Ein Jahr Proteste in Frankreich Alarmstufe Gelb

In der Hauptstadt, in der Provinz, an Kreisverkehren, vor Supermärkten: Seit einem Jahr demonstrieren die Gelbwesten in Frankreich. Wie haben die Proteste das Land verändert?

Gelbwesten-Demonstration in Marseille Anfang Februar: Ein Jahr Proteste
Jean-Paul Pelissier/ REUTERS

Gelbwesten-Demonstration in Marseille Anfang Februar: Ein Jahr Proteste

Von , Paris


Mitten im Indischen Ozean, auf der französischen Insel La Réunion, protestieren die Gelbwesten seit einem Jahr besonders hartnäckig. Genau dort sagte der französische Präsident Emmanuel Macron bei einem Besuch vor drei Wochen: "Es ist normal, dass es noch immer diese Wut gibt, denn die Dinge brauchen Zeit." Es könne nicht alles "in einem Monat passieren".

Mag sein. Aber in den vergangenen zwölf Monaten ist viel geschehen. Am 17. November 2018 protestierten die Gelbwesten in Frankreich zum ersten Mal. Bis dahin war eine solche Weste ein Kleidungsstück im Verkehr, das besonders Radfahrer häufig nutzten.

Heute sind Träger der gelben Westen die Avantgarde einer neuen Arbeiterbewegung der benachteiligten Mittelschichten in den westlichen Demokratien, die in Frankreich beinahe den Präsidenten zu Fall brachten. Es ist inzwischen fast schon wieder vergessen, wie schlecht Macron noch zu Jahresbeginn dastand.

Keiner sah am 17. November vergangenen Jahres den großen Aufstand der Unterprivilegierten kommen. Schon Heinrich Heine hatte bemerkt, dass Revolten in Frankreich ohne Ankündigung geschehen. Er sah damals, 1832, die ersten Aufstände der Arbeiterbewegung. Ereignete sich im Herbst 2018 ein ähnlicher historischer Neubeginn?

Auftakt mit 300.000 Leuten

Aus dem revolutionären Flugblatt von einst war nun der Tweet oder Facebook-Eintrag geworden. So führte ein französischer Lastwagenfahrer namens Éric Drouet mit ein paar anderen die Bewegung an - am 17. November 2018 waren es fast 300.000 Leute. Typen wie der vollbärtige, burschikose Drouet: Frauen und Männer, proletarisch, unpoliert und laut.

Zuvor waren sie in der Öffentlichkeit vollkommen unbekannt gewesen. Doch es stellte sich schnell heraus, dass sie mehrheitsfähig waren. Schon in ersten Umfragen erhielten die Gelbwesten Unterstützung von mehr als zwei Dritteln der französischen Bevölkerung. Plötzlich erschien der bis dahin nach Meinung der meisten Beobachter glanzvoll regierende Macron allein. Die Leute versammelten sich nun jedes Wochenende vor Supermärkten und an Kreisverkehren, dort, wo in der französischen Provinz viele Autos fahren.

Trikolore und Gelbweste: Französische Kombination
JOEL SAGET/AFP

Trikolore und Gelbweste: Französische Kombination

Auch im großen Kreisverkehr um den Triumphbogen in Paris kamen die Autos nicht mehr weiter. Dort plünderten die Gelbwesten im Dezember sogar das Museum in den Katakomben des Monuments. Massenaufmärsche von Gelbwesten fanden in der Hauptstadt statt, wie schon 1832 brannten die Straßenbarrikaden, immer wieder gab es Ausschreitungen. Spätestens da war klar, dass die Gelbwesten kein vorübergehendes Phänomen sind, dass ihr Protest Frankreich verändern würde.

Bis heute ziehen die Gelbwesten jedes Wochenende durch Paris und andere französische Städte. Sie sind weniger geworden, wirken wie dezimiert auf einige Hundertschaften. Die Polizisten haben sich an sie gewöhnt und treiben sie wie Viehherden durch die Innenstädte. Doch ihre Drohung bleibt.

Der nächste Showdown steht bevor

"Die Regierung hat Angst vor dem Volk", sagt die heimliche französische Oppositionsführerin Marine Le Pen, die mit nur einer Handvoll Abgeordneter ihrer rechtsextremistischen Partei Rassemblement National (RN) in der Pariser Nationalversammlung sitzt. Umfragen zufolge hat Le Pen bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2022 Siegchancen gegen Macron.

