Geiseldrama in Beslan Die eiskalten Planungen der Profikiller

Erste Ermittlungen zeigen: Die Mörder von Beslan gingen mit eiskalter Professionalität vor. Sie hatten die Besetzung der Schule minutiös geplant, sogar Gewehre unter der Bibliothek versteckt. Schon während der Staatstrauer muss Russland neue Anschläge fürchten, die Rebellen prahlen in Internet-Videos mit Waffenlagern und selbst gebauten Granatwerfern.

Berlin - Als die ersten Ermittler der russischen Sicherheitsbehörden nach dem fast zehnstündigen Kampf am Samstag die Schule Nr. 1 in Beslan betraten, bot sich ihnen das Bild eines Kriegsschauplatzes. Von der Turnhalle, wo die Geiselnehmer fast tausend Kinder, Jugendliche und viele Eltern zusammengetrieben hatten, standen nur noch die Grundmauern. Auf dem Boden lagen Dutzende Kinderleichen, dazwischen die zerfetzten Körper von mehreren Selbstmordattentätern, die ihre Sprenggürtel gezündet hatten. An den Wänden zeugten unzählige Einschusslöcher von dem erbitterten Kampf der Geiselnehmer mit den russischen Soldaten und Polizisten.

Trotz des Chaos fielen den Fahndern sofort zwei große Löcher im Holzboden der Bibliothek auf. Schnell war klar, dass diese nicht von den Bomben oder Granaten kommen konnten, die während des Kampfes von den Geiselnehmern gezündet oder von Soldaten in das Gebäude geworfen worden waren. Gleichwohl sind die beiden Löcher ein wichtiges und besorgniserregendes Indiz für die Ermittler. Sie glauben, dass die Geiselnehmer für ihre Kommandoaktion schon weit vor der Schulbesetzung Waffen und weitere Ausrüstung unter dem Holzboden versteckt hatten. Vermutlich geschah dies im Sommer während der Schulferien, als das Gebäude gerade renoviert wurde.

Je mehr die russischen Behörden herausfinden, desto bedrohlicher wirkt die Schlagkraft der tschetschenischen Rebellen, welche für das Geiseldrama verantwortlich gemacht werden. Allein die minutiöse Vorbereitung und die gute Ausrüstung der Terroristen von Beslan wirft ein neues Licht auf die Möglichkeiten der Rebellengruppen, welche den Krieg gegen das Russland Präsident Putins ausgerufen haben. Die Behörden müssen fürchten, dass die Geiselnahme in der russischen Schule nur der erste einer neuen Serien von Anschlägen gegen so genannte "weiche Ziele" im ganzen Land war.

Modernste Ausrüstung aus russischen Lagern?

Augenzeugenberichte bestätigen die nahezu perfekte Vorbereitung. Mehrere entkommene Kinder erzählten, die Geiselnehmer hätten neue Nato-Uniformen in den klassischen Tarnfarben getragen. Alle seien mit modernen Funkgeräten, neu aussehenden Automatikwaffen, Erste-Hilfe-Paketen und Kompassen ausgestattet gewesen. Laut eines Berichts der "New York Times" sollen die 32 Männer und Frauen sogar zwei Fährtenhunde bei sich gehabt haben, die die Orientierung bei einem Sturm oder dem Einsatz von Nebelgranaten durch die russische Armee erleichtern sollten. Allein die Ausrüstung zeigt, dass die Rebellen über sehr gute Quellen und ein profundes militärisches Training verfügten.

Über die Geiselnehmer selbst ist bisher nicht viel zu erfahren. Das russische Fernsehen zeigte am Sonntagabend einen Verdächtigen, dem schon diese Woche der Prozess gemacht werden soll. Bis auf einen anderen Täter, der schwer verletzt sein soll, starben die restlichen Kämpfer laut russischen Angaben bei den Schusswechseln in und um die Schule herum. Auch der mutmaßliche Chef des Kommandos, dessen Name vom Militär mit Magomed Jewjolew angegeben wurde, soll in der Schule gestorben sein. Immer wieder betonen die russischen Behörden auch, dass unter den Tätern arabische oder zumindest nicht-tschetschenische Kämpfer gewesen seien.

Bisher fehlt für die arabische Connection ein Beleg. Keiner der bisher publizierten Augenzeugenberichte bestätigt die Angaben. So sprechen die Kinder stets von gut russisch sprechenden Männer und Frauen. Gleichwohl passt die Darstellung sehr gut in das Bild, das Präsident Putin vom Tschetschenienkonflikt zeichnet. Immer wieder hat er besonders vor internationalen Gremien wie der Uno vorgetragen, die Rebellen im Süden seines Reiches würden von der al-Qaida unterstützt. Im Westen wird diese These angezweifelt, die Geheimdienste hierzulande sehen allenfalls Querverbindungen von islamitisch geprägten Kämpfern Osama Bin Ladens und den Rebellen. Dass die Qaida den Widerstand in Tschetschenien regelrecht steuere, lässt sich nicht erkennen, so die Analyse.

