Geiselrettung im Irak Zwei Minuten bis zur Freiheit

Satelliten-Fotos, unbemannte Flugzeuge, Elitetruppen: Das Protokoll der gestrigen Befreiung westlicher Geiseln im Irak liest sich wie der Plot für einen Actionfilm. Die britische Zeitung "The Times" hat die Kommandoaktion nachgezeichnet. In weniger als zwei Minuten war alles vorbei.


Hamburg - Der Einsatz beginnt um 3 Uhr in der Nacht. Die Männer der Task Force Black, einer im Verborgenen operierenden Spezialeinheit aus Briten, Amerikanern und Australiern, versammeln sich in der gesicherten Grünen Zone Bagdads. Dann machen sich die Elitesoldaten auf den Weg. Ihre Mission: Die Befreiung dreier westlicher Geiseln, die sich seit vier Monaten in der Gewalt irakischer Extremisten befinden. Ihre Taktik: sich unerkannt nähern und blitzartig zuschlagen. Bislang waren wenige Details zu der spektakulären Aktion bekannt, nun hat die britische Zeitung "Times" ein Protokoll der Geheimoperation veröffentlicht.

Einsatz mit Nachtsichtgeräten in Bagdad: Amerikanische und britische Elitesoldaten befreiten gestern drei westliche Geiseln
AP

Einsatz mit Nachtsichtgeräten in Bagdad: Amerikanische und britische Elitesoldaten befreiten gestern drei westliche Geiseln

Noch vor wenigen Tagen tappten die Ermittler bei der Suche nach den Geiseln laut "Times" im Dunkeln. Seit Wochen wühlten die Spezialkräfte nach Hinweisen, wo der Brite und die beiden Kanadier festgehalten werden. Die Suche wurde auf die heruntergekommenen Vorstädte im Westen Bagdads eingegrenzt. Undercover-Agenten, bärtig und wie Iraker gekleidet, befragten Geistliche und Stammesführer zu den Entführern - ohne Erfolg. Satellitenbilder, abgehörte Telefonate und etliche weitere Informationsschnipsel wurden überprüft und führten ins Leere. Auch bezahlte Informanten lieferten keine brauchbaren Hinweise. Bis den US-Truppen am späten Mittwochabend zwei irakische Männer ins Netz gehen. Einer der beiden verrät der Zeitung zufolge den Ort, an dem die Geiseln gefangen sind.

Nun muss alles ganz schnell gehen. Die Kidnapper könnten merken, dass einer ihrer Leute fehlt, und misstrauisch werden. Im schlimmsten Fall würden die Extremisten die Geiseln töten und sich aus dem Staub machen. Die Task Force Black fordert Unterstützung von der Task Force Maroon an, 50 Männer sollen den Elitesoldaten helfen, berichtet die "Times". Hubschrauber mit Überwachungskameras und Aufklärungsdrohnen kundschaften das Gelände aus. Die unbemannten Flugzeuge vom Typ "Predator" können Bewegungen auf dem Boden aus einer Höhe von mehr als sechs Kilometern wahrnehmen.

Rettung per Blitzaktion: Die Kanadier James Loney und Harmeet Singh Sooden
AFP

Rettung per Blitzaktion: Die Kanadier James Loney und Harmeet Singh Sooden

Die Zeit drängt. Die Männer springen in ihre Autos - keine Militärfahrzeuge, sondern Wagen, die nicht auffallen sollen, irakische Taxis und Pick-ups. Während sich die eine Hälfte der Truppe dem Gebäude nähert, sperrt die andere den gesamten Bereich ab. Kein Unbeteiligter soll den Einsatz stören oder in die Schusslinie geraten. 25 Männer besetzen schließlich das zweistöckige Haus. Sie stürmen alle Räume zum selben Zeitpunkt, um zu verhindern, dass jemand entkommt, der noch im Gebäude ist, schreibt die "Times".

In einem Zimmer im Erdgeschoss finden die Retter die Geiseln. Sie sitzen gefesselt auf dem Fußboden, ihre Entführer sind geflohen. Die Männer der Task Force Black befreien die drei, bringen sie aus dem Haus und bugsieren sie in ein Armeefahrzeug. Der Zugriff dauerte weniger als zwei Minuten.

Eine der Geiseln, der Brite Norman Kember, der in der Vergangenheit immer betont hatte, er wolle nicht durch einen Militäreinsatz befreit werden, konnte seine blitzartige Rettung nun kaum fassen. Erst in der Britischen Botschaft angekommen, schien er zu begreifen. "Ich habe gerade festgestellt, dass ich befreit worden bin", sagte er laut "Times" mit einem Grinsen. "Es muss wahr sein - es läuft in den Nachrichten."

ffr

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