Geisel-Drama in Nahost Palästinensische Extremisten verhöhnen Israel

Die Eskalation im Nahostkonflikt geht weiter: Während das israelische Militär seine Invasion im Gaza-Streifen fortsetzt, verhöhnt eine palästinensische Extremistengruppe Israel - die Geisel Schalit könne schon tot sein, erklärte das Volkswiderstandskomitee, das sich zu der Verschleppung bekannte.


Gaza - Wenn Israel einen Ausweg aus der Krise finden wolle, dann müsse es damit aufhören, Zeit zu verschwenden, erklärte Abu Mudschahed, ein Sprecher des Volkswiderstandskomitees (PRC) in einer Pressekonferenz. Die Gruppe bekannte sich zudem zu der Ermordung eines 18-jährigen jüdischen Siedlers, den die israelische Armee bei ihrer Suchaktion im Westjordanland gefunden hatte. Er sei getötet worden, weil Israel "seine Aggression im Gaza-Streifen" fortsetze.

Das Komitee hatte sich bereits zuvor gemeinsam mit Hamas-Extremisten zu dem Überfall auf einen Militärposten bekannt, bei dem der israelische Soldat Gilad Schalit am Sonntag verschleppt wurde.

Zeit zu verschwenden, sei nicht in israelischem Interesse, fügte Mudschahed hinzu und entfaltete dann drei Szenarien: "Möglichkeit eins: Der vermisste Soldat ist aus dem einen oder anderen Grund tot. Möglicherweise gibt es für seine Leiche einen Platz in einem Leichenschauhaus oder auch nicht. Möglichkeit zwei: Der Soldat ist noch am Leben, aber schwer verletzt. Möglicherweise stehen Medikamente für ihn zur Verfügung oder auch nicht. Möglichkeit drei: Es geht ihm gut, aber es wird viel Zeit vergehen, bis er wieder frei ist."

Mudschahed machte weiter keine Angaben dazu, in wessen Gewalt sich der israelische Wehrdienstleistende befindet oder wie es ihm geht. In Israel wird mit großer Anspannung auf ein Lebenszeichen des Entführten gewartet. Das ganze Land nimmt Anteil am Leid seiner Familie. Die israelische Regierung fordert die bedingungslose Freilassung. Die Extremisten verlangen im Gegenzug die Entlassung palästinensischer Häftlinge aus israelischer Haft.

Nach Ablauf eines Ultimatums war Israel gestern wieder in den Gaza-Streifen einmarschiert, den es nach jahrzehntelanger Besatzung vor neun Monaten verlassen hatte. Israel nahm ein Drittel des palästinensischen Kabinetts fest und droht nun mit einer militärischen Großoffensive. "Die Verhaftung dieser Hamas-Funktionäre ist Teil eines Feldzugs gegen eine terroristische Organisation, die ihren Terror-Krieg gegen die israelische Zivilbevölkerung verschärft hat", sagte der israelische Regierungssprecher Mark Regev. Ihnen soll nun der Prozess gemacht werden.

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich tief besorgt über die neuerliche Eskalation im Nahost-Konflikt. Beide Seiten müssten Verantwortung beweisen, um die Ruhe wiederherzustellen, sagte US-Außenministerin Condoleezza Rice nach einem Treffen der G-8-Außenminister in Moskau. Die jüngste Krise unterstreiche die Notwendigkeit, dass alle Parteien der Palästinenser in einer Koalition gegen den Terror kooperierten. "Wir fordern auch Israel zur Zurückhaltung auf", sagte sie. Das Weiße Haus hatte zuvor die israelische Offensive im Gaza-Streifen als Selbstverteidigung bezeichnet. Die EU äußerte sich "tief besorgt" über die Verschlechterung der Sicherheitslage.

Russland und China forderten die Hamas-Bewegung zur sofortigen Freilassung Schalits auf. Das allerwichtigste sei dessen Freilassung, zitierte die russische Nachrichtenagentur Interfax Außenamtssprecher Michail Kamynin. Dies liege im höchsten Interesse des palästinensischen Volks. Die Lage sei sehr ernst, beide Seiten müssten Zurückhaltung an den Tag legen. Auch China äußerte sich "tief besorgt" über die jüngste Entwicklung. Die Palästinenser müssten die Geisel "so bald wie möglich" freilassen, sagte Außenamtssprecherin Jiang Yu in Peking. Zugleich müsse Israel Zurückhaltung üben und seine Militäraktion einstellen. China hoffe, dass beide Seiten den Kreislauf der Gewalt beenden könnten.

Die Außenminister der G-8-Staaten riefen Israelis und Palästinenser bei ihrem Treffen in Moskau auf, alles ihnen Mögliche zur Beruhigung der Lage zu unternehmen. Die Außenminister hätten dem Nahost-Quartett ihre Unterstützung bekundet, erklärte der russische Außenminister Sergej Lawrow. Das Nahost-Quartett besteht aus Russland, den USA, der Uno und der EU. Insbesondere müsse der Soldat sofort freigelassen werden.

Papst Benedikt XVI. appellierte heute an die Konfliktparteien im Nahen Osten, alle im Heiligen Land entführten Personen freizulassen. Er bete für die Heimkehr jedes Entführten zu seiner Familie, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche in Rom. Zugleich rief er Israelis und Palästinenser auf, eine Verhandlungslösung für den Konflikt zu suchen.

hen/AP/dpa/Reuters/AFP

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