Geiselbefreiung in Afghanistan Deutsche verärgert über Deal mit Taliban

Italien jubelt über die Freilassung des Reporters Mastrogiacomo. Deutsche Sicherheitsbeamte aber kritisieren den Deal mit den Taliban, die fünf Kämpfer freipressten. Der Erfolg könnte Radikale zu weiteren Entführungen ermuntern, fürchtet die Bundesregierung.

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Berlin - Die Bilder zeugen von der Ankunft eines Stars. Es ist Dienstagnacht, gerade eben landete auf dem Flughafen in Rom ein Regierungsjet, der direkt aus der afghanischen Hauptstadt Kabul gekommen war. Die Tür geht auf, sofort reißt Daniele Mastrogiacomo die Arme in die Höhe. Er sieht wie der Sieger einer Weltmeisterschaft aus, nur ein bisschen erschöpfter. Dutzende Blitzlichter zucken, unten an der Gangway warten schon die Fernseh-Teams.

Daniele Mastrogiacomo bei seiner Ankunft in Rom: Jubel bei den Italienern, Ärger bei den Verbündeten
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Daniele Mastrogiacomo bei seiner Ankunft in Rom: Jubel bei den Italienern, Ärger bei den Verbündeten

Die Familie ist da, aber auch Mastrogiacomos Chef und der italienische Premier Romano Prodi. Alle wollen den Heimkehrer begrüßen, ihn in die Arme schließen.

Was Mastrogiacomo in den zwei Wochen im Süden Afghanistans durchgemacht hat, muss schrecklich gewesen sein. Vor seinen Augen wurde sein Fahrer von den Taliban nach einem kurzen Standgericht getötet, bei lebendigem Leib schnitten sie ihm den Kopf ab. Der Reporter der Tageszeitung "La Repubblica" musste damit rechnen, dass auch ihm dieses Schicksal blühte. Seine beiden Dolmetscher jedenfalls, so berichtete er noch am Tag seiner Freilassung, hätten schon Tränen in den Augen gehabt. Er selber habe sich stets eingeredet, dass Italien ihm schon helfen werde.

Genau diese Hilfe wird nun hitzig diskutiert. Denn bei dieser Entführung ging es im Gegensatz zu anderen Geiselnahmen nicht ums Geld, sondern um das Freipressen gefangener Taliban-Kämpfer. Am Ende entsprachen die afghanischen Behörden den Forderungen der Kidnapper und ließen für den Reporter fünf zum Teil sehr bekannte Taliban aus dem Gefängnis. Das bestätigen mittlerweile sowohl die afghanische als auch die italienische Regierung. Zum ersten Mal hatten die Taliban damit mit einer politischen Entführung Erfolg.

"Am meisten freuen sich die Taliban"

In den letzten Tagen der Entführung ging offenbar zu wie auf dem Basar. Ungewöhnlich detailliert beschreiben Verantwortliche der italienischen Organisation Emergency, die maßgeblich an den Verhandlungen beteiligt waren, wie es zu der Freilassung kam. Demnach waren Ärzte des Krankenhauses in Lashkagar, der Hauptstadt der Provinz Helmand, direkt in die Verhandlungen eingebunden und handelten mit dem Entführer, dem mittlerweile berühmt-berüchtigten Mullah Dadullah, die Bedingungen aus. Er hatte persönlich mit der Ermordung des Journalisten gedroht.

Es ging lange hin und her, wenn man dem Emergency-Protokoll glaubt. Zuerst hatte Dadullah demnach die Freilassung von zwei Kämpfern aus dem Hochsicherheitsgefängnis Pul-i-Cherki nahe Kabul gefordert, dann schraubte er seine Wünsche noch einmal hoch. Allerdings verhinderten britische Truppen, dass die Taliban frei operieren konnten. Am Ende kamen fünf Gefangene frei: der ehemalige Sprecher der Taliban, Abdul Latif Hakimi, daneben noch Ustad Mohammed Yasir und Hamadullah Allah Noor, Abdul Ghafar Bakhtyar und Mansoor Shah Mohammed. Der letztere soll der Bruder von Mullah Dadullah sein.

In Deutschland registrierte die Bundesregierung das Nachgeben gegenüber den Taliban mit großer Sorge. "Italien freut sich, der Reporter freut sich, aber am meisten freuen sich die Taliban", sagte ein Spitzenbeamter. Die Freilassung der Taliban-Kämpfer bezeichnete er als "Riesenfehler". Erpressungsversuchen gegen den Staat muss man standhalten, lautet eine der bitteren deutschen Lehren nach der Zeit der RAF. Deshalb ist die Prognose der Regierung düster: "Das war das falscheste Signal an alle radikalen Gruppen und ermuntert sie zu neuen Entführungen mit noch höheren Zielen", sagte der Beamte. Ausländer seien deshalb mehr denn je hochgradig gefährdet - vor allem in Afghanistan.

