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24. Juni 2009, 08:01 Uhr

Geistliche in Iran

"Eine Regierung, die sich auf Lügen stützt"

Er ist der Präsident eines Gottesstaats, doch viele Geistliche wenden sich von ihm ab: Irans Präsident Ahmadinedschad verliert Rückhalt unter den Ajatollahs - manche halten Widerstand gegen ihn gar für eine religiöse Pflicht, erklärt die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur.

"Erhabener Prophet Mohammed, du hast gesagt, ein Volk kann nicht ohne Gerechtigkeit sein." Dieser Satz wurde zum Lied der Revolution von 1978/79, die heute islamische Revolution heißt, auch wenn sie keineswegs nur eine islamische war. Im Gegenteil: Die bürgerlichen und säkularen Kräfte hatten einen beträchtlichen Anteil an ihr. Die Massen allerdings brachte Ajatollah Chomeini auf die Straße, der Mann, der das herrschende System, das System des Schahs, als ungerecht brandmarkte.

Zwar mischt sich der schiitische Klerus eigentlich nicht ein in die Politik und erwartet zurückgezogen die Wiederkehr des Mahdi, der theologisch dem jüdischen und christlichen Messias vergleichbar ist. Doch andererseits ist die Auflehnung gegen die ungerechte Herrschaft die Pflicht eines jeden Schiiten - und umso mehr eines Geistlichen. Denn eine ungerechte Herrschaft ist illegitim.

Ajatollah Chomeini war nicht der erste Geistliche in der schiitischen Geschichte, der eine Massenbewegung gegen eine ungerechte Herrschaft anführte: Ajatollah Schirazi brachte 1891 die Iraner dazu, kollektiv das Rauchen einzustellen. So sollten sie dagegen protestieren, dass der Herrscher der britischen Imperial Tobacco Company das Tabakmonopol übertragen hatte. Denn dass Iran damit die Einnahmen aus dem Tabakverkauf nicht mehr zugute kamen, sei ungerecht, erklärte der Geistliche. Und als die iranischen Nationalisten 1906 eine Verfassung für Iran forderten, um die Macht eines Herrschers zu begrenzen, wurden sie darin von den Geistlichen unterstützt. Denn diese sahen in seiner Despotie eine Ungerechtigkeit gegen das Volk, gegen Gott und gegen den verborgenen zwölften Imam.

Kritik an der Lügen-Regierung

Heute prangern Geistliche wieder die ungerechte Herrschaft an. Großajatollah Jussuf Sanei erklärte am Sonntag, er werde eine Regierung, die sich auf Lügen stützt, nicht akzeptieren. Für ihn sei Mahmud Ahmadinedschad nicht der rechtmäßige Präsident. Wie er haben sich viele Geistliche in den letzten Jahren von der iranischen Theokratie abgewandt.

Dabei handelt es sich nicht nur um die Ikonen der Reformbewegung unter den Theologen wie Mohsen Kadivar, Hassan Jussefi und Mohammed Schabestari, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen. Auch unter den eher konservativ orientierten mehrt sich schon länger der Widerspruch.

So trat beispielsweise der ehemalige Freitagsprediger von Isfahan, Dschalaleddin Taheri, im Jahre 2002 von seinem Posten zurück. In seinem Rücktrittsschreiben erklärt er, nicht mehr länger die Augen vor dem Leiden der Bevölkerung verschließen zu können. Das Regime beschreibt er als unterdrückerisch und heuchlerisch; es habe die Ideale der Revolution, nämlich die Gerechtigkeit, verraten: "Die Mächtigen benutzen den Glauben des Volkes, um ihre materiellen Ziele zu verwirklichen."

