Geiselkrise Annan schickt BND-Agent als Geheimvermittler nach Israel

Zwei Monate nach dem Waffenstillstand im Libanon gibt es neue Vermittlungsversuche im Nahostkonflikt: Nach SPIEGEL-Informationen hat Uno-Generalsekretär Kofi Annan einen deutschen BND-Agenten in die Region geschickt. Er soll im Geiselstreit zwischen Israel und der Hisbollah vermitteln.


Hamburg – Seit zwei Monaten ruhen die Waffen zwischen Israel und der südlibanesischen Hisbollah, doch ihr offizielles Kriegsziel – die Befreiung der beiden Geiseln Ehud Goldwasser und Eldad Regev - hat die Regierung in Jerusalem bis heute nicht erreicht. Die beiden israelischen Soldaten waren am 12. Juli von Hisbollah-Kämpfern verschleppt worden.

Foto des entführten israelischen Soldaten Ehud Goldwasser (mit seiner Ehefrau): Der BND vermittelt in dem Fall
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Foto des entführten israelischen Soldaten Ehud Goldwasser (mit seiner Ehefrau): Der BND vermittelt in dem Fall

Jetzt kommt neue Bewegung in den Fall. nach Informationen des SPIEGEL hat Uno-Generalsekretär Annan einen Agenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) als Vermittler eingesetzt. Der Nachrichtendienstler aus Berlin sondiert demnach "seit September" zwischen Israel und der Hisbollah in geheimer Mission die Bedingungen für einen möglichen Austausch der beiden Geiseln.

Der Agent, der bereits bei früheren Gefangenenaustauschen zwischen der schiitischen Miliz und Israel vermittelt hat, gilt als exzellenter Kenner der Hisbollah und ist mit deren Chef Hassan Nasrallah persönlich bekannt. Zudem ist er Teil einer deutschen Delegation gewesen, die im Jahr 2002 in Damaskus den deutsch-syrischen Islamisten Mohammed Haydar Zammar befragt hat. Annan traf den BND-Mann Anfang September in Madrid und beauftragte ihn anschließend mit der Mission.

Trotz mehrerer Verhandlungsrunden liegen die Vorstellungen der beiden Kriegsparteien bislang allerdings noch weit auseinander. Die Hisbollah fordert die Freilassung mehrerer hundert inhaftierter Araber; darunter ist auch der seit 27 Jahren in Haft sitzende Libanese Samir Kuntar. Dazu ist die israelische Regierung bislang nicht bereit. Bei der Uno gilt der Ausgang der Vermittlungsmission deshalb als offen.

Anfang September war auch BND-Chef Ernst Uhrlau wegen der Geiselfrage in die libanesische Hauptstadt Beirut gereist, jedoch zumindest ohne kurzfristigen Erfolg. Uhrlau hat Erfahrung mit der Vermittlung in Geiselfällen. Anfang 2004 spielte er eine wichtige Rolle bei einem Gefangenaustausch. Damals kamen über 400 Araber aus israelischer Haft gegen einen von der Hisbollah gekidnappten israelischen Geschäftsmann frei.

Hamas-Minister attackiert Israel

Auch in dem zweiten Aufsehen erregenden Geiselfall im Nahen Osten gibt es neue Bewegung. In einem Interview mit dem SPIEGEL hat der palästinensische Außenminister der Hamas-Regierung, Mahmud al-Sahar, die Eltern des entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit um Hilfe gebeten. Hamas-Kämpfer hatten den Korporal am 25. Juni auf israelischem Staatsgebiet entführt. Die israelische Armee hatte daraufhin tagelang Ziele im Gazastreifen beschossen.

In dem Interview gab der Hamas-Minister jetzt Israel die Schuld daran, dass es noch nicht zu einem Austausch Schalits gegen palästinensische Gefangene gekommen sei. "Es ist der israelische Premierminister Olmert, der ein Abkommen verhindert", sagte Sahar. "Ich appelliere an die Familie des entführten Soldaten, ihre Regierung dazu zu bringen, alles für die Freilassung ihres Sohnes zu tun." Meldungen, wonach Iran der Hamas 50 Millionen Dollar gezahlt haben soll, damit sie einen Austausch verhindert, bezeichnete er als "zionistische Propaganda".

Die Hamas sei zu einem Waffenstillstand bereit, sagte Sahar, fügte aber hinzu: "Wir werden Israel niemals anerkennen". In dem Interview schlug der Hamas-Vertreter ähnliche Töne an wie zuvor Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Er nannte Israel einen "Fremdkörper" und fragte: "Warum gründen die Juden ihren Staat nicht in Europa?"

har

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