"Gelbwesten" Solche Proteste hat Paris noch nicht gesehen

Ohne Führung, ohne Forderungen, zu allem bereit: Die "Gelbwesten" halten Frankreich in Atem - Ausgang ungewiss. Organisierte Gewerkschafter blicken zugleich fasziniert und besorgt auf die Wucht der Proteste.

"Gelbwesten"-Protestler, Polizei in Paris
AFP

"Gelbwesten"-Protestler, Polizei in Paris

Aus Paris berichtet


Niemand hat es kommen sehen. Nicht die riesige Zahl an Menschen, die in gelben Warnwesten auf die Straßen gehen, nicht die Eskalation der Gewalt bei den Protesten überall im Land, nicht diese Verunsicherung bei den Regierenden. Die "Gelbwesten", sie halten Frankreich in Atem.

Auch Davide, 32, Soziologiedoktorand, hat diese Entwicklung nicht kommen sehen. Dabei ist er seit Jahren bei der Gewerkschaft SUD aktiv, organisiert Demos, steht die unvermeidlichen Ausschreitungen durch. Aber das? Weder er noch seine Mitstreiter haben eine Idee, wie es diesmal ausgehen wird.

Denn bei den "Gelbwesten" gibt es keine Anführer, keine Organisation, keine Forderungen. Das einzige, was die Bewegung eint, ist ihre Hymne: Die Marseillaise, das Lied Frankreichs, geboren in der Revolution von 1789.

Davide, der seinen Nachnamen nicht nennen und auch nicht im Bild gezeigt werden möchte, hatte vor einigen Tagen eine SMS von seiner Gewerkschaft bekommen. Darin ein Treffpunkt in der Nähe des Pariser Güterhafens Gennevilliers, eine Uhrzeit und ein Ziel: eine Zufahrtsstraße des Hafens blockieren. Er und andere Gewerkschafter haben das schon mehrfach durchgezogen, es ist eine erprobte Taktik, um wirtschaftlichen Schaden anzurichten und Konzessionen abzupressen.

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Eskalation: Paris im Ausnahmezustand

Das ganze Land ist in Aufruhr, seit die "Gelbwesten" am 17. November erstmalig auf die Straße gingen, um gegen die Steuererhöhung für Benzin und Diesel zu protestieren. Die Gewerkschaften wollen profitieren. Also kommt Davide zum Treffpunkt. Was er sieht, ist lächerlich im Vergleich zu den Protesten der vergangenen Woche.

Gerade mal hundert Leute. Die Polizei muss nicht viel machen, um die Blockade zu verhindern. Davide verschwindet, läuft mit Kapuze über dem Kopf durch den Regen. "Wie früher organisieren die Gewerkschaften ihre Proteste mit SMS, planen alles. Und keiner kommt. Und die 'Gelbwesten'? Die machen ein Facebook-Event und die Straßen sind voll." Davide ist nicht enttäuscht. Eher fasziniert. Er hofft bloß, dass die Gewerkschaftsoberen merken, dass sie sich den neuen Zeiten anpassen müssen, bevor es für sie zu spät ist.

Als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ins Amt kam, hielt Davide ihn für einen Liberalen, mochte ihn. Wie so viele hoffte er, dass er es besser machen würde als seine Vorgänger. Doch gleich zu Anfang strich Macron eine Steuer auf hohe Einkommen. Später griff er die Rechte der Arbeiterschaft an. Heute nennt Davide ihn immer noch einen Liberalen. Eine Wirtschaftsliberalen. "Der macht Politik für die Reichen und setzt sie mithilfe der Polizei durch", sagt er.

Emmanuel Macron
ETIENNE LAURENT/EPA-EFE/REX

Emmanuel Macron

Wochenlang hatte er 2017 mit seiner Gewerkschaft gegen die Aufweichung des Arbeitsschutzes protestiert. Klassische Demos, an deren Ende er oft Ketten gepanzerter Polizisten gegenüberstand. Auch da kam es zu Ausschreitungen, auch da wurden Banken zerstört. Aber jetzt mit den "Gelbwesten", da sei es anders.

"Unsere Demos sind organisiert, und irgendwann verhandeln unsere Gewerkschaftsführer dann mit der Regierung. Jetzt gibt es keine Organisation - und keine Verhandlungen."

