Geiselnahme auf See Somalische Piraten trotzen US-Zerstörer

Vier Freibeuter gegen ein Kriegsschiff der US-Marine: Die Piraten, die vor Somalia den Kapitän des Frachters "Maersk Alabama" in ihre Gewalt gebracht haben, geben sich von der Präsenz eines Zerstörers unbeeindruckt. Doch ihnen läuft die Zeit davon.


Nairobi/Washington - Noch harren die Seeräuber aus: Unbeeindruckt von einem US-Kriegsschiff halten Piraten vor der Küste Somalias weiter den US-Kapitän des Containerschiffes "Maersk Alabama" in einem kleinen Rettungsboot als Geisel.

Die Piraten hatten ursprünglich das gesamte Schiff in ihre Gewalt gebracht, waren dann aber am Mittwoch nach mehreren Stunden von der Besatzung von Bord vertrieben worden. Dabei gelang es den Piraten allerdings, Kapitän Richard Phillips in einem Beiboot zu verschleppen.

Am frühen Donnerstag traf dann das US-Kriegsschiff "USS Bainbridge" ein und bezog in der Nähe des Containerschiffs und des Rettungsboots Position. Es handle sich um vier Piraten, erklärte der Zweite Offizier der "Maersk Alabama", Ken Quinn, in einem Telefongespräch mit dem Nachrichtensender CNN. Die Seeräuber verlangten Lösegeld für den Schiffsführer.

Ein Sprecher der Reederei Maersk betonte, nun, da der Zerstörer vor Ort sei, sei die Navy für die Verhandlungen mit den Piraten zuständig. Zuvor hatte Quinn erklärt, die Besatzung stehe mit dem Kapitän und den Seeräubern per Funk in Verbindung. "Wir bieten ihnen an, was wir können. Aber es läuft nicht so gut."

Küste vor Somalia: Zentrum der Piraterie
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Küste vor Somalia: Zentrum der Piraterie

Viele Optionen bleiben den Freibeutern nicht. Selbst wenn die Anwesenheit der "USS Bainbridge" sie bislang kalt lässt - ein zweites US-Kriegsschiff ist bereits auf dem Weg. "Die Piraten stehen wirklich mit dem Rücken zur Wand", sagte Roger Middleton von der Londoner Denkfabrik Chatham House. "Sie haben nur eine Person in ihrer Gewalt, sie können die Geisel nirgendwo verstecken, sie haben keine Möglichkeit, sich wirksam gegen das Militär zu verteidigen - und sie sind mehrere hundert Meilen von der somalischen Küste entfernt."

Möglich sei, dass die Entführer auf ein größeres Mutterschiff warteten, das sie aufnehmen soll. Sollten sie die Geisel nach Somalia bringen wollen, würden sie vermutlich abgefangen werden, mutmaßt Middleton. Wenn sie Phillips herausgeben, müssen sie mit einer Festnahme rechnen. "Wenn ich Pirat wäre, würde ich das Ganze hinschmeißen und Gärtner werden", sagte Middleton.

Doch auch die Besatzung des US-Kriegsschiffs ist in einer schwierigen Lage. Analysten glauben, dass die Soldaten vermeiden wollen, die Piraten anzugreifen, solange noch ein US-Bürger in ihren Händen ist.

Der 17.000-Tonnen-Frachter gehört der dänischen Reederei A.P. Møller-Mærsk, der größten Reederei der Welt. Nach Angaben des Unternehmens hatte der Frachter 400 Container mit Nahrungsmitteln an Bord, unter anderem für das Uno-Welternährungsprogramm WFP. Das Schiff war unter US-Flagge im Liniendienst auf dem Weg in den kenianischen Hafen Mombasa.

Schicksal etlicher Piratenopfer ungewiss

Die Entführung des 155 Meter langen Containerschiffes war der sechste Überfall von Piraten innerhalb einer Woche vor der somalischen Küste - ungeachtet aller Sicherheitsvorkehrungen und Patrouillen internationaler Marineeinheiten. Ein Sprecher der 5. Flotte der US-Marine in Bahrain sagte, das Schiff sei um 7.30 Uhr angegriffen und rund 450 Kilometer nordöstlich von Eyl gekapert worden, einer Stadt in der somalischen Region Puntland. Eyl gilt als Hochburg der Piraten, wo mehrere gekaperte Schiffe ankern.

Ein Pentagon-Sprecher sagte, zum Zeitpunkt des Piratenangriffs seien die nächsten US-Kriegsschiffe mehrere hundert Kilometer entfernt gewesen. US-Präsident Barack Obama verfolge die Entwicklung aufmerksam, sagte sein außenpolitischer Berater Denis McDonough.

Weiter ungewiss ist das Schicksal der fünf deutschen Seeleute auf dem in Hamburg registrierten Containerschiff "Hansa Stavanger". Piraten hatten das Schiff am vergangenen Samstag im Indischen Ozean, etwa 400 Seemeilen vor Somalia, in ihre Gewalt gebracht. Insgesamt befinden sich 24 Seeleute aus mehreren Nationen an Bord.

In der Hand somalischer Piraten befindet sich ferner ein französisches Paar mit einem dreijährigen Kind. Die Familie sei mit ihrer Segelyacht "Tanit" auf dem Weg nach Sansibar den Seeräubern in die Hände gefallen, berichtete das französische Fernsehen. An Bord befand sich nach Angaben der Hilfsorganisation Ecoterra offenbar auch ein unterwegs zugestiegenes Paar. Am vergangenen Montag wurden außerdem ein britisches und ein taiwanisches Schiff vor der somalischen Küste entführt.

ffr/dpa/AP

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