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Proteste in Paris Apéritif und brennende Autos

Seit vier Jahren berichtet SPIEGEL-Korrespondentin Julia Amalia Heyer aus Paris. So hat sie die Stadt noch nie erlebt: Die Champs-Élysées werden zur Arena.

Samstagmittag auf den Champs-Élysées: ein surreales Paris-Gefühl. "Du jamais-vu", heißt das hier, noch nie gesehen. Denn da ist etwas, was man in dieser Stadt sonst nie hat, was es hier eigentlich gar nicht gibt: Da ist auf einmal Platz, viel Platz. Es gibt so viel davon, es fühlt sich unwirklich an. Freie Sicht, freie Straße, leere Gehwege. All das an einem Samstag in der Vorweihnachtszeit, an einem Samstag auf den Champs-Élysées.

Wo sich sonst Menschenmassen mit Tüten an unzähligen Geschäften vorbei hinauf- oder hinunterwälzen, wo es sonst glitzert, blinkt und leuchtet, liegt irgendwo auf halber Höhe, angebunden an einem Gitter, ein einsamer dünner Schäferhund. Ein Wachhund?

Die Pariser Grisaille zieht sich an diesem Mittag von den Fassaden bis in den Himmel; er scheint hoch und weit zu sein. Fast wie auf dem Land. Die Fassaden, die Schaufenster: Manche mit einfachen Holzlatten verbarrikadiert, die luxuriöseren haben eine Art Panzerglas vorgebaut. So kann man durchsehen, aber man kann sie nicht einschlagen.

Für einen Moment ist man versucht, zu Hause anzurufen und Mann und Kind zu sagen, kommt hierher und nehmt das Laufrad mit. So viel Raum ist da an diesem Samstagmittag im Périmetre, wie die Bannmeile heißt, die die Sicherheitskräfte eingerichtet hatten, im Glauben, in der Hoffnung, die Gewalt, die Ausschreitungen zu verhindern. Abgesperrt sind zu diesem Zeitpunkt nur die unmittelbar an den Champs liegenden Metrostationen. Fährt man nur eine einzige Station weiter, erreicht man zu Fuß zügig und ohne Probleme die ihrer Funktion entledigte Prachtstraße.

Und dann knallt es

Zu diesem Zeitpunkt ist es so ruhig, dass der Nachrichtenkanal BFM Rückblenden senden muss, vom Morgen, als es schon mal richtig knallte.

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Proteste in Paris: Der Tag der Eskalation

Foto: ABDULMONAM EASSA/ AFP

Oben, an der Place de l'Étoile, wird es langsam voller. Ab und zu Blendgranaten, immer wieder Böller. Tränengas? Die Augen brennen nicht. Sonst ist die Place de l'Étoile ein Verkehrsknotenpunkt mit Sightseeingstopp. Hier steht, immer erhaben, der Triumphbogen. Jetzt ist sie Arena. Als habe man die Löwen zu den Gladiatoren gelassen, auf einen langen, zähen Kampf. Polizei und Sicherheitskräfte in Körperpanzern gegen Vermummte in Signalwesten.

Und wie im Circus Maximus fehlt auch hier das Publikum nicht: Mehrere Reihen "Gelbwesten", dicht gedrängt, die meisten mit erhobenen Smartphones. Es ist ein Spektakel, also muss gefilmt werden. Gejohle. Buhrufe, Pfiffe.

Überhaupt, das Publikum. Es ist, so scheint es, überall zugleich Akteur. Im verglasten Erker der Brasserie Georges V sitzen an vollen Tischen Menschen, ihre gelben Westen haben sie hinter sich über die Stühle gehängt. "À bas les voleurs, à bas la république", steht darauf. Weg mit den Dieben, weg mit der Republik. Oder: "Macron démission." Macron: Rücktritt!

"Wir sind das Volk" auf Fanzösisch

Sie essen Croque Monsieur für 20 Euro, trinken Kaffee für 5 Euro oder ein kleines Glas Bier für 7,50 Euro - aber sie sind hier, weil sie finden, am Monatsende bleibe nicht genug Geld. Wenn man sie danach fragt, sagen sie lachend: "Ich gebe mein Geld lieber für Essen aus als für teureren Sprit."

Präsident Macron auf den Champs-Élysées

Präsident Macron auf den Champs-Élysées

Foto: ETIENNE LAURENT/EPA-EFE/REX

"Macron muss uns jetzt zuhören", sagen sie. Er kommt nicht mehr drumherum. Sie sprechen vom Volk, "le peuple". Es klingt wie die französische Version von "Wir sind das Volk".

Sie filmen. Oder fotografieren. Durch die Scheiben, beim Essen. Wie sich die Wasserwerfer aus den Seitenstraßen behäbig und roboterhaft deplatzieren und langsam zur Arena vorrücken, wie ein ferngesteuertes überdimensioniertes Spielzeug.

Bilder zeigen später Kämpfende, in der einen Hand die Spitzhacke, in der anderen den Selfiestick mit der GoPro.

Noch sieht alles nach einem bizarren, aber durchaus choreografierten Schauspiel aus.

Man verlässt die Champs dort, wo sie beginnt, kurz hinter dem Élysée-Palast. Die Rue Faubourg Saint-Honoré darf man nicht mehr betreten. Auf der Heimfahrt sind mehr Metrostationen gesperrt als noch auf dem Hinweg. Die Kampfzone hat sich geweitet. Nicht mehr nur am Arc de Triomphe und seinen Zugangsstraßen, sondern auch bei den Grand magasins, bei der Galérie Lafayette und Printemps, und in der Rue de Rivoli, bei den Tuilerien.

Demolierte Bank am 2. Dezember

Demolierte Bank am 2. Dezember

Foto: STEPHANE MAHE/ REUTERS

Und wie immer in Paris, auf so derart dicht besiedeltem Raum, nur ein paar Schritte weiter wieder ganz normales Samstagsleben: Apéro statt brennenden Autos.

Auf dem Boulevard vor der Haustür, zwischen Bastille und République, marschieren rotbeflaggt die Gewerkschaft CGT und ihre Anhänger. Auch dabei werden jedes Mal Scheiben eingetreten, der Umgang damit: routiniert. Anders als die "Gelbwesten" hat die Gewerkschaft ihre Demonstration selbstverständlich angemeldet.

Zu diesem Zeitpunkt, später Nachmittag, muss der Nachrichtensender BFM schon keine Protestbilder in Rückblenden mehr senden. Das Live ist jetzt drastisch genug.