Gelbwesten-Aktivistin Ingrid Levavasseur Auf in den Kampf, Madame

Die Gelbwesten in Frankreich haben Ziele und Macht - aber noch keine Führungsfigur. Ingrid Levavasseur könnte es werden: Wagt die 31-jährige Krankenpflegerin aus Rouen den Sprung an die Spitze der Bewegung?

Ingrid Levavasseur
Guillaume Quiniuo

Ingrid Levavasseur

Aus Rouen und Paris berichtet


Mit dem Zug aus Paris erreicht Ingrid Levavasseur am Samstag um 15 Uhr 52 Rouen, die Hauptstadt der Normandie und neuerdings - sagen die Medien - auch Hauptstadt der Gelbwesten.

Am Bahnhof erwartet sie bereits ein Demonstrationstrupp. "Auf in den Kampf!" ruft der 30-jährige Rathaus-Hausmeister Cyrille Celier und zieht eine Gummimaske mit der hässlichen Fratze von Präsident Emmanuel Macron über den Kopf. "So macht Cyrille allen Angst", lachen die Mitstreiter. Levavasseur lacht mit.

Sie ist die vielleicht bekannteste Gelbweste Frankreichs: 31 Jahre, lange rote Haare, direkter Blick. Gestern war sie eine geschiedene Mutter zweier Kinder und Krankenpflegerin. Heute ist sie außerdem eine der wichtigsten Gegenspielerinnen ihres Präsidenten.

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Gelbwesten-Proteste in Frankreich: Masken, Pyrotechnik und Gummigeschosse

Fast jeder Demonstrant, von denen nun schon am neunten Samstag in Folge Zehntausende im ganzen Land unterwegs sind, kennt sie. "Ingrid, bist Du es wirklich?" grüßt sie ein ihr unbekannter Gelbwestenträger im Pariser Bahnhofscafé, als sie sich kurz vor der Abfahrt eine heiße Schokolade bestellt.

Plötzlich ist Levavasseur eine zentrale Figur in Frankreich.

Alle sind hinter ihr her: Politiker, Parteien, reiche Geldgeber, die eigenen Leute. Noch hat die Gelbwestenbewegung keine feste Struktur, der Protest folgt den Aufrufen einiger Führungspersonen im Internet. Schon nimmt er wieder zu. Landesweit 80.000 Demonstranten sind es an diesem Samstag nach Angaben des Pariser Innenministeriums, mehr als vor einen Woche. Der Bewegung kommt zugute, dass es dieses Mal keine spektakulären Gewaltszenen gibt, nur das Übliche: Wasserwerfer und Tränengas, auch in Rouen. "Gut, dass ich meine Bodyguards habe", sagt Levavasseur über ihre Begleiter. Auf der Straße vor ihr liegen leere Tränengashülsen.

Talkshow-Protagonisten in Grund und Boden geredet

Levavasseur hat neben Facebook das altmodische Fernsehen bekannt gemacht. Keine Gelbweste trat dort besser auf. Sie redete die üblichen Talkshow-Protagonisten in Grund und Boden. Ihr Rezept: "Ich spreche von dem, was ist. Von den Entbehrungen der Menschen". Vor Weihnachten, als sie den SPIEGEL in ihrem kleinen Mietshaus im Städtchen Pont de l'Arche südlich von Rouen empfing, sagte sie: "Die Menschen um mich herum leiden. Sie können ihren Kindern keine neue Kleidung kaufen. Sie essen oft nur eine richtige Mahlzeit pro Tag. Sie schalten auch im Winter selten die Heizung an". Sie weiß das alles aus eigener Erfahrung als Krankenpflegerin, die Leute erzählen ihr bei Hausbesuchen ihre Geschichten.

Ingrid Levavasseur, Mitstreiter
Guillaume Quiniuo

Ingrid Levavasseur, Mitstreiter

Inzwischen kennt die ganze Bewegung diese Geschichten. Also steht Levavasseur im Mittelpunkt, wo immer es jetzt Bestrebungen gibt, die Gelbwesten landesweit zu koordinieren. Freitagabend nimmt sie um 18 Uhr 08 den Zug von Rouen nach Paris. Mittags kämpfte sie noch mit ihrer Chefin um einen pünktlichen Dienstschluss. Eineinhalb Überstunden wurden es dann doch. Nachmittags dann eine Diskussion im Regionalfernsehen. Das ist sie inzwischen gewöhnt. Woran sie sich noch nicht gewöhnt hat, ist die Pariser Politik.

Der Schritt in die Politik scheint ihr verfrüht

Brigitte Lapeyronie heißt die ehemalige Zentrumspolitikerin, die jetzt mit Levavasseur an der Spitze eine neue Liste für die Europawahlen aufstellen will: "Die gelben Franzosen" nennt sich das Projekt. Lapeyronie holt Levavasseur am Freitagabend im Auto vom Pariser Bahnhof Saint-Lazare ab und beredet sie. Doch Levavasseur zögert. Der Schritt in die Politik scheint ihr verfrüht. Der Wagen setzt sie vor dem Café "La Régence" in der Rue Saint-Honoré unweit des Louvre ab. Wenige hundert Meter weiter in der gleichen Straße wohnt und regiert Macron. Levavasseur selbstbewusst: "In diesem Café hat auch schon Robespierre verkehrt".

