Geiseldrama auf See Piraten geben entführte "Hansa Stavanger" frei

Ende eines Geiseldramas: Somalische Seeräuber haben das deutsche Containerschiff "Hansa Stavanger" freigelassen, nachdem Unterhändler per Kleinflugzeug 2,75 Millionen Dollar Lösegeld abwarfen. Die Erleichterung über die Freigabe ist groß - aber die Piraten haben wieder einmal gewonnen.

Von Clemens Höges, und


Mombasa - Erleichterung bei der Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg: Die "Hansa Stavaner" ist frei. Nach monatelangen zähen Verhandlungen hatten sich Eigner und Entführer vergangene Woche auf eine Lösegeldsumme geeinigt, nachdem Unternehmenschef Frank Leonhardt sein Angebot noch einmal erhöht hatte.

Inzwischen ist das Lösegeld in Höhe von rund 2,75 Millionen Dollar aus einem Flugzeug abgeworfen worden, und die Piraten sind von Bord gegangen. Der Frachter war am 4. April auf dem Indischen Ozean gekapert worden. Anschließend hatten die Piraten den Kapitän gezwungen, nach Harardhere zu fahren, einer berüchtigten Piraten-Hochburg an Somalias Ostküste. An Bord sind 24 Mann Besatzung, darunter fünf Deutsche.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier bestätigte am Abend "mit großer Erleichterung" die Freilassung des Schiffs. Der Minister hoffte, dass die Mannschaft und ihre Angehörigen sich nun von den Strapazen erholen können. Zudem dankte er "dem Krisenstab und allen beteiligten Behörden sowie der Reederei, die unermüdlich für eine Lösung eingesetzt haben".

Die "Stavanger" hat nach der Lösegeld-Zahlung seinen Ankerplatz bei der Küstenstadt Haradhere verlassen und fährt Richtung Norden. Ein Kriegsschiff der EU-Flotte stehe mit dem Frachter in Funkkontakt, hieß es in der Zentrale der Mission. Vermutlich braucht die "Stavanger" für die Weiterfahrt nach Mombasa in Kenia Benzin für die Motoren, damit könnten die Kriegsschiffe aushelfen.

Lösegeldzahlung eine Niederlage

Trotz der Erleichterung ist die Zahlung des Lösegelds letztlich eine Niederlage für die Bundesregierung. Eigentlich hatte man im Krisenstab geschworen, sich nicht auf die Zahlung von Millionen an Kriminelle einzulassen. Ein erster Versuch, die "Stavanger" mit Hilfe der im Rahmen der EU-Operation "Atalanta" im Golf von Aden patroullierenden deutschen Kriegsschiffe zu befreien, scheiterte jedoch. Die Piraten bemerkten eine deutsche Fregatte und drohten mit dem Tod der Geiseln, wenn sich das Schiff nähere.

Daraufhin hatte die Bundesregierung sich zu einer noch spektakulären Befreiung des Schiffs durch die deutsche Eliteeinheit GSG9 entschieden. 200 der Elitepolizisten flogen in einer geheimen Aktion zuerst nach Mombasa und wurden von dem US-Schiff "Boxer" samt Hubschraubern und Ausrüstung in die Nähe der "Stavanger" vor Somalia gebracht. Kurz vor dem geplanten Zugriff aber platzte die gesamte Aktion Anfang Mai, da die USA die Befreiung als zu gefährlich erachteten. Daraufhin brach in Berlin ein heftiger Streit aus, ob Deutschland für Geiseldramen wie das auf der "Stavanger" gut genug ausgerüstet ist. Zudem wurden erhebliche Probleme bei der Abstimmung zwischen den verschiedenen beteiligten Behörden deutlich, die zu organisatorischen Änderungen innerhalb der deutschen Behörden führten.

