Geiseldrama in Algerien Kanadier koordinierte Angriff von Ain Amenas

Der Norden Malis ist zum idealen Rückzugsort für islamistische Terroristen geworden. Die Geiselnehmer von Ain Amenas sind laut Algeriens Regierungschef Abdelmalek Sellal von dort aus nach Algerien gelangt. Koordinator des Dramas mit mindestens 66 Toten war offenbar ein Kanadier.

Gasfeld bei Ain Amenas: Opfer stammen aus acht Ländern
AFP/ Canal Algerie

Gasfeld bei Ain Amenas: Opfer stammen aus acht Ländern


Algier - Wenn es noch eines weiteren Anlasses für die von Frankreich geführte Intervention in Mali gebraucht hätte - die Geiselnehmer vom algerischen Gasfeld Ain Amenas haben ihn geliefert. Die Terroristen seien nämlich anders als zunächst vermutet nicht aus Libyen oder Niger nach Algerien eingedrungen, sondern aus dem Norden Malis. Dies erklärte der algerische Regierungschef Abdelmalek Sellal am Montag.

Die Aktion wurde nach Angaben Sellals zwei Monate lang geplant. Dabei hätten die Terroristen auf das Wissen eines in der Anlage beschäftigten Fahrers zurückgreifen können, sagte Sellal. Der Angriff war für den Fall vorbereitet, dass Algerien dem Drängen Frankreichs nach militärischer Unterstützung im Nachbarland Mali nachgibt und Überflugrechte gewährt.

Die Angreifer sollen auch geplant haben, ihre Geiseln auf einen Stützpunkt in Mali zu verschleppen, um so ein Ende des internationalen Militäreinsatzes zu erzwingen. Dies hätten die privaten Sicherheitskräfte der Gasunternehmen unterbunden, indem sie gleich zu Beginn des Angriffs am Mittwochmorgen die Entführung eines Busses verhinderten, in dem sich ausländische Arbeiter befanden.

Insgesamt kamen nach Angaben Sellals bei dem Anschlag mindestens 66 Menschen ums Leben - 37 Beschäftigte der Förderanlage und 29 Geiselnehmer. Drei Attentäter habe die Armee lebend fassen können. Sieben Ausländer werden noch immer vermisst. Die toten Geiseln kommen aus acht Ländern, die der Premier nicht namentlich nannte. Bislang haben die Regierungen der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Japans, Rumäniens, Norwegens und der Philippinen erklärt, dass Bürger aus ihren Ländern unter den Toten oder Vermissten seien. Viele Opfer seien mit Kopfschüssen getötet worden.

Nach US-Angaben wurden drei Amerikaner getötet. Man wisse von sieben amerikanischen Staatsbürgern, die überlebt hätten, sagte Victoria Nuland, Sprecherin im State Department, ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Offizielle algerische Quellen hatten zuvor lediglich von einem toten Amerikaner gesprochen.

Bestätigt sind nach algerischen Angaben außerdem, dass ein Franzose, zwei Rumänen, ein Kolumbianer, drei Briten, sechs Philippiner und sieben Japaner umgekommen sind. Das Schicksal von drei weiteren Japanern ist laut japanischem Premierminister Shinzo Abe unklar.

Außerdem kam ein Algerier bei der von Mittwoch bis Samstag andauernden Geiselnahme ums Leben. Auf der Gasproduktionsanlage waren knapp 790 Menschen beschäftigt, darunter 134 Ausländer aus 26 Nationen.

Die Kidnapper stammten aus Algerien, Ägypten, Mali, Mauretanien, Niger und Tunesien, so Sellal. Mindestens zwei Terroristen besäßen zudem die kanadische Staatsbürgerschaft. Einer der beiden soll den Angriff koordiniert haben. Sein Name wurde nur mit "Chedad" angegeben. Die kanadische Regierung teilte mit, die Angaben würden untersucht, man gehe bisher aber nur von einem beteiligten Kanadier aus. Augenzeugen schildern, dass die Geiselnehmer genaue Ortskenntnisse besaßen und gezielt ausländische Arbeiter auf dem Gasfeld angegriffen hätten. Sellal sagte, unter den Geiselnehmern sei ein ehemaliger Fahrer der Betreiberfirma gewesen.

Französische Truppen rücken in Mali vor

Mokhtar Belmokhtar, Chef der Islamistengruppe al-Muwaqiun bi-l Dam ("Die mit dem Blut unterschreiben"), drohte in einer Videobotschaft weitere Anschläge an. Solange "die französischen Kreuzzügler" in Mali stationiert seien, werde seine Miliz weitere Angriffe auf westliche Ziele in Nordafrika durchführen, sagte Belmokhtar in seiner Rede, die auf den vergangenen Donnerstag datiert war.

