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05. Januar 2012, 13:39 Uhr

Geldnot

USA verlieren ihre Fähigkeit zum Doppelschlag

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Washington muss drastisch sparen - jetzt trifft es auch das Militär. Der Wehretat sinkt in den kommenden zehn Jahren um mindestens eine halbe Billion Dollar. Die USA werden deshalb wohl nicht mehr in der Lage sein, zwei Kriege gleichzeitig zu führen.

Washington - Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 kannte der Militäretat der USA nur eine Richtung: steil aufwärts. Diese Zeiten scheinen jetzt endgültig vorbei zu sein. Nach zwei Jahren Wirtschaftskrise, kostspieligen Kriegen im Irak und in Afghanistan und angesichts einer heftigen politischen Debatte um öffentliche Ausgaben wird in Washington gespart - auch beim Militär.

Im Sommer hat sich das Pentagon bereit erklärt, seine Ausgaben in den nächsten zehn Jahren um insgesamt 450 Milliarden Dollar (346 Milliarden Euro) zurückzufahren. Am Donnerstag haben US-Präsident Barack Obama und Verteidigungsminister Leon Panetta in einer gemeinsamen Pressekonferenz erklärt, wie genau diese Summe erreicht werden soll.

Die wichtigste Folge: Die USA werden künftig nicht mehr in der Lage sein, zwei Kriege gleichzeitig zu führen und zu gewinnen. Man werde nur noch einen größeren Konflikt siegreich zu Ende bringen können und in einem weiteren in der Lage sein, den Gegner vom Erreichen seiner Ziele abzuschrecken. Zusätzlich werde man eine Reihe weiterer kleiner Operationen durchführen können, etwa die Durchsetzung einer Flugverbotszone.

Zur Debatte steht offenbar auch ein Abzug von rund 4000 Soldaten aus Europa. Ob damit auch US-Standorte in Deutschland bedroht sind, war zunächst unklar. Der Haushalt für 2012 sieht nach Angaben des Weißen Hauses bereits jetzt den Abbau von 27.000 Stellen für Soldaten und noch einmal 20.000 für Marineinfanteristen über die nächsten vier Jahre vor.

Sorge um technologische Dominanz der USA

Die Nachrichten-Website Wired will herausgefunden haben, dass die US-Luftwaffe mehrere hundert Flugzeuge aufgeben muss, was fünf Prozent des Gesamtbestands von 4000 Maschinen entspräche. Unklar sei allerdings, welche Modelle genau betroffen seien. Vermutlich werde sich die US-Luftwaffe in erster Linie von alten Maschinen trennen. Der neue Stealth-Kampfjet F-35 "Lightning II" werde dagegen nur in geringem Ausmaß von den Sparmaßnahmen betroffen sein.

Die "New York Times" will dagegen erfahren haben, dass die F-35 ein "Hauptziel der Sparmaßnahmen" sei. Und es wäre ein lohnendes Ziel: Mit geschätzten Programmkosten von rund einer Billion Dollar gilt die F-35 als teuerstes Einzel-Waffensystem der Geschichte. Bisher plant das Pentagon, bis 2035 fast 400 Milliarden Dollar für 2500 Exemplare des Kampfflugzeugs auszugeben.

Ob die USA ein Hightech-Kampfflugzeug wie die F-35 überhaupt brauchen, wurde immer wieder bezweifelt. Sein volles Potential würde der Stealth-Jet erst in einem Konflikt mit einem technisch hochgerüsteten Gegner ausspielen können. In Zeiten asymmetrischer Konflikte, so die Kritiker, würden es auch deutlich billigere Modelle wie etwa die F-16 tun.

Vor einer solchen Argumentation warnt allerdings eine wachsende Schar von Politikern und Militärexperten, die einen Konflikt zwischen den USA und China heraufziehen sehen. Zwar gilt ein solches Szenario derzeit als unwahrscheinlich - doch niemand könne wissen, wie die Welt in einigen Jahrzehnten aussehe, so das Argument. Verlören die USA heute ihre technologische Vorherrschaft, könne sich das später bitter rächen. Fähigkeiten wie die Radar-Tarnung könnten in zukünftigen Konflikten durchaus bedeutend sein, sagte Michael Hanlon von der Brookings Institution in Washington: "Es wäre ziemlich wichtig gegenüber Iran und sehr wichtig gegenüber China."

Chinas Aufstieg und Amerikas Abstieg? Warum die USA auch weiterhin militärisch dominant sein werden

Befeuert wird die Debatte von der rasanten Modernisierung der chinesischen Streitkräfte. Vor genau einem Jahr hat Peking - viel früher, als die Amerikaner das erwartet hatten. Zugleich hat China seit 2006 Dutzende Zerstörer, Fregatten und U-Boote in Dienst gestellt und einen ehemals sowjetischen Flugzeugträger gekauft, modernisiert und zu einer ersten Testfahrt in See stechen lassen.

Besondere Aufmerksamkeit erregte eine chinesische Rakete mit der Bezeichnung Dongfeng-21D. Sie soll in der Lage sein, große Schiffe mit einem Schlag zu versenken, ohne dass eine Gegenwehr möglich wäre. Prompt wurde die Waffe in den USA "Flugzeugträger-Killer" genannt. Anfangs hieß es noch, die Chinesen könnten eine Rakete nicht präzise genug steuern, um ein bewegliches Ziel wie ein Schiff zu treffen. Doch inzwischen hat Peking auch ein Es soll in der Lage sein, militärische Flugkörper ebenso präzise ins Ziel zu lenken wie das amerikanische GPS.

