Geldwäsche für Mexikos Kartelle Gute Geschäfte mit den Drogendealern

Der mexikanische Drogenkrieg ist ein Milliardengeschäft. Die mächtigen Kartelle schaffen Waffen ins Land, pumpen Drogen in die USA und waschen weitgehend ungestört ihr schmutziges Geld. Amerikanische Banken haben dabei kräftig mitgemischt - und mitverdient.
Von Lars Halter
Dollarscheine in Bündeln: Tütenweise zur Bank geschafft, mit dem Duft von Trocknertüchern

Dollarscheine in Bündeln: Tütenweise zur Bank geschafft, mit dem Duft von Trocknertüchern

Foto: Guillermo Arias/ ASSOCIATED PRESS

mexikanischen Drogenkrieg

Geldwäsche

Im geht es um Hunderte Milliarden Dollar. Dass solche Mengen nicht nur per Geldkoffer verschoben werden, ist klar. Die Kartelle sind organisiert wie globale Konzerne, sie haben ihre Finanzchefs und ihre internationalen Bankkonten. Erst seit kurzem ist allerdings bekannt, dass einige Banken ziemlich genau wussten, woher manche hohen Einlagen kamen, und dass sie ihren Verdacht gegen die Kunden nicht den amerikanischen Behörden meldeten, wie es der -Paragraf im US-Bankengesetz vorsieht.

Am tiefsten in den Drogenkrieg verstrickt ist das Bankhaus Wachovia, das seit seinem Beinahe-Zusammenbruch während der Finanzkrise zu Wells Fargo gehört. Nun muss jenes historische Unternehmen für die Machenschaften der Tochter geradestehen, das doch seine Wurzeln im Südwesten der USA hat, wo einst der Wild West tobte - und heute eben der Kampf der Kartelle um Kunden und Knarren.

Die Bank wurde 1852 von Henry Wells und William Fargo gegründet, die erst zwei Jahre vorher American Express ins Leben gerufen hatten. Unter dem Namen Wells Fargo stieg man unter anderem in den "Pony Express" ein, den legendären Postdienst. Eine historische Kutsche im Wappen von Wells Fargo erinnert bis heute an die Anfänge des Unternehmens im Wilden Westen.

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Mexiko: Opfer und Täter im Drogenkrieg

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Schon damals hatte man es mit Kriminellen zu tun. Gegen die mexikanischen Kartelle sind die Posträuber von damals vergleichsweise harmlos, doch die Rolle der Banken hat sich verändert: Aus dem Kriminellen sind Partner geworden, mit denen man in den vergangenen Jahren gutes Geld verdient hat.

Einige der Fälle sind reif für Hollywood

Wachovia hat nun zugegeben, zwischen 2004 und 2007 mindestens 375 Milliarden Dollar an mexikanischen Peso-Einlagen so gut wie gar nicht kontrolliert zu haben. Wachovia habe beide Augen zugedrückt und den Kartellen die gesamte Infrastruktur gestellt, lässt sich Chef-Ermittler Jeffrey Sloman beim Nachrichtendienst Bloomberg zitieren. Dabei habe man den Zusammenhang zwischen der Geldwäsche und den Toten im Drogenkrieg leicht erkennen können, erklärt Martin Woods.

Woods war 2006 von Scotland Yard zu Wachovia in London gewechselt, wo er für die hauseigene Abteilung gegen internationale Geldwäsche arbeitete. Drei Jahre später kündigte er seinen Job, entsetzt darüber, dass seine Vorgesetzten seine sämtlichen Hinweise auf einzelne Fälle ignoriert hatten. Vielmehr hatte man ihn zum Schweigen verdonnert und sogar mit Entlassung gedroht.

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Grafiken: Fakten zum globalen Drogenkrieg

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Bank of America

Einige der Fälle, an denen Woods konkret arbeitete, sind reif für Hollywood. Zum Beispiel die Wachovia-Kooperation mit der Casa de Cambio Puebla, einer Kette von Wechselstuben im Süden . Die meistfrequentierten Filialen waren die von Pedro Alatorre in der Hauptstadt Mexiko-Stadt, vor allem die im dortigen Flughafen. Da brachten Kunden Plastiktüten voller Geld vorbei, wie Überwachungsvideos des Flughafens zeigen. Insgesamt 720 Millionen Dollar sollen so über den Tisch gegangen sein, heißt es in den Akten. Die Daten von 74 anderen Kunden wurden missbraucht, um das Geld an Wachovia-Konten in den USA zu überweisen. Von dort floss ein Teil auf ein Konto der in Oklahoma City, aus dem der Kauf einer DC-9 finanziert wurde.

Die Maschine wurde wenig später von Florida nach Caracas geflogen und mit 5,7 Tonnen Kokain im Wert von rund hundert Millionen Dollar beladen. Eine gute Woche später fiel das Flugzeug an einem mexikanischen Flughafen auf und wurde durchsucht. Die Fracht wurde sichergestellt und verbrannt, bevor sie zu Kunden in den USA ausgeliefert werden konnte. Weitere vier Flugzeuge fingen die Behörden später ab. Insgesamt soll die Flotte rund 22 Tonnen Rauschgift transportiert haben - ohne die Infrastruktur der Wachovia wären die Geschäfte nie zustande gekommen, sagen Ermittler.

Der Duft des Geldes

Auch die Geschichte von Oscar Oropeza liest sich wie ein Krimi: Der ranghohe Schmuggler des Golf-Kartells ließ seine Frau und Tochter mehrmals täglich ganze Bündel von 20-Dollar-Scheinen zu einer Filiale der Bank of America in Brownsville, Texas, bringen. Die Fahnder bemerkten bald, dass die Angestellten am Schalter die Frauen genau kannten. Den Duft des Geldes erkannten sie auch wieder: Die Scheine der Oropezas rochen immer gleich - nach einem bestimmten Dufttuch für den Wäschetrockner.

Nachdem Polizeibeamte bei einer