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05. Juli 2007, 14:24 Uhr

Geiselbefreiung in Afghanistan

Deutscher in der Obhut der Isaf-Truppen

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Der in Afghanistan entführte deutsche Ingenieur ist frei. Das Auswärtige Amt bestätigte das Ende der Geiselnahme im Südwesten des Landes. Der Deutsche ist bereits in der Obhut der Isaf-Schutztruppe.

Hamburg - Der 46-jährige deutsche Ingenieur wurde in Afghanistan gegen 13 Uhr Ortszeit freigelassen. Der Mann sei gemeinsam mit seinem Dolmetscher von Soldaten der Isaf-Schutztruppe abgeholt worden, bestätigte das Auswärtige Amt. Beiden Männern gehe es gut.

Zuvor hatte bereits der Sprecher des Kabuler Innenministeriums mitgeteilt, dass sowohl der deutsche Bauingenieur wie auch sein Dolmetscher freigelassen worden seien. "Die beiden sind wohlauf und nun bei der lokalen Polizei", sagte der Sprecher des Innenministeriums, Semarai Baschari, SPIEGEL ONLINE. Die Geiseln seien "mit Hilfe der Polizei" befreit worden. Ob die Sicherheitskräfte Gewalt anwendeten oder die Kidnapper die beiden Männer nach Verhandlungen übergaben, wollte Baschari nicht sagen. "Sie wurden heute um 13.10 Uhr (Ortszeit) freigelassen", so der Sprecher.

Für die Bundesregierung ist die schnelle Freilassung des Deutschen eine große Erleichterung. In den letzten Monaten gab es in Afghanistan mehrere quälend lange Geiselnahmen von westlichen Entwicklungshelfern und Journalisten. Besonders spektakulär verlief das Kidnapping des italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo, der am Ende gegen fünf inhaftierte Taliban-Kämpfer ausgetauscht wurde.

Die Verhandlungen mit den Taliban und das Nachgeben der Regierung in Kabul waren international scharf kritisiert worden. Sowohl aus Berlin und noch deutlicher aus Washington hieß es, man dürfe Geiselnehmern nicht nachgeben und sich nicht erpressbar machen.

Miliz im Süden Afghanistans: Hier wurde der Deutsche entführt
AP

Miliz im Süden Afghanistans: Hier wurde der Deutsche entführt

Als die Entführung am Mittwoch bekannt geworden war, gab es unterschiedliche Angaben über angebliche Lösegeldforderungen. Demnach wollten die Entführer, die nach Erkenntnissen der afghanischen Behörden und des Auswärtigen Amts eher dem kriminellen Milieu als den radikal-islamistischen Taliban zuzuordnen sind, einen fünfstelligen Betrag für die Geiseln haben. Belastbar waren die Angaben nicht, der Gouverneur nannte allerdings eine Summe von 40.000 Euro, die die Kidnapper gefordert hätten.

Seit dem frühen Morgen verhandelten Stammesälteste aus der Region und auch die Polizei intensiv per Telefon mit den Kidnappern. Ob sie dabei eine Freilassung ohne Lösegeld oder möglicherweise gegen Sachleistungen wie Wiederaufbauhilfe aushandelten, ist bis jetzt noch unklar.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ließ sich seit Beginn der Geiselnahme über den Stand der Dinge unterrichten. Anrufe bei den lokalen Sicherheitskräften in der Region Delaram, wo die beiden Männer entführt worden waren, erbrachten zunächst keine Details. Es hieß, sowohl der Gouverneur als auch der Polizeichef seien in der Provinz unterwegs, wo sie per Mobiltelefon nicht erreichbar seien.

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Es war das erste Mal seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001, dass ein Deutscher in Afghanistan entführt wurde. Der Ingenieur und sein afghanischer Übersetzer wurden nach Angaben des Polizeichefs der südwestafghanischen Provinz Farah, Abdul Rahman Farjang, in einem Dorf im Bezirk Delaram von Unbekannten festgehalten.

Die Entführung war erst gestern bekannt geworden. Der Mann war jedoch bereits am vergangenen Donnerstag von seinen Kidnappern verschleppt worden. Am Freitag vergangener Woche erhielten die Diplomaten aus der deutschen Botschaft in Kabul erste Hinweise auf eine mögliche Entführung eines deutschen Ingenieurs in Afghanistan. Die Behörden machten den Fall zunächst nicht öffentlich, um den Kidnappern kein Forum zu geben - oder die schwierigen Verhandlungen in einem solchen Fall nicht zu behindern.

Der Deutsche sei weder im Regierungsauftrag unterwegs noch für eine deutsche Hilfsorganisation tätig gewesen. Auch handele es sich nicht um einen Journalisten, hieß es aus dem deutschen Außenministerium. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE arbeitet er für eine US-Baufirma.

Die Region im Südwesten Afghanistans gilt als Hauptschmuggelroute für Opium nach Iran und wird komplett von stark bewaffneten Milizen kontrolliert. Die Zentralregierung in Kabul hat in dem Gebiet wenig Einfluss, es gibt größtenteils noch nicht mal Telefone. Auch die Schutztruppe Isaf hat in dem Gebiet kaum Kräfte oder lokale Aufbauteams. Einzig die USA operieren ab und an mit kleinen Einheiten in der Grenzregion auf der Suche nach Taliban und Drogenhändlern.

Was in Berlin bisher über die Entführung bekannt ist, spricht nach Meinung der Sicherheitsbehörden für eine kurzfristige Planung durch die Geiselnehmer. So war die Reiseroute des Deutschen spontan geändert worden und er und sein Dolmetscher mussten in einer Ortschaft in der Region übernachten. Wenig später wurden sie entführt. Offenbar waren sie von Delaram über die sogenannte Ring Road, die alle großen Städte Afghanistans verbindet, auf dem Weg nach Herat in des Nordwesten des Landes.

Was der Deutsche in dem gefährlichen Gebiet tat, ist nicht ganz klar. Mehrere internationale Firmen arbeiten im Südwesten an Großprojekten, vor allem chinesische und US-Unternehmen. Die Ring Road wird repariert und ein Kraftwerk an einem Staudamm wieder aufgebaut.

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