Auch darin liegt nun die Drohung der Gelbwesten. Selbst wenn sie auf den Straßen derzeit ein eher klägliches Bild abgeben: Sie könnten womöglich als neue Macht bei Wahlen die Mehrheitsverhältnisse kippen.

Die Regierung will es nicht darauf ankommen lassen. Sie verstärkt "ihre Aufrufe zum Dialog aus Sorge vor einem eventuellen Zusammenschluss zwischen Streikenden und Gelbwesten", hieß es jüngst in der linksliberalen Pariser "Le Monde". Macrons Respekt - manche sagen Angst - vor den Gelbwesten ist nicht kleiner geworden.

Dabei war es seine bisher größte Leistung an der Spitze des Landes, dem Protest von Januar bis April mit einer dreimonatigen, fast ununterbrochenen Townhall-Debatten-Tour durch ganz Frankreich den Wind aus den Segeln genommen zu haben. Ob im Kreis von Dorfbürgermeistern, Jugendlichen oder den unzufriedenen Bürgern der Pariser Vorstädte: Macron diskutierte oft bis zu acht Stunden am Stück, abgesehen von kleinen Imbisspausen. Und er nahm den Leuten tatsächlich die Wut.

Fast alle Kritiker kamen in diesen Runden zu Wort, trotzdem ging alles zivilisiert zu, in gegenseitigem Respekt und im Bemühen um Kompromisse und Lösungen. Ein Lehrstück für demokratische Gepflogenheiten. Macrons Umfragewerte wurden besser, seine Partei schnitt bei den Europawahlen im Mai erstaunlich gut ab.

Aber sind Wut und Protest deshalb besiegt? Schon am 5. Dezember wollen eine Reihe von Gewerkschaften gegen Macrons Rentenreform streiken. Dann steht der nächste soziale Showdown in Frankreich bevor. Dann dürfte man genauer sehen, wie sehr die Gelbwesten das Land verändert haben.

insgesamt 37 Beiträge
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mursol 17.11.2019
1. Das ist ein Volksaufstand
Für mehr Umverteilung und Gerechtigkeit in Frankreich! Eine Schande das die Medien hierzulande dies nicht in vollem Umfang und ausführlich berichten .
Kezman9 17.11.2019
2. #1 @mursol
Und schade das Sie es noch nicht gelesen haben, daß sich ein Grossteil der Franzosen genervt von den GJ abwenden. Am Jahrestag wurden Geschäfte geplündert und Leute bedroht die sie davon abhalten wollten.
clamart 17.11.2019
3. Einzelkämpfer
Dass die Gelbwesten als Gruppe beschrieben werden ist schlichtweg falsch. Wer mit ihnen spricht oder sich die vielen Interviews anhört wird schnell feststellen, dass es hier um Einzelschicksale und sehr individuelle Interessen geht. Der gemeinsame Nenner ist das Gefühl im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung benachteiligt worden zu sein. Die wenigen Symbol-Figuren, die den Gelbwesten eine politische Einheit und Repräsentanz geben wollten, wurden schnell an den Rand gedrängt. Ein Konsens zwischen der Regierung und den Individuen der Gelbwesten Bewegung ist also fast unmöglich.
Kasob 17.11.2019
4. Das ist das Problem
Wenn Kapitalismus und Demokratie in einem Atemzug genannt werden. Viele Menschen haben von dem exzessiven Kapitalismus genug. Er zerstört den sozialen Frieden und bringt nur Ungleichheit. Das heißt aber nicht das Menschen Demokratie ablehnen. Leider macht auch SPON aus beiden eine Symbiose. Schade.
gersois 17.11.2019
5. Freude an der Randale
Herr Blume sollte weniger fürs Feuilleton schreiben und sich mehr an den Tatsachen orientieren. Demonstrationen gehen in Frankreich fast nie ohne Randale ab. Viehzüchter greifen zum Gewehr, um gegen die Bären und Wölfe zu protestieren. Bauern fällen Straßenbäume und verbrennen Reifen, weil ihr Beitrag zur Umwelt nicht genügend honoriert wird. Taxifahrer verprügelten Uber-Fahrer und zündeten deren Autos an. Gelbwesten fackeln fast 70% der stationären Radargeräte ab, weil ihnen die Benzinpreise zu hoch und das Tempolimit zu niedrig ist. Und zum Jahrestag musste mal wieder richtig auf den Putz gehauen werden. Das hat alles wenig mit sozialer Gerechtigkeit zu tun. Noch mehr Sozialstaat, noch höherer Mindestlohn und noch mehr staatlicher Dirigismus ist doch kaum noch finanzierbar.
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