Die zwei Gesichter des Hamid Karzai

Das Auftreten der Kabuler Regierung in den letzten Tagen war äußerst widersprüchlich. Noch am Montag hatte Präsident Hamid Karzai Berlin regelrecht ermahnt, auf keinen Fall auf politische Forderungen der Entführer zweier Deutscher im Irak einzugehen. Die hatten den Abzug der Bundeswehr aus Karzais Land gefordert. Schon die Rede wurde von vielen als "reichlich belehrend" empfunden, heißt es nun in Regierungskreisen. Dass ausgerechnet Karzai gleichzeitig grünes Licht für die Erfüllung der Kidnapper-Forderungen im eigenen Land gab, sorgt für Verwunderung und Ärger.

Die deutsche Regierung operiert bislang in einer Grauzone. Auch wenn es niemand offiziell bestätigt hat, wurden in den beiden letzten Geisel-Dramen im Irak zwar keine politischen Forderungen erfüllt, dennoch aber Lösegeld für deutsche Geiseln gezahlt. Dieser ebenso problematische Weg erschien allerdings immer noch besser, als sich politisch erpressen zu lassen. Dass auch die Zahlungen zumindest kriminelle Entführer zu weiteren Taten anstiftet, ist die Kehrseite dieser Linie. Geisel-Dramen gewinnen, das haben die Deutschen gelernt, kann man als Staat nicht.

Kritik an Karzai kam auch vom niederländischen Außenminister Maxime Verhagen. Beim Besuch in Kabul warnte der Politiker, die Freilassung könnte nun Journalisten gefährden. "Wenn wir eine Situation entstehen lassen, in der Taliban Kämpfer mit entführten Journalisten freipressen können, werden wir bald keine Journalisten mehr haben", sagte er bewusst blumig. Für Holland präsentierte er eine klare Haltung: "Die niederländische Regierung wird solche Situationen nicht mitmachen, sonst unterstützt man weitere Geiselnahmen".

In Kabul müht man sich, mit der Kritik fertig zu werden. Der Sprecher des afghanischen Präsidenten versuchte schon am Dienstag, in Bezug auf die Freilassung stets von einer "Ausnahme" zu sprechen. Eine Wiederholung werde es nicht geben, versicherte er.

Karzai hat sich noch nicht zu dem Vorgang geäußert. Von Insidern in Kabul hört man, dass Rom extremen Druck auf die Regierung ausgeübt hatte. Alles sollte getan werden, um den Reporter zu befreien. Auf keinen Fall wollte man in Rom eine neue Diskussion über den Afghanistan-Einsatz aufkommen lassen, die in den letzten Wochen schon die Regierung wanken ließ.

Kritik auch aus den USA

Operativ hat die Freilassung für die Taliban nach Ansicht von Afghanistan-Kennern keine größeren Auswirkungen. Neben den beiden bekannten Taliban Abdul Latif Hakimi und Ustad Mohammed Yasir Gleichwohl handelt es sich bei den drei anderen offenbar eher um kleine Fische in der Miliz von Mullah Omar. Gleichwohl werden die Gottes-Krieger die freigepressten Kameraden mit Sicherheit als Propaganda-Waffe einsetzen indem sie mit ihrer Stärke prahlen, vor allem, da der medial sehr präsente Mullah Dadullah die Freiheit seines Bruders als persönlichen Sieg feiern kann.

Unklar ist bisher noch, welche Rolle die Amerikaner bei dem heiklen Deal spielten. Unter deutschen Geheimdienstlern gilt es als sicher, dass sie der Freilassung zustimmen mussten, da sie auch eine Wachmannschaft an dem Hochsicherheitsknast Pul-i-Cherki haben. Offiziell kritisierten die US-Regierung das Verhalten Kabuls. "Die Politik der USA besteht darin, Terroristen keine Zugeständnisse zu machen", sagte Botschaftssprecher Joe Mellott. Gleichwohl haben US-Firmen mehrmals für Geiseln Lösegeld bezahlt.

Daniele Mastrogiacomo selber hat aus der zweiwöchigen Geisel-Haft seine Schlüsse gezogen. Als Reporter will der Italiener weiterarbeiten, das kündigte er bereits am Tag seiner Freilassung an. An den Hindukusch allerdings will er nie wieder zurückkehren. Es sei einfach zu gefährlich. Als ihn die Entführer gehen ließen, flüsterte ihm einer der Taliban zu, man sehe sich vielleicht noch einmal wieder, dann allerdings im Paradies. Mastrogiacomo hat die Drohung verstanden.



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