Geiselnahme in Afghanistan Grausamer Tod in den Bergen

Während die Verhandlungen über die Freilassung des deutschen Ingenieurs Rudolf B. nur schleppend vorangehen, bleibt der Tod seines Freundes und Kollegen unklar. Erste Obduktionsergebnisse deuten auf einen grausamen Mord hin, der vielleicht nie aufgeklärt werden kann.

Kabul - Es ist ein grausamer Verdacht, den "Bild am Sonntag" auf zwei Seiten schildert. In großen Lettern titelt das Boulevardblatt plakativ mit einer Frage: "Wurde Rüdiger D. zu Tode gefoltert?". In den Zeilen darunter schildern die Autoren ihre Rechercheergebnisse. Demnach hätte die erste Obduktion des Leichnams der toten Geisel in Köln ergeben, dass er zuerst in beide Knie und dann in den Rücken geschossen wurde. Sogenannte Sicherheitskreise, von denen diese Informationen stammen sollen, sagen dann aus, dass Rüdiger D. offenbar grausam und brutal umgebracht worden sein muss. Auf einen bereits toten Mann zu schießen, so die "Bild"-Quelle, mache doch keinen Sinn. Von Folter steht im Text kein Wort mehr.

Eine Überprüfung der Fakten der Zeitung war am Sonntag nicht möglich. Alle beteiligten Stellen, allen voran das Auswärtige Amt, verweigerten jeglichen Kommentar. Das Außenamt verwies auf die Ankündigung, dass die Ergebnisse der Obduktion erst Ende kommender Woche vorlägen und dass bis dahin alle Aussagen reine Spekulation seien. Das Amt hatte Ende vergangener Woche bestätigt, dass die Leiche Schusswunden aufweist. Zu klären war demnach allerdings, ob die Entführer auf Rüdiger D. geschossen haben, nachdem dieser bereits gestorben war. Genau dies soll eine umfangreiche und komplizierte Obduktion klären. Dazu werden neben den Schusswunden auch mehrere Gewebeproben analysiert - und das dauert seine Zeit.

Die angeblichen Ergebnisse der Obduktion in Deutschland decken sich zumindest nicht mit einem ersten Bericht, den Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) nach einer kurzen Ansicht der Leiche am vergangenen Sonntag nach Berlin übermittelt hatten. Aus Kabul berichteten sie nach Informationen von SPIEGEL ONLINE, dass der Körper Schusswunden im Brustbereich aufweise, zudem hatten sie am Kopf einen Bluterguss ausgemacht. Von den Knieschüssen wurde noch nicht gesprochen. Experten schlossen jedoch am Sonntag nicht aus, dass der erste Befund wegen fehlender technischer Möglichkeiten in Kabul und dem schlechten Zustand der Leiche noch nicht alle Details nennen konnte.

Anstrengende Gewaltmärsche in die Berge

Eins jedoch steht bei allen Unklarheiten darüber, was nach der Entführung der beiden deutschen Ingenieure vor zwölf Tagen in den Bergen südwestlich von Kabul passierte, fest: In jedem Fall ist der 43-jährige Familienvater von seinen Entführern in den Tod getrieben worden. Gleich nach der Verschleppung jagten die Geiselnehmer ihre Opfer in langen und anstrengenden Gewalt-Märschen in die Berge, wo sie die zweite Deutsche Geisel Rudolf B. seit mehreren Tagen in einer Berghöhle mit einem Vorbau aus Steinen festhalten. Doch der Anstieg auf den verwundenen Pfaden durch die Berge und bei starker Hitze, so jedenfalls immer noch die Einschätzung des Krisenstabs, war zu viel für Rüdiger D. Er brach irgendwann geschwächt zusammen.

