Viertes Wochenende der "Gelbwesten"-Proteste Der Aufstand der Unkalkulierbaren

Zu hohe Steuern, sagt Eric. Zu teures Essen, meint Julien. Zu wenig Geld für ein gutes Leben, ärgert sich Maria. Die "Gelbwesten" haben verschiedene Nöte. Vereint sind sie bloß in der Wut, die sich erneut auf den Straßen entladen hat.
Demonstranten in gelben Westen protestieren in der Nähe des Arc de Triomphe.

Demonstranten in gelben Westen protestieren in der Nähe des Arc de Triomphe.

Foto: Chen Yichen/ dpa

Mehrere Hundert Männer und Frauen in gelben Warnwesten ziehen die Champs-Élysées hinunter. Junge, Alte, Pariser, Bewohner der Banlieues und anderer Städte. Vor ihnen postieren sich Polizisten mit Schutzschilden, Knüppeln und Tränengasgewehren, sie versperren die Straße.

Bis auf 70 Meter laufen die Demonstranten heran. Dann bleiben sie stehen. Die Menge wirkt nicht wütend, eher hilflos. Sie tragen keine Banner, rufen keine Slogans.

Fotostrecke

"Gelbwesten": Wasserwerfer und Tränengas

Foto: LUCAS BARIOULET/ AFP

Auf den freien Metern zwischen der Polizei und den "Gelbwesten" beginnt ein Mann auf einem schwarzen Motorrad, mit lautem Motor Runden zu drehen, die Menge jubelt ihm zu. Ein Junge auf einem BMX macht Wheelies. Ein paar junge Männer brüllen irgendetwas.

Weiter oben Richtung Triumphbogen explodieren Schockgranaten, abgeschossen von der Polizei auf andere Demonstranten. Der Knall schmerzt in den Ohren. Der Motorradfahrer verschwindet, die Männer und Frauen in den gelben Westen gehen langsam vorwärts.

Man sieht den Polizisten mit dem Gewehr nicht, doch plötzlich prasseln Tränengaskartuschen nieder. Die Menge stiebt auseinander. Mehr Kartuschen. Eine Schockgranate. Alle rennen weg, weg von den Polizisten.

Einige Minuten später sammeln sie sich wieder, gehen wieder gen Polizei. Eine junge Frau brüllt: "Macron démission!" - "Macron Rücktritt!". Irgendwo erklingt eine Marschtrommel.

SPIEGEL ONLINE

Das, was in Paris und ganz Frankreich passiert, ist ein Aufstand ohne festen Plan. Ein Aufstand gegen ein System, von dem sich viele Menschen aus allen Lagern im Stich gelassen fühlen. Es ist eine landesweite Explosion lang aufgestauter Wut und Verzweiflung, die sich an einer Kleinigkeit entzündete. Mit Menschen aus vielen Schichten, mit sehr unterschiedlichen Nöten und gänzlich verschiedenen Gesinnungen: von linksliberal bis nationalistisch. Von konstruktiv bis staatszersetzend. Solche, deren erste Demo das ist und solche, die schon oft die Reifen auf den Straßen angezündet haben.

Es fing an, als Priscillia Ludosky, eine Kosmetikverkäuferin, eine Internetpetition startete. Sie rechnete vor, dass Steuern über die Hälfte des Benzinpreises ausmachen und forderte ihre Senkung.

Lange passierte nichts, bis Éric Drouet, ein Lastwagenfahrer, die Petition entdeckte und seinen Freunden auf Facebook schickte. Die verteilten sie weiter, die Presse berichtete und die Zahl der Unterschriften schoss in die Höhe, erst auf 200.000, dann auf 1,15 Millionen.

Drouet rief für den 17. November zu einer Demo auf. 300.000 Menschen folgten seinem Aufruf. Ihr Erkennungszeichen: die gelbe Warnweste, die jeder Autofahrer in seinem Wagen mitführen muss.

"Macron lebt nicht in unserer Welt"

Nach den Protesten am vergangenen Samstag, bei denen die Pariser Innenstadt verwüstet und gut 260 Menschen verletzt wurden, nahm der französische Präsident Emmanuel Macron eine beschlossene Erhöhung der Treibstoffsteuern zurück. Doch die "Gelbwesten" wollen längst mehr. Sie sagen: Macron ist der Präsident der Reichen. Sie wollen seinen Rücktritt.

Julien Bertolot ist seit den ersten "Gelbwesten"-Protesten dabei. Der 34-Jährige sagt: "Macron lebt nicht in unserer Welt. Er war ein Banker und so handelt er. Er verhält sich wie Ludwig XIV., wie ein absolutistischer Herrscher."

