Georg Blume

"Gelbwesten"-Proteste Franzosen, Volk der Revolte

Immer wieder leben die Franzosen auf der Straße das Unrechtsbewusstsein einer ganzen Epoche aus. Präsident Macron, Deutschland und der gesamte Westen müssen den Protest der "Gelbwesten" ernst nehmen.
Polizeieinsatz während einer Studentendemonstration am 6. Mai 1968 in Paris

Polizeieinsatz während einer Studentendemonstration am 6. Mai 1968 in Paris

Foto: Anonymous/ ASSOCIATED PRESS

Nirgendwo protestierten Studenten im Mai 1968 so spontan, radikal und selbstvergessen gegen den US-Kriegsimperialismus in Vietnam und das verstockte Patriarchat der eigenen Elterngeneration wie in Paris. Wer im Westen kritisch dachte, bewunderte die Franzosen für ihren Mut. Die Vordenker des französischen Protests - Sartre, de Beauvoir, Foucault, Bourdieu - prägen deshalb unser Denken bis heute.

Dennoch wenden sich viele Deutsche jetzt angewidert vom erneuten Aufruhr in Frankreich ab. Er scheint zur Unzeit mit unmöglichen Forderungen daherzukommen. Und seine Gewalt stößt ab. Wieso wollen die Franzosen ausgerechnet ihren klugen, aufgeschlossenen Präsidenten Emmanuel Macron auf den Mond schießen? Warum treibt sie eine grundvernünftige Ökosteuer auf die Straße? Warum müssen Gymnasiasten Steine auf Polizisten werfen? Doch die deutschen Kritiker übersehen, wie geschichtsvergessen ihre Einwände sind.

Frankreichs führende Historiker lassen keinen Zweifel daran, dass sich die neue soziale Bewegung der "Gelbwesten" in eine lange Tradition französischer Volksaufstände gegen die herrschenden Klassen einordnet. Die waren selten friedlich. Deutschland kennt diese Tradition kaum. Selbst die deutschen Arbeiteraufstände vor hundert Jahren, die im Chaos nach Kriegsende zur Bildung der Weimarer Republik führten, waren vergleichsweise gut organisiert.

Unkontrollierte, eruptive Volksbewegungen

In Frankreich hingegen traten an geschichtlichen Wendepunkten immer wieder völlig unkontrollierte, eruptive Volksbewegungen auf. Sie waren zwar unmittelbar nie erfolgreich - so gewann De Gaulle nach dem Mai 1968 haushoch die nächste Wahl. Es gelang ihnen aber frühzeitig, das später dominierende moralische und politische Bewusstsein einer ganzen Epoche auszudrücken.

Sturm auf die Bastille 1789: Aufstand gegen Adel und Klerus

Sturm auf die Bastille 1789: Aufstand gegen Adel und Klerus

Foto: Rischgitz/ Getty Images

1789 war es der Aufstand des dritten Standes gegen Adel und Klerus, 1830 der erste Arbeiteraufstand, 1848 das erste Demokratiebegehren, 1871 die gelebte Solidarität der Pariser Kommune, 1936 die Einführung allgemeiner sozialer Rechte mit der Volksfront und 1968 das Gleichheitsbegehren der unterdrückten Völker der Dritten Welt und der Frauen. Jedes Mal starb der französische Eigensinn entweder noch auf den Barrikaden oder spätestens, wie 1871 und 1940, unter deutschen Besatzern. Allerdings nur, um als Idee später alle anderen westlichen Gesellschaften zu erobern.

Auch heute könnte das Unrechtsbewusstsein der Franzosen wieder richtungsweisend sein. Überall macht sich das Unbehagen der westlichen Mittel- und Unterschichten im globalisierten Kapitalismus destruktiv bemerkbar. In G7-Ländern wie den USA und Italien hat es schon zur Wahl nationalistischer Regierungen geführt, deren demokratisch-humanistische Grundüberzeugungen angezweifelt werden dürfen. In Deutschland nährt es die AfD. In Frankreich zeigt sich die Unzufriedenheit in diesen Wochen nicht an der Urne, sondern im Straßenprotest.

Die soziale Revolte birgt jedoch für die in ihrem Selbstbewusstsein erniedrigten Bürger neben allem Gewaltpotenzial einen unerwarteten Moment der Befreiung. Daher rührt auch die weiterhin weltweit ungebrochene Faszination der Französischen Revolution. Es gehörten schon immer Überzeugung, Moral und Selbstaufgabe dazu, das Recht des Schwächeren zu erkämpfen.

Im Video: "Gelbwesten"-Proteste in Frankreich

SPIEGEL ONLINE

Der Aufstand der "Gelbwesten" kann durchaus als ähnlich historisches Ereignis verstanden werden. Wie die Arbeiter in der Julirevolution von 1830 ihre Macht im Zuge der Industrialisierung entdeckten, entdecken die "Gelbwesten" ihre Macht im Zuge der Digitalisierung. Sie brauchen keinen Glauben, keine Partei, keine Gewerkschaft, nur Facebook, um überall im Land koordinierte Aktionen zu starten, die das Potenzial haben, eine hochentwickelte Volkswirtschaft lahmzulegen.

Man kann die "Gelbwesten" belächeln. Man kann sie, wie Macron vor ein paar Jahren die streikenden Schlachthofarbeiter in der Bretagne, als "Analphabeten" unserer Zeit betiteln. Man kann sie als "Nichts" bezeichnen, wie Macron im vergangenen Jahr die Penner in Bahnhöfen abtat.

Man kann in ihnen aber auch eine neue Kraft der Geschichte sehen. Das war die Arbeiterbewegung auch mal, genau wie die Studentenbewegung von 1968. Dass es "Gelbwesten", drei Wochen nach ihrer Gründung, schon in Belgien, Holland, Deutschland, Serbien und Bulgarien gibt, spricht jedenfalls nicht gegen sie.

Macron hat nun die Wahl. Er kann die Bewegung auflaufen lassen, sie niederprügeln. Die an Lagerhaft erinnernden Videoaufnahmen von 150 festgenommenen, vor Polizisten niederknienden Pariser Schülern sehen danach aus.

Macron kann aber auch seinen eigenen Worten die richtigen Taten folgen lassen. Gerade erst sprach er von der erstaunlichen Ähnlichkeit unserer Zeit mit den Jahren zwischen den Weltkriegen: "In einem von Angst, nationalen Alleingängen und den Folgen der Wirtschaftskrise geteilten Europa sieht man heute all das wieder auferstehen, was das Leben in Europa zwischen dem Weltkriegsende und 1929 bestimmt hat", sagte Macron.

Damals entkamen sowohl Frankreich als auch die USA der nationalistischen Gefahr, indem sie mit der Volksfront und dem New Deal Franklin Roosevelts beherzte Sozialpolitik machten. Auch die "Gelbwesten" fordern eine neue, ihrer Epoche entsprechende Sozial- und Bildungspolitik. Es ist Zeit, dass Macron ihre Forderungen aufgreift.