Bei den Ausschreitungen am vergangenen Samstag gab es 260 Verletzte, 400 Menschen wurden festgenommen, Banken und Geschäfte zerstört. "So unkontrolliert, so furchtlos wie manche Demonstranten auf die Polizei eingeprügelt haben, das würden wir uns nie trauen, selbst die Autonomen nicht", sagt Davide - und man ist sich nicht sicher, ob er die Gewalt verurteilt oder nicht sogar gutheißt. Im Sinne der Sache.

Davide hat sich ein kleines Café gesucht, ein Bier steht vor ihm auf dem Tisch. Um ihn herum sitzen Männer und Frauen in Arbeitshose, ein Mann starrt auf einen Flachbildschirm, wettet auf Pferderennen. Es sind auch diese Menschen, die bei den Protesten mitlaufen.

Der Schlachtruf vieler "Gelbwesten" an jenem Samstag war: die französische Hymne, die Marseillaise. Die meisten kennen keine Demolieder, es ist ihre erste Demonstration. Aber hier singen alle mit:

Zu den Waffen, Bürger, formiert eure Truppen, marschieren wir, marschieren wir!

Davide guckt sich im Café um: "Laut Umfragen unterstützen 70 bis 80 Prozent der Franzosen die 'Gelbwesten', und das trotz der brennenden Autos und geplünderten Geschäfte, und was uns nie gelungen ist, passiert auf einmal. Die Regierung hat schon die Erhöhung der Treibstoffsteuer ausgesetzt und spricht sogar davon, den Mindestlohn zu erhöhen und die Reichensteuer wieder einzuführen."

"Die Regierung hat Angst"

Die Worte, die er folgen lässt, wählt er mit Bedacht. Er will nicht falsch verstanden werden: "Ich glaube, gute Organisation und Streiks sind langfristig der richtige Weg, aber dass die Regierung einknickt, liegt an der Gewalt. Die Regierung hat Angst."

Wie lange das alles gehen wird? Davide weiß es nicht. Aber was er sieht, bereitet ihm Sorgen. Bei den Protesten am kommenden Samstag habe die Polizei Anweisung, härter durchzugreifen, Räumpanzer sollen eingesetzt werden. Die Regierung, sagt Davide, wolle Angst mit Angst bekämpfen. Er glaubt nicht, dass das funktionieren wird.

Ein Video vom vergangenen Donnerstag zeigt, wie Polizisten eine Gruppe festgenommener Schüler niederknien lässt, die Hände hinterm Kopf verschränkt. Bilder wie aus einem Kriegsgebiet - das habe die Wut der Bevölkerung zusätzlich geschürt.

Ausschreitungen in Paris: Video soll Polizeigewalt zeigen

Wahrscheinlicher sei es, dass die Proteste mit den kommenden Weihnachtsferien enden. Auch die Studentenrevolte der 68er ebbte ab, als der Sommer und der Urlaub kam. Man dürfe solche Faktoren nicht unterschätzen, sagt Davide.

"Aber man muss auch sagen: Wir wissen das alles nicht. Denn die 'Gelbwesten' sind anders, als alles, was wir bisher gesehen haben."