Bertolots Vater arbeitet für Mindestlohn als Koch in einem kleinen Restaurant, seine Mutter ist arbeitslos. Er selbst konnte dank staatlicher Hilfen studieren, arbeitet bei einem kleinen Softwareunternehmen. "Aber so etwas wäre heute gar nicht mehr möglich", sagt er. Die Lebenshaltungskosten seien mittlerweile zu hoch, und der Bau neuer Sozialwohnungen in Paris zu langsam, um mit der Nachfrage Schritt zu halten.

Ihm reicht es nicht, dass Macron die Benzinsteuer zurückgenommen hat. Er will höhere Steuern für Reiche und einen höheren Mindestlohn. Dafür ist er auf der Straße, auch wenn heute sein Geburtstag ist. Er sagt: "Ich habe Angst, dass ich am Ende dieses Tages im Krankenhaus liege oder im Gefängnis lande."

Eine Wohnung, zu klein, um Kinder großzuziehen

Maria Lechat, 29, hat das Gefühl, sie dürfe sich eigentlich gar nicht beklagen. Als Projektmanagerin in einer kleinen Firma verdient sie netto 1800 Euro. Andere, sagt sie, verdienen ja noch weniger. Manchmal nur 600 Euro. "Aber ich fühle mich nicht sicher. Wenn ich mal wegen einem Unfall oder so tausend Euro brauche, stürzt mich das in eine Katastrophe."

Wie eng es bei ihr ist, merkt sie auch jetzt wieder vor Weihnachten. Sie zögert bei jedem Euro, den sie für Geschenke ausgibt. Urlaub ist undenkbar - zu teuer.

Mit ihrem Freund teilt sie sich eine Wohnung, die zu klein sei, um Kinder großzuziehen, doch eine größere kann sie sich nicht leisten. Und wie es gehen soll, wenn sie ins Rentenalter kommt, weiß sie auch nicht.

"Macron hat die Treibstoffsteuer eingeführt, um Maßnahmen gegen den Klimawandel zu finanzieren und sowas ist wichtig", sagt sie. "Aber die Benzinsteuer trifft die Ärmsten am härtesten. Warum nimmt er das Geld nicht von den Reichen und den Unternehmen, die sowieso am meisten Treibhausgase produzieren?"

Was sie außerdem wütend macht: dass die Regierung aufschreckt, wenn Autos brennen, aber nichts tut, wenn viele Menschen zu wenig Geld zum Leben haben.

Demonstranten aus allen Schichten und Richtungen

Wegen der "Gelbwesten"-Proteste war Lechat anfangs noch skeptisch. Sie befürchtete, dass sie vom rechtsextremen Rassemblement National, der Partei von Marine Le Pen, unterwandert würden. "Doch als ich gesehen habe, dass alle möglichen Menschen mitmachen, bin ich auch dazugekommen."

An diesem Samstag sind es in ganz Frankreich laut Behördenangaben 31.000, allein in Paris 8.000. Vereinzelt werden Autos angezündet und Geschäfte geplündert. Doch die überwiegende Mehrheit ist friedlich - und sie kommen aus vielen gesellschaftlichen Schichten und Richtungen.

Da sind Silvan und Samy, ausgerüstet mit Schutzbrillen und Atemmasken, die für Le Pen gestimmt haben und überzeugt sind, dass Macron eine Marionette der Bankiersfamilie Rothschild und der geheimen Bilderberg-Konferenz sei. Samy und Silvan haben durchaus eine politische Motivation. Viele im Land aber sind vor allem auf Ärger aus.

Da ist ein pfeiferauchender Privatlehrer, der Geschwindigkeitsbegrenzungen genauso ablehnt wie die Republik, und der sich die Wiedereinführung der Monarchie vorstellen könnte.

Da ist Clementine Roux, die sich gegen einen Baumstamm drückt und einen Schal ins Gesicht presst, um sich gegen die Tränengasgranaten zu schützen, die als Krankenpflegerin dreizehn Stunden am Tag arbeitet, und trotzdem nicht genug Zeit hat für ihre Patienten, weil der Staat die Mittel streicht.

Manche von ihnen war noch nie auf einer Demo, andere rennen seit Jahren zu jedem Protest. Sie alle eint nichts als ihre gelben Warnwesten und das Gefühl, dass dieses System seit Jahren zu wenig für die Menschen tut.

Deswegen haben sie auch keine gemeinsamen Slogans, Banner oder Anführer und das macht sie unberechenbar. So unberechenbar, dass die Regierung sich bislang nicht anders zu helfen weiß, als jede Woche mehr Polizisten gegen sie auf die Straße zu schicken. Mehrere Menschen sind bereits gestorben.

Über die Lage in Paris berichtet Raphael Thelen auch im Video:

SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.