Istanbul Geiselnahme im Justizpalast endet tödlich

Mehrere Stunden hielten Linksextremisten einen türkischen Staatsanwalt als Geisel im Istanbuler Justizpalast fest. Beim Sturm auf das Gebäude kamen die Geiselnehmer um. Der Staatsanwalt erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen.


Die Polizei in Istanbul hat die Geiselnahme eines Staatsanwalts durch Linksextremisten nach neun Stunden gewaltsam beendet. Die beiden Geiselnehmer seien bei dem Einsatz im zentralen Justizgebäude der türkischen Metropole am Dienstagabend getötet worden, sagte Istanbuls Polizeichef Selami Altinok.

Der Staatsanwalt erlag am späten Dienstagabend in einem Istanbuler Krankenhaus seinen Verletzungen, wie der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu erklärte. Er sprach der Familie des Opfers sein Beileid aus. Der Staatsanwalt war Ankläger in dem politisch bedeutenden Fall Berkin Elvan.

Im Justizpalast hatten am Mittag Linksextremisten den Staatsanwalt als Geisel genommen. Die Geiselnehmer hatten sich als Anwälte ausgegeben. Sie forderten, dass die Polizisten, die verantwortlich für den Tod von Berkin Elvan sind, ein Geständnis ablegen und verurteilt werden. Die verbotene DHKP-C bekannte sich zu der Geiselnahme. In sozialen Medien hatte sie ein Foto veröffentlicht, auf dem sie dem Staatsanwalt eine Pistole an den Kopf halten.

Altinok sagte, die Polizei habe sechs Stunden verhandelt. Die Sicherheitskräfte seien eingeschritten, als aus dem Büro des Staatsanwaltes Schüsse ertönt seien. Wie der Staatsanwalt lebensbedrohlich verletzt wurde, blieb zunächst unklar. Der türkische Präsident Tayyip Erdogan lobte die Arbeit der Polizei. Er sagte, der Staatsanwalt habe mehrere Schüsse abbekommen.

Davutoglu sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu weiter, für die Regierung sei die Geiselnahme auch ein Angriff auf die türkische Justiz und Demokratie. Die Täter seien inzwischen identifiziert worden. Sie seien 24 und 28 Jahre alt gewesen.

Tod bei Gezi-Protesten

Der 15-jährige Elvan war im März 2014 nach neun Monaten im Koma gestorben. Er war während der Gezi-Proteste 2013 in Istanbul von einem Tränengasgeschoss getroffen worden, als er nach Angaben seiner Eltern auf dem Weg zum Bäcker war. Der verantwortliche Polizist ist bis heute nicht bekannt, niemand wurde wegen der Tat zur Rechenschaft gezogen.

Der Vater Berkin Elvans, Sami Elvan, teilte während der Geiselnahme über Twitter mit, er wolle nicht, dass jemand zu Schaden komme. "Ich will nur einen gerechten Prozess", schrieb er.

Die türkische Regierung, darunter Erdogan persönlich als damaliger Regierungschef, hatte Elvan als "Terroristen" und "Provokateur" bezeichnet, der Steine gegen Polizisten geschleudert haben soll.

Die Geiselnehmer hatten sich noch die Zeit genommen, Flaggen der verbotenen Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) anzubringen. Die DHKP-C ist eine marxistisch-leninistische Untergrundorganisation. Sie wird auch für einen Anschlag auf die US-Botschaft in Ankara im Jahr 2013 verantwortlich gemacht, bei dem der Selbstmordattentäter und ein türkischer Wachmann ums Leben kamen.

kaz/loe/dpa/rtr/AP

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