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herumnöler 07.12.2018
1. Klarer Fall
Herkömmliche Strukturen - wie Gewerkschaften - sind gegenüber der Massen-Mobilisierungsmacht von Facebook hilflos. Was können Demokratien dagegen ausrichten? Vermutlich wenig. Die betroffenen Länder - unseres inklusive - werden sich langsam wieder zu Diktaturen wandeln. China hat es vorgemacht, die USA sind gerade dabei zu folgen, Frankreich wählt den Front Nationale, Ungarn, Polen, Österreich, Italien - soll ich die Liste fortsetzen?
smokiebrandy 07.12.2018
2. es gibt einen uralten Spruch...
...der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht... und auf den französischen Wegen bis zum Brunnen kommt man halt leichter ins Stolpern... Macron hat es mit der Klientel- und Lobbypolitik nun mal übertrieben...Alle in Europa sind sich darüber einig, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer wird...und was macht die Politik? Sie schröpft die arme Masse und begünstigt die Reichen und Superreichen...Weshalb? Ganz klar... man sägt doch den Ast auf dem man sitzt nicht ab und schlägt nicht die Hand , die einen füttert... Der Fehler den diese Eliten dabei machen , ist zu vergessen...Alle Macht geht vom Volke aus...das sind nicht nur ein paar Chaoten ... das sind hundert tausende wütende Bürger... Das kann jederzeit in anderen Ländern auch übergreifen...
brux 07.12.2018
3. Hype
Heute waren etwa 20.000 Gelbwesten aktiv, in ganz Frankreich. Es gibt so gut wie keine Aktion mit mehr als ein paar Dutzend Demonstranten. Blockaden gibt es kaum noch. Das Fernsehen findet eigentlich nur komische Typen, die angeblich für die Bewegung sprechen. Intellektuelle Anführer gibt es nicht, nur ein paar Facebook Typen, die durchweg krudes Zeug von sich geben. Das neueste ist, dass Macron Frankreich an die UN verkaufen will, siehe Migrationspakt. Viele Gelbwesten glauben das wirklich. Das Bildungsniveau der meisten Gelbwesten ist unterirdisch. Steuern zahlen diese Leute durchweg nicht, sie regen sich über Abgaben auf, kennen aber nicht den Unterschied. Natürlich gibt es eine tiefe soziale und territoriale Spaltung in Frankreich, genauso wie in Deutschland. Aber echte Probleme ergeben noch keine Bewegung. Wer gegen alles ist, steht für nichts. Deshalb halten alle Parteien und Gewerkschaften grosse Distanz. Alle Streiks sind schon wieder abgesagt. Wie auch in Deutschland kann man 2000 Randalierer finden, aber was heisst das? Wegen Weihnachten wird sich das bald verlaufen.
aggro_aggro 07.12.2018
4. Undemokratisch
Ich kann das nicht nachvollziehen, was da in Frankreich passiert. Zerstörung und Chaos, jede Menge Hass auf einen Präsidenten, der vor gerade anderthalb Jahren mit absoluter Mehrheit gewählt wurde. Und jetzt stimmen 70-80 Prozent DIESEN Protesten zu? Haben Millionen Franzosen ihre Meinung geändert? Akzeptiert die unterlegene Minderheit das Wahlergebnis nicht, unterstützt von Nichtwählern? In einer Demokratie muss man eben eine Legislaturperiode abwarten, wenn man etwas anderes will. Außer natürlich, wenn die Benzinkosten um 10 Euro im Monat steigen. Also Klimaschutz und so is ja wichtig, aber 10 Euro! Revolution!
brux 07.12.2018
5.
Zitat von smokiebrandy...der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht... und auf den französischen Wegen bis zum Brunnen kommt man halt leichter ins Stolpern... Macron hat es mit der Klientel- und Lobbypolitik nun mal übertrieben...Alle in Europa sind sich darüber einig, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer wird...und was macht die Politik? Sie schröpft die arme Masse und begünstigt die Reichen und Superreichen...Weshalb? Ganz klar... man sägt doch den Ast auf dem man sitzt nicht ab und schlägt nicht die Hand , die einen füttert... Der Fehler den diese Eliten dabei machen , ist zu vergessen...Alle Macht geht vom Volke aus...das sind nicht nur ein paar Chaoten ... das sind hundert tausende wütende Bürger... Das kann jederzeit in anderen Ländern auch übergreifen...
Leider liegen Sie falsch. Macron hat durchaus den arbeitenden Franzosen geholfen mit der Senkung der Sozialabgaben und der Abschaffung der Wohnsteuer. Die Vermögenssteuer wurde gar nicht abgeschafft sondern umgebaut, aber das ist zu komplex für die Gelbwesten. Diese Leute sind so gar nicht das Volk. Das ist eher die schlichtere Sorte des Typs AfD Anhänger. Wer Blitzerkameras für staatliche Ausbeutung hält und diese massenhaft zerstört, zeigt doch nur, dass ihm Regeln des Zusammenlebens nicht vertraut sind. In französischen Leserforen der seriösen Zeitungen gibt es viel Häme für solche Dumpfbacken. Auf facebook kann man natürlich jeden Mist ablassen und findet sogar noch Gleichgesinnte.
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