Sie trifft an diesem symbolischen Ort eine nationale Koordination von Gelbwesten, die versucht, die Forderungen der Bewegung zu bündeln. Eine Woche zuvor traf sie eine große Zahl der gleichen Leute in Marseille. Sie kommen aus allen Teilen Frankreichs. Keiner hat sie gewählt. Auch Levavasseur hat keinerlei Mandat. Aber es sind die Aktivsten unter den Aktivisten, die hier mitmachen.

Sie wollen jetzt noch keine Öffentlichkeit. Levavasseur bittet um Diskretion. Im ersten Stock des Cafés treffen die Gelbwesten auf Experten, die ihnen Vorschläge machen. Ein Mathematiker beschreibt, wie die Gelbwesten maximale Beteiligungen für Abstimmungen im Internet erhalten können. "Die Abstimmungen können ein Mittel sein, endlich die Hauptforderungen der Gelbwesten herauszufiltern", hofft Levavasseur. Bis lange nach Mitternacht wechseln sich die Power-Point-Vorträge ab, während gegenüber im Café Royal eine laute Jazzband für Touristen aufspielt. Dann bittet ein reicher, alter Mann Levavasseur zum Drink. Er will die Gelbwesten finanzieren. Sie winkt ab: "Das riecht nach Korruption", findet sie.

Ingrid Levavasseur
Guillaume Quiniuo

Ingrid Levavasseur

Den Job für die Gelbwesten hinschmeißen?

Doch wie will sie es stattdessen richten? Levavasseur kämpft mit der Entscheidung, ob sie für die Bewegung ihren Job in einem Krankenwagenbetrieb hinschmeißen soll. Er fordert sie 45 Stunden die Woche. Jeden Tag muss sie viele Medien- und Diskussionseinladungen absagen. Zehntausende Facebook-Nachrichten hat sie nie beantwortet. Fast hätte sie am Donnerstag gekündigt, dann überwogen wieder die Vorbehalte ihrer Mutter und ihrer Freunde, die darin ein Wagnis sehen.

Im Pariser Bahnhofscafé entspinnt sich ein zufälliges Gespräch zwischen Levavasseur und dem Unbekannten. "Du wirst verehrt, niemand so wie du. Jetzt musst du führen. Trau' dich und die Leute werden dir folgen", rät ihr der Mann. Dieses Mal reagiert Levavasseur weniger zögerlich: "Keine Sorge, ich werde mich voll einbringen." Es klingt, als hätte sie ihre Kündigungsentscheidung getroffen. Für Macron wäre das eine schlechte Nachricht.

Wenig später steigt sie in den Zug zu ihresgleichen, der 15 Uhr 52 in Rouen ankommt.



insgesamt 67 Beiträge
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Orthoklas 13.01.2019
1. Das war ja abzusehen
Es fehle eine Führungsfigur. Wie schön, dass zufällig eine neue Jeanne D'Arc gefunden wurde. Die Welt hat auf genau diese Frau gewartet. Bin mal gespannt, welche messianisches Fähigkeiten ihr von den Medien zugesprochen werden. Eine neue Präsidentschaftsanwärterin gegen den vor kurzem ebenso gehypten Macron ist ja wohl das Mindeste.
dehnübung 13.01.2019
2. Sprache ändern
Liebe SPON Redaktion. Wollt Ihr nicht endlich aufhören Menschen, als "Gelbwesten" zu beschreiben?
widder58 13.01.2019
3. Wunder gibt es immer wieder
... und die soll dann eine neue Führungsfigur bringen. Der große Heiler und Wunderdoktor Macron ist schon wieder durch. Theoretisch ist alles ganz einfach. Eine gerechte Verteilung des Geldes. Aber eben das verhindern die Profiteure des Systems. Ergo kann eine Veränderung nur durch die Massen kommen. Aber das Ende vom Lied wären neue Profiteure. Wozu aber brauchen die Massen eine Führungsfigur? Die Ähnlichkeiten mit Marianne sind ja sicherlich nicht ungewollt. Glücklicherweise gibts ja in Frankreich kein Fallbeil mehr. So läuft man wenigstens nicht gefahr in 2 Jahren von Rotwesten geköpft zu werden.
Klapperschlange 13.01.2019
4.
Zitat von dehnübungLiebe SPON Redaktion. Wollt Ihr nicht endlich aufhören Menschen, als "Gelbwesten" zu beschreiben?
Warum? Man weiß sofort um welche Gruppe es dabei geht.
frank.huebner 13.01.2019
5. Das ist der Anfang vom Ende der Bewegung
Bisher sind die "Gelbwesten" ein Gemisch von unteschiedlichen Strömungen, politischen Ansichten, sozialen Ideen. Ich fürchte, dass sich die Bewegung schnell zersplittern wird, sobald versucht wird, eine Einheitlichkeit herbeizuführen. Schnell wird es zu Spannungen zwischen den unterschiedlichen Richtungen kommen, und schnell werden politische Kräfte versuchen, die Vormacht innerhalb der Gelbwesten zu erreichen. Das wird das Ende der Bewegung an sich sein.
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