Am Ende lief dann am Montag alles wie immer in den Pirateriefällen der letzten Monate. Zwar hielt sich eine Fregatte der "Atalanta"-Mission stets in der Nähe der "Stavanger" auf und beobachtete die Lage, doch die Piraten mit dem Lösegeld wurden schließlich nicht verfolgt. Wenn die Freude über das Ende des Falls verflogen ist, wird auch dieser Umstand vermutlich zu neuen Diskussionen führen, was die Mission im Golf von Aden eigentlich bringt, wenn die eingesetzten Kriegsschiffe mit ihren Soldaten davoneilenden Kriminellen am Ende nicht nachstellen können.

Besatzung berichtet von Psychoterror

Für die Besatzung der "Stavanger" endet ein monatelanger Nervenkrieg. Zuletzt hatte sich die Lage an Bord immer weiter zugespitzt, davon zeugen E-Mails der Crew. Anfangs berichtete der Kapitän des Schiffes - ein Deutscher aus dem Münchner Raum - noch von Piraten, die "bekifft, aber freundlich" seien. Doch in seinen jüngsten Mails beschreibt er vor allem Angst und Terror. Von Scheinexekutionen ist da die Rede, tagelangem Hungern, Krankheiten, psychischen Grenzerfahrungen.

Die "Hansa Stavanger" stand als Leihgabe in Diensten der Reederei H&H Lines in Dubai, die ihre Containerschiffe im Linienverkehr alle zwei Wochen die sogenannte "Ostafrika-Schleife" drehen lässt. Von den Vereinigten Arabischen Emiraten führt die Route an Oman vorbei nach Mombasa in Kenia, dann einmal über den Ozean nach Indien und wieder zurück in die Emirate.

Der Kurs ist schon seit Monaten hochriskant. Denn bei jeder Runde auf der "Ostafrika-Schleife" müssen die Frachter zweimal an Somalias Küste entlangfahren - über 1000 Meilen durchs Jagdrevier der Seeräuber. Und in der Tat: Am 4. April griffen Piraten die "Hansa Stavanger" an, weit draußen auf dem Indischen Ozean, 400 Seemeilen von der somalischen Hafenstadt Kismaju entfernt.

Die Beute dürfte den Piraten gefallen haben: Das Schiff war nicht nur gut beladen mit Containern, noch interessanter für die Piraten war die Mannschaft. Neben Russen, Ukrainern und vor allem Philippinern gehören eben auch fünf Deutsche dazu.

Mit der "Hansa Stavanger" hatten die Seeräuber wohl auch recht leichtes Spiel. Eigentlich ist sie ein sehr ordentliches Schiff, 170 Meter lang, erst 1997 in China gebaut. Sie hat einen soliden Doppelrumpf und wurde konstruiert nach den strengen Normen des Germanischen Lloyd. Am Heck weht sogar der "Adenauer", die deutsche Flagge also - und nicht etwa wie üblich eine Billigflagge.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

Für den Einsatz vor der Piratenküste eignet sich die "Hansa Stavanger" trotzdem eher nicht: Ihr langsam laufender Zweitakt-Diesel vom Typ 6S60MC, von den Chinesen nach deutschen Plänen gebaut, ist zwar weit verbreitet und bewährt, schiebt das große Schiff aber vergleichsweise gemächlich durch die Wellen. Die Mannschaft hatte kaum eine Chance, die Piraten in ihren schnellen kleinen Booten abzuschütteln oder sie auszumanövrieren, wie das einigen anderen Kapitänen schon gelungen ist.

Dazu gefährdet eine weitere Schwachstelle die "Hansa Stavanger": Die Konstrukteure haben ihre Bordwand in der Schiffsmitte weit heruntergezogen. Piraten klettern da leicht hoch. Und an Deck stehen dann auch noch zwei hohe Kräne. Die sind zwar sehr praktisch für das Be- und Entladen in mager ausgestatteten Häfen von Entwicklungsländern, machen es aber Helikopter-Piloten schwer, im Notfall Retter abzuseilen.

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