Erst im November hat US-Präsident Barack Obama die angekündigt. Drastische Einschnitte bei der Air Force und der Marine würden dazu kaum passen. Zwar soll die Zahl der Flugzeugträger laut "New York Times" auch nach den aktuellen Einsparungen bei elf bleiben. Doch ob das ausreicht, ist offen. Philip Breedlove, Vize-Stabschef der US-Luftwaffe, warnte bereits im Sommer 2011, dass der "anhaltende fiskalische Druck" es schwierig mache, den technologischen Vorsprung vor den Chinesen zu halten. "Wir fliegen schon jetzt die älteste Luftwaffe, die wir jemals hatten", so der General.

Die Air Force müsse nicht nur ihren Bestand an Flugzeugen und Satelliten modernisieren, sondern zugleich einen neuen Langstreckenbomber entwickeln und produzieren lassen. Das neue Flugzeug sei ein zentraler Bestandteil der neuen "AirSea Battle"-Doktrin, sagte Breedlove.

Neue Doktrin soll Macht der USA im Pazifik sichern

Große Teile der vieldiskutierten Doktrin sind geheim. Klar scheint bisher nur, dass das Pentagon sich bei der Ausarbeitung darauf konzentriert, durch intelligente Verknüpfung von Luftwaffe, Marine und Landstreitkräften die Oberhand zu behalten - selbst wenn der Gegner über zahlenmäßig überlegene Kräfte verfügt. Darüber hinaus soll die Doktrin nach bisherigen Informationen sicherstellen, dass die USA auch weiterhin nach Belieben im Pazifik operieren können.

Insbesondere China wird der Versuch nachgesagt, durch sogenannte Anti-Access/Area Denial-Maßnahmen (A2/AD) die USA davon abzuhalten, in bestimmte Seegebiete einzudringen - etwa in die Straße von Taiwan, um das Land vor einer Invasion Chinas zu schützen. Erreichen könnten die Chinesen das beispielsweise durch die Stationierung von Anti-Schiffsraketen an den Küsten, die eine enorme Gefahr für die großen und verwundbaren Flugzeugträger der USA wären.

Ob die US-Marine der kommenden Herausforderung gewachsen ist, scheint fraglich. Im Juli 2011 etwa wurde im US-Kongress eine Statistik vorgestellt, der zufolge 22 Prozent der amerikanischen Kriegsschiffe nicht voll einsatzfähig sind. 2007 habe diese Quote bei nur acht Prozent gelegen. Von den Flugzeugen der Marine sei sogar mehr als die Hälfte nicht voll einsatzfähig.

Kürzungen in Höhe von einer Billion Dollar möglich

Und als ob das noch nicht genug wäre, könnten dem US-Militär noch heftigere Etatkürzungen bevorstehen. Zusätzlich zu den aktuell im Raum stehenden 450 Milliarden Dollar könnte der Kongress weitere Einsparungen in Höhe von 500 Milliarden Dollar beschließen. Das Pentagon müsste dann mit einem 17 Prozent geringeren Etat auskommen.

Panetta und andere Politiker warnen in diesem Fall vor einer katastrophalen Verschlechterung der nationalen Sicherheit der USA. Das aber halten manche Experten für übertrieben. Laut Gordon Adams, unter US-Präsident Bill Clinton für die Kontrolle der Militärausgaben zuständig, mussten die amerikanischen Streitkräfte nach dem Ende des Korea-, des Vietnam- und des Kalten Krieges weit größere Budgetkürzungen verkraften als heute.

Selbst wenn man in den nächsten zehn Jahren eine Billion Dollar einspare, "ist der Rückgang viel geringer als bei den letzten drei Malen", sagte Adams, der inzwischen beim Stimson Centre in Washington arbeitet, der Londoner "Times". Carl Conetta vom Think-Tank Project on Defence Alternatives warf Panetta gar vor, sich hasenfüßig zu verhalten. "Die heute geplanten Kürzungen kommen nicht annähernd an die heran, die nach dem Kalten Krieg anstanden", so Conetta. Die militärische Dominanz der USA sei auch mit einer Billion Dollar ungebrochen.

Amerikanische Dominanz auf lange Sicht kaum gefährdet

Die Zahlen scheinen ihm recht zu geben: Der US-Wehretat läge 2013 dann immer noch um die 470 Milliarden Dollar, also in etwa auf dem Niveau von 2007. Und selbst das ist noch viel im Vergleich zu den Vorjahren. Nach den Terrorangriffen von 2001 sind die amerikanischen Militärausgaben förmlich explodiert - von rund 400 Milliarden auf aktuell mehr als 700 Milliarden Dollar pro Jahr.

Wie groß die militärische Dominanz der USA noch immer ist, wird an der globalen Luftwaffen-Statistik des Fachblatts "Flight International" deutlich. Laut dem aktuellen Bericht, der Anfang Dezember veröffentlicht wurde, betreiben die USA rund ein Viertel aller Militärflugzeuge weltweit. Danach kommt lange nichts, dann Russland, gefolgt von China, Japan und Indien. Selbst die Luftstreitkräfte dieser vier Staaten zusammen machen lediglich drei Viertel des US-Bestandes aus.

In Zukunft dürfte sich daran kaum etwas ändern. 1700 der 5400 bestätigten Kampfflugzeug-Bestellungen entfallen laut "Flight International" auf die USA. Bei den noch unbestätigten Bestellungen liegen die Amerikaner sogar noch weiter vorn: Sollten die aktuellen Planungen umgesetzt werden, werden 3900 von 6700 neuen Militärflugzeugen für die USA fliegen. Das Blatt sieht derzeit "keine Anzeichen für eine Abschwächung der amerikanischen Dominanz". Sie werde voraussichtlich noch "viele Jahre anhalten".

Mit Material von Reuters

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