Dass sich der bisher tragischte Teil der Geiselnahme so abgespielt haben soll, weiß der Krisenstab aus zwei Quellen. Zuerst berichtete der afghanische Geschäftsmann Eshak Noorzai, der mit den Deutschen entführt worden war, aber schnell wieder freikam, dass Rüdiger D. auf der Strecke zusammen gebrochen sei und leblos am Boden lag. Ab Sonntag vergangener Woche dann gelang es der deutschen Botschaft über Vermittler, einen direkten telefonischen Kontakt zu der zweiten Geisel zu etablieren. In einem der täglichen Gespräche bestätigte auch Rudolf B, dass sein Freund auf dem Marsch in die Berge eine Art Anfall erlitten hatte und regungslos da lag. Dann hätten die Entführer auf ihn gefeuert.

Die angeblichen neuen Erkenntnisse aus der Obduktion ändern an der bisherigen Version nur wenig. Offen bleibt nur, warum die Geiselnehmer auf den zusammengebrochenen Mann feuerten. Spricht man mit Ermittlern, tragen diese nur sogenannte Arbeitsthesen vor. Nichts ist gesichert, es sind mögliche Szenarien. Eine davon handelt von einem Gnadenschuss, da man in der kaltblütigen Rechnung der Entführer keine Chance sah, den geschwächten Mann in die Berge zu tragen. Ebenso ist möglich, dass die Kidnapper sicher gehen wollten, dass der Deutsche wirklich tot ist und nicht nach einem Schwächeanfall irgendwann wieder aufwacht. "In jedem Fall gingen die Täter extrem brutal und kaltschnäuzig vor", so ein Beamter.

Zähe und konfuse Gespräche

Ob sich der Tathergang in den Bergen von Afghanistan je klären lässt, ist ungewiss. Zwar wären die Ermittler der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe über klare Ergebnisse für ihre Nachforschungen sicher sehr dankbar - sie ermitteln seit einigen Tagen in dem Fall. Doch Insider zweifeln schon jetzt, dass trotz der hoch spezialisierten Obduktion am Ende Klarheit einkehren wird. Einer der grausamen Gründe für diese Befürchtung ist, dass die Leiche des Mannes mehr als einen Tag ungekühlt in den Bergen gelegen hat. Ermittler, die Bilder von dem Leichnam gesehen haben, sprechen von einem grausamen Anblick, da die Verwesung bereits eingesetzt habe. Gleichwohl bemühe man sich, Ergebnisse zu bekommen.

Für den Krisenstab im Auswärtigen Amt (AA) stehen die Bemühungen um die zweite Geisel im Vordergrund. Weiterhin verhandeln afghanische Stammesführer der Region Ghazni mit den Geiselnehmern. Doch die Gespräche laufen sehr langsam und konfus. Hinzu kommt, dass die Vermittler für ihre Treffen mit den Kidnappern lange Wege in die Berge zurücklegen müssen und erst nach der Rückkehr wieder mit den deutschen Behörden in Kontakt treten können. Trotz der vielen Misslichkeiten ist aus dem Krisenstab vorsichtiger Optimismus zu hören. Vor allem die Tatsache, dass es sich bei den Entführern nicht um Angehörige des politischen Arms der Taliban handelt, macht Hoffnung.

Die letzten Telefonate mit der Geisel ergaben, dass es dem Mann seit einigen Tagen etwas besser geht. Am vergangenen Wochenende hatte er über starke Erschöpfung geklagt und fürchtete sich vor weiteren Gewalt-Märschen in den Bergen. Seit Mitte der Woche aber ist sein Zustand stabil, heißt es. Es ist ein Wort aus der technischen Sprache des Krisenstabs.

Viel mehr, als dass er nicht wie Rüdiger D. zusammenbricht oder die Panik ihn psychisch durchdrehen lässt, heißt das nicht. Über das Telefon versuchen die Experten stets, dem 62-jährigen Mut zu machen und ihm doch keine falschen Hoffnungen auf eine schnelle Lösung zu suggerieren. Wann das Drama endet? Keiner der Beteiligten würde darüber eine Prognose abgeben.

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