haus, in dem die Notizen gefunden wurden, auf einen Mann, den Anwohner als einen arabischen Leibwächter Osama Bin Ladens identifizierten. Der Leibwächter soll eine Beinverletzung davon getragen haben, als die USA 1998 ein Trainingscamp von al-Qaida bombardierten. Allerdings, so die "Washington Post", gebe es keine Hinweise darauf, wer die Notizen verfasst haben könnte oder auch, wann sie niedergeschrieben wurden.

Die Sammlung von Anweisungen ist das jüngste einer Reihe von Dokumenten, die an von al-Qaida und den Taliban verlassenen Orten gefunden wurden. In Kabul fanden Journalisten bereits Papiere, in denen das Bauen von Bomben detailliert beschrieben wird.

Notizen passen zu Überläufer-Aussagen

Die jetzt gefundenen Notizen scheinen aber die ersten zu sein, die Instruktionen beinhalten, wie Aktivitäten im Westen mit äußerster Unauffälligkeit vorbereitet werden können. Unter Umständen können sie auch weitere Indizien im Zusammenhang mit den Attacken vom 11. September liefern.

Die Instruktionen passen auch zu den Aussagen eines Überläufers der Bin-Laden-Organisation, die er dieses Jahr in einem Prozess in New York machte. In diesem Prozess waren vier Gefolgsleute Osama Bin Ladens angeklagt, die 1998 in die Anschläge auf zwei US-Botschaften in Ostafrika verwickelt gewesen sein sollen.

Dschalalabad hat Osama Bin Laden und seiner al-Qaida-Gruppierung seit 1996 als wichtige Operationsbasis gedient, als die Taliban die Macht in Afghanistan übernommen hatten. Gegenüber des Fundhauses befindet sich ein weiterer Gebäudekomplex, in dem Osama Bin Laden selbst mehrere Nächte verbracht haben soll.

Einige von Reportern der "Washington Post" interviewte Nachbarn berichteten, dass die al-Qaida-Leute sich bereits wenige Tage nach dem 11. September in die nahe gelegenen Weißen Berge abgesetzt hätten. Auf dem ganzen Gelände waren Anzeichen von einem überstürzten Aufbruch zu sehen, von herumliegenden Baby-Flaschen bis hin zu vereinzelten Schuhen.



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