"Sie kannten die Schule wie ihren Hinterhof"

Unabhängig von den noch unbekannten Planern im Hintergrund waren die Geiselnehmer in Beslan auf alles vorbereitet. "Sie kannten die Wege in und um die Schule wie ihren eigenen Hinterhof", sagte Segej Ignatschenko, ein Sprecher des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Die genaue Planung und das Studieren von Lageplänen habe es den Terroristen erlaubt, "Scharfschützen und Sprengsätze an allen nur möglichen Fluchtwegen zu installieren". Aufgrund der Erkenntnisse liegt für die Ermittler nahe, dass die Geiselnehmer das Gebäude während der Renovierungsphase im Sommer selber in Augenschein genommen haben könnten. Allein diese Tatsache lässt enorme Lücken im russischen Sicherheitsapparat vermuten.

Ebenso beunruhigend erscheint für die Terror-Bekämpfer von Präsident Putin, dass die Geiselnehmer den tödlichen Sturm auf das Musical-Theater "Nord-Ost" in Moskau im Oktober 2002 offenbar genauestens studiert haben. "Unsere Analysten waren erstaunt, wie gut sie die Erfahrungen aus dem "Nord-Ost"-Theater umgesetzt haben", gestand FSB-Sprecher Ignatschenko ein. So beugten die Geiselnehmer von Beslan einem möglichen Giftgaseinsatz, bei dem in Moskau mehr als 100 Geiseln und alle Täter ums Leben kamen, schon kurz nach der Besetzung der Schule vor. Fenster wurden vernagelt, alle Kämpfer trugen während der gesamten Aktion Gasmasken. Ebenso verboten sie den Geiseln schon nach den ersten Stunden, Wasser aus den Hähnen zu trinken, da sie mit einer Vergiftung über die Leitungen rechneten. Im Fazit des Geheimdienstlers klingt da fast Bewunderung mit. "Das waren Profis", konstatierte er.

Die russischen Behörden sind derzeit in höchster Alarmbereitschaft. Die Attacke in Beslan hat ihnen gezeigt, dass die tschetschenischen Rebellen über logistische Mittel verfügen, um jederzeit - und womöglich überall in Russland - zuzuschlagen. In allen großen Städten und vor allem in der Hauptstadt Moskau sind die Sicherheitsmaßnahmen drastisch verschärft worden. Polizisten kontrollieren überall Passanten. An den Flughäfen patrouillieren Soldaten. Gleichwohl ist auch den Verantwortlichen im Kreml klar, dass es vor Angriffen auf Schulen, die U-Bahn oder ein Theater keine wirkliche Sicherheit gibt.

Propaganda mit einer neuen Waffe aus Tschetschenien

Dass die Rebellen auch nach dem Drama in Beslan über ausreichend Waffen und die Motivation für neue Aktionen verfügen, untermauern zwei neu ins Internet gestellte Propagandavideos. Auf dem einen ist der mutmaßliche Kopf der kämpfenden Rebellen und angebliche Planer der Geiselnahme von Beslan zu sehen. Vor laufender Kamera rühmt sich der im Guerillakampf erfahrene Schamil Bassajew, dass er gerade mit seinen Kämpfern das Waffenlager der Armee im südrussischen Inguschien eingenommen habe. Danach ist zu sehen, wie er und seine Männer Gewehre, Munition und Uniformen abtransportieren. Ironisch dankt der bärtige Kämpfer in dem Video der Regierung in Inguschien, dass sie "Waffen und Munition für uns gelagert hat". Leider aber könne man nicht alles mitnehmen, da Lastwagen fehlten, so Bassajew.

Auch wenn die über die pro-tschetschenische Internetseite "kavkazcenter.com" verbreiteten Aufnahmen den Diebstahl von Waffen aus einer inguschischen Kaserne nicht eindeutig belegen, sind die Aussagen Bassajews plausibel. Nachweislich hatten tschetschenische Rebellen im Juni eine Militärkaserne in Nazran gestürmt und geplündert. Der Umfang des Diebstahls wurde jedoch von offizieller Seite stets herunter gespielt. Nun müssen die russischen Behörden zum einen fürchten, dass die in Beslan eingesetzten Waffen der Kidnapper aus der eigenen Militärproduktion stammten und sich die Geiselnehmer mit den gestohlenen Uniformen womöglich ungestört im eigentlich streng kontrollierten Süden Russlands bewegen konnten. Zum anderen aber müssen sie damit rechnen, dass die Rebellen nach dem Überfall der Kaserne auch für zukünftige Attacken bestens ausgestattet sind.

Neben dem Bassajew-Video zeigt auch noch ein weiteres im Netz kursierendes Band die Entschlossenheit der Rebellen zum Weiterkämpfen. Auf dem kurzen Film zeigen mehrere Männer eine neue Waffe, die sie angeblich selbst entwickelt haben wollen. Bei der "Lom-3" handelt es sich um eine Art leichten Granatwerfer (6,5 Kilogramm schwer), den man laut den Aussagen der uniformierten Kämpfer mit handelsüblicher Munition bestücken kann. Auch wenn die ganz offenbar selbst zusammengeschweißten Abschussvorrichtungen recht unprofessionell aussehen, ist ihre durchschlagende Wirkung auf dem Video gut zu erkennen. Mit der "Lom-3" seien auch niedrig fliegende Flugzeuge oder Hubschrauber leicht abzuschießen, so der Text auf der Internetseite.

Mit Hohn fügt einer der Männer am Ende des Films hinzu, dass die Tschetschenen nun nicht mehr auf russische Waffen angewiesen seien. Nur noch die Munition für den Kampf gegen die Putin-Regierung müsse aus der Produktion des Feindes kommen. Doch auch daran arbeite man mit Hochdruck.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.