Geiselnahme in Algerien Terroristen hatten offenbar Komplizen auf Gasfeld

Die Hinweise auf eine detaillierte Planung der Attacke auf das algerische Gasfeld Ain Amenas verdichten sich. Die Geiselnehmer hatten genaue Ortskenntnisse und wussten laut Zeugenaussagen vorher, wo die ausländischen Arbeiter wohnen. Bei den Einheimischen hofften sie auf Verständnis.

AFP

Algier - Der Überfall auf das Gasfeld Ain Amenas in der algerischen Wüste war offenbar von langer Hand geplant. Zeugenaussagen von Überlebenden deuten zudem darauf hin, dass die Terroristen Komplizen hatten, die im Vorfeld die örtlichen Gegebenheiten an der Gasförderstätte auskundschafteten.

"Sie hatten Listen bei sich, auf denen die Zimmernummern der Ausländer standen", sagte eine Zeugin, die als Krankenschwester in der Anlage arbeitet, der algerischen Zeitung "al-Schoruk". Diese Angaben bestätigen Vermutungen, wonach die Angreifer aus dem Inneren des Komplexes vorab mit Informationen versorgt wurden.

Auch während des Überfalls sollen die Männer ständig per Telefon Kontakt zu Komplizen außerhalb des Geländes gehalten haben. Die Terroristen seien sehr jung gewesen und hätten ihre Gesichter verhüllt. Nur einer von ihnen habe algerischen Dialekt gesprochen.

Die 21-Jährige, deren Namen die Zeitung zu ihrem Schutz nicht nannte, bestätigte, dass die Terroristen gezielt nach ausländischen Arbeitern suchten. Nachdem die Männer begriffen hätten, dass sie selbst Algerierin sei, habe sie zunächst unbehelligt in ihrem Zimmer bleiben können. Anders sei es einem Arzt ergangen, der versuchte zu fliehen. Ihm hätten die Milizionäre ins Gesicht geschossen, der Mann überlebte schwer verletzt, allerdings nur dank ihrer Hilfe. Die Krankenschwester konnte den Mediziner in ihr Zimmer bringen, wo sie ihm ein Projektil aus der Stirn entfernte.

Norwegischer Minister vermisst Stiefvater

Die Terroristen sollen versucht haben, die Sympathien der algerischen Arbeiter zu gewinnen. "Sie sagten, dass sie nicht wegen uns hier seien, sondern wegen der Ausländer, die Mali angreifen. Sie haben sich bei den Algeriern entschuldigt, die bei dem Überfall verletzt wurden." Die Geiseln seien in mehrere Gruppen aufgeteilt worden.

Mit Funkgeräten sollen die Angreifer mehrfach Kontakt zur algerischen Armee aufgenommen und ihre Forderungen übermittelt haben, die jedoch jedes Mal abgelehnt wurden. Als die Entführer mit einem Teil der Geiseln versuchten zu flüchten, habe die Armee begonnen, den Konvoi zu beschießen.

Diese Verwirrung habe die Krankenschwester zusammen mit etwa 200 weiteren Geiseln zur Flucht nutzen können. Soldaten der algerischen Armee, die den Komplex belagerten, kümmerten sich um die Geflohenen. Sie hätten jedoch stundenlang ausharren müssen, bis ein sicherer Transfer gewährleistet werden konnte. "Wir hatten keine Nahrung, nichts zu trinken, nicht einmal Licht", so die Krankenschwester.

Nach aktuellem Stand sind bei der Geiselnahme mindestens 80 Menschen ums Leben gekommen. Etwa zwei Dutzend Ausländer werden noch immer vermisst. Unter ihnen ist auch der Stiefvater des norwegischen Entwicklungshilfeministers Heikki Holmås. Er befürchte, sein Stiefvater Tore Bech könne bei der Geiselnahme getötet worden sein, schrieb Holmås am Montag auf seiner Facebook-Seite.

Die Angaben der Terrorgruppe al-Muwaqiun bi-l Dam ("Die mit dem Blut unterschreiben"), dass ihrem Kommando auch Islamisten aus Kanada angehörten, scheinen sich derweil zu bestätigen. Aus Sicherheitskreisen hieß es, zwei der getöteten Terroristen seien tatsächlich kanadische Staatsbürger. Weitere Einzelheiten will die Regierung am Montagnachmittag in Algier bekanntgeben.

syd



insgesamt 11 Beiträge
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sunspirit1 21.01.2013
1. im Dutzend...
Ich verstehe nicht wie Journalisten bei der Angabe einer Personenzahl von Dutzend/Dutzende schreiben können. Da werden Menschen zur Sache abgewertet. ... oder ist das heute so üblich??
atherom 21.01.2013
2. Jetzt muss man beschleunigt die geplanten,
riesigen Solarfelder aufbauen. Es wäre doch mehr als tragisch, wenn der Westen plötzlich nicht mehr von der Region wäre abhängig.
Zappa_forever 21.01.2013
3. Und wo doch...
Zitat von atheromriesigen Solarfelder aufbauen. Es wäre doch mehr als tragisch, wenn der Westen plötzlich nicht mehr von der Region wäre abhängig.
...jeder des einheimischen Personals offensichtlich absolut einsatzfreudig und vertrauenswürdig ist!
josh67 21.01.2013
4. Titel
Zitat von sysopAFPDie Hinweise auf eine detaillierte Planung der Attacke auf das algerische Gasfeld Ain Amenas verdichten sich. Die Geiselnehmer hatten genaue Ortskenntnisse und wussten laut Zeugenaussagen vorher, wo die ausländischen Arbeiter wohnen. Bei den Einheimischen hofften sie auf Verständnis. http://www.spiegel.de/politik/ausland/geiselnahme-in-algerien-terroristen-von-ain-amenas-hatten-komplizen-a-878785.html
Wer glaubt eigentlich, dass die Geiseln erst von den Geiselnehmern ermordet wurden und dann das Feld gestürmt wurde? Natürlich sind die Geiseln "nur" Kollateralschaden.
Stauss 21.01.2013
5. Ja, was glauben sie denn
wer in der islamischen Bevölkerung schwimmt wie ein Fisch im Wasser und sich in seinem Land am Besten auskennt. GPS-gesteuerte Drohen?
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