Und seit Jahren schon schwelt der Konflikt zwischen dem derzeitigen Revolutionsführer und Großajatollah Montaseri, einem der bedeutendsten Gelehrten der zeitgenössischen Schia. Montaseri war lange einer der engsten Vertrauten Chomeinis. Im Jahre 1985 bestimmte der Expertenrat, der laut iranischer Verfassung beauftragt ist, den obersten Rechtsgelehrten zu wählen, ihn zum Nachfolger Chomeinis. Doch im März 1989 wurde Montaseri plötzlich abgesetzt. Offiziell hieß es, dies sei zum Wohle der islamischen Ordnung geschehen. Tatsächlich war der Absetzung ein Zerwürfnis zwischen Montaseri und Chomeini vorausgegangen. Montaseri hatte die Misswirtschaft und Menschenrechtsverletzungen angeprangert.

Montaseri wurde unter Hausarrest gestellt. Erst mit dem Amtsantritt Mohammed Chatamis im Jahre 1997 meldete er sich wieder im politischen Diskurs der Islamischen Republik zurück. Er warnte damals den neugewählten Präsidenten Chatami in einem offenen Brief, dieser solle sich nicht von Ajatollah Chamenei, dem obersten Rechtsgelehrten, in seine Politik hereinreden lassen, nur weil dieser meine, er stünde über der Verfassung.

Schlägertrupps in theologischen Hochschulen

Die theologische Hochschule Montaseris wurde daraufhin von Schlägertrupps gestürmt. Bis heute ist sie verlassen, die Schäden der Demolierung wurden nicht beseitigt - als abschreckendes Beispiel für Kritiker der Herrschaft des obersten Rechtsgelehrten. Trotzdem war Montaseri im Diskurs der Islamischen Republik Iran immer präsent: Seine Kritik wurde über das Internet verbreitet oder fand über ausländische Radiostationen den Weg zurück nach Iran.

So schrieb Montaseri beispielsweise im Jahre 2001 angesichts der Verhaftung mehrerer Dutzend Mitglieder der oppositionellen Freiheitsbewegung, die auch heute wieder Opfer von Verhaftungen geworden sind: "Ich rate den Herrschaften, mit ihren gewalttätigen Aktionen aufzuhören und - bevor es nicht zu spät ist - ihre Methoden zu überdenken, den Wünschen der Bevölkerung nachzugeben und nicht mehr länger die Ordnung zu schwächen, indem sie sich hochmütig auf ihre äußerlichen Kräfte stützen. Auch dem vorherigen Regime standen diese Kräfte zu Verfügung und zusätzlich noch die Unterstützung der Großmächte."

Trotz Zensur konnte sogar ein Büchlein von ihm in Iran erscheinen, das eine wesentlich demokratischere Lesart der Herrschaft des obersten Rechtsgelehrten vorstellt, als die heute in Iran herrschende. Laut Montaseri komme dem Rechtsgelehrten lediglich eine Aufsichtsfunktion zu. Zudem legitimiere er sich durch den Volkswillen und nicht - wie von den derzeit herrschenden Klerikern behauptet - durch Gott.

Infografik: Wie funktioniert das politische System in Iran?
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Infografik: Wie funktioniert das politische System in Iran?

Bis heute ist Montaseri der expliziteste unter den Geistlichen. Im Vorfelde der Wahlen rief er die Bevölkerung auf, wählen zu gehen, denn erst ein Wahlboykott habe Ahmadinedschad vor vier Jahren an die Macht gebracht. Die anderen Geistlichen halten sich dagegen zurück. Sie haben Angst. Genau das macht ihnen Jussuf Sanei schon seit Jahren zum Vorwurf: Die Menschen würden sich vom Islam abwenden, denn die religiösen Vertreter dieser Religion hätten ihnen nicht beigestanden, als sie sie brauchten, sagte er schon vor Jahren im Gespräch. Die Staatskleriker nicht, weil sie nur an ihren Pfründen interessiert seien, und die andersdenkenden Geistlichen auch nicht, weil sie es nicht wagen würden.

Dabei wäre es gerade jetzt ihre Pflicht sich aufzulehnen: Denn selten in der iranischen Geschichte hat eine Regierung sich so offensichtlich ungerecht verhalten und damit ihre Legitimität eingebüßt.

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