Die Franzosen rücken in Mali weiter Richtung Norden vor. Offenbar stehen sie kurz vor der Einnahme der strategisch wichtigen Kleinstadt Diabali, die erst vor einigen Wochen von islamistischen Milizen erobert worden war.

Doch bis das gesamte Staatsgebiet wieder unter Kontrolle der Zentralregierung in Bamako steht, ist der Weg weit. Ein Gebiet, das größer ist als Frankreich, befindet sich derzeit noch immer in Rebellenhand. Mit den etwa 2500 Soldaten, die Paris für die "Opération Serval" bereitstellt, wird es kaum möglich sein, das Gebiet dauerhaft zu befrieden.

Der Anschlag von Ain Amenas beweist die Schlagkraft der islamistischen Terrorgruppen in der Sahara-Region. Und er macht deutlich, dass für die Vereitelung weiterer Attentate ein schnelles Handeln der Franzosen und ihrer Bündnispartner nötig ist.

Der britische Premier David Cameron sagte, London wolle Algerien bei der Untersuchung des Dramas unterstützen. Er bot Hilfe bei Aufklärung und Anti-Terror-Kampf an. Nordafrika, sagte Cameron, werde zum "Magnet für Dschihadisten".

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi kritisierte bei einer Konferenz in Saudi-Arabien den französischen Militäreinsatz in Mali. "Wir lehnen die ausländische Militärintervention in Mali ab", sagte Mursi zu Beginn eines arabischen Gipfels in Riad.

kha/syd/Reuters/AP/dpa

insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
HappyPrimateIdiot 21.01.2013
1. Ach ja, mal eben 1000 km aus Mali,
statt 100 aus Libyen - das leuchtet mir SOFORT ein. Und es passt ja auch deutlich besser in die Libyen-Rhetorik etwa von Bubi Cameron, der da sagt, man habe "in Libyen doch nur Schlimmeres verhindert". Algerien und "unsere" freiheitlich-westliche Kleptokratie haben sich einvernehmlich zusammendiskutiert. Aber ist ja auch egal - united we stand against the Barbarians, Onward Christian Soldiers !
peter78 21.01.2013
2. Das versteh wer will
Zitat von sysopAFP/ Canal AlgerieDer Norden Malis ist zum idealen Rückzugsort für islamistische Terroristen geworden. Die Geiselnehmer von Ain Amenas sind laut Algeriens Regierungschef Abdelmalek Sellal von dort aus nach Algerien gelangt. Koordinator des Dramas mit mindestens 66 Toten war offenbar ein Kanadier. http://www.spiegel.de/politik/ausland/geiselnehmer-von-ain-amenas-kamen-aus-mali-nach-algerien-a-878837.html
Das sind 1500km Luftline! Da es in der Sahara kaum brauchbare West-Ost-Verbindungen gibt, wie lange waren denn die Geiselnehmen unterwegs? 5 Tage? eine Woche? Und die wollten denselben Weg -mit den Geiseln- wieder zurück? Endweder will man uns hier Märchen erzählen, oder das algerische Militär hat hiermit offiziell zugegeben, dass sie über 60% das Landes rein garkeine Kontrolle mehr haben. Viel Spaß mit dem Unternehmen Desertec!
zila 21.01.2013
3. Vermutlich das einzige Land
Kanada ist vermutlich das einzige Land, wo man bei solchen Ereignissen in den Nachrichten nicht nur berichtet, ob eigene Staatsbuerger betroffen sind, sondern gleich noch nach den betroffenen auch-Kanadiern mit (mindestens) doppelter Staatsbuergerschaft fragt. Es gibt enorm viele Leute mit kanadischem Pass, die mit dem Land nicht sonderlich viel zu tun haben.
totak 21.01.2013
4. Ungewöhnlich
Es ist eher ungewöhnlich, dass Terroristen echte Ausweispapiere bei sich tragen, allein schon, weil über Visa-Stempel und andere Eintragungenin den Pässen der Weg ins Zielland offen gelegt würde. Ein Abgleich mit Fahndungslisten halte ich in dieser kurzen Zeit für wenig wahrscheinlich. Die meisten der Beteiligten werden auch nicht auf Fahndungslisten erscheinen, jedenfalls keinen, die der algerischen Polizei zugänglich sind. Daher nehme ich mal die Angaben zur Herkunft dieser Personen als mehr als ungewiss an.
wrdlmpfd 21.01.2013
5.
Zitat von zilaKanada ist vermutlich das einzige Land, wo man bei solchen Ereignissen in den Nachrichten nicht nur berichtet, ob eigene Staatsbuerger betroffen sind, sondern gleich noch nach den betroffenen auch-Kanadiern mit (mindestens) doppelter Staatsbuergerschaft fragt. Es gibt enorm viele Leute mit kanadischem Pass, die mit dem Land nicht sonderlich viel zu tun haben.
Gleiches kann man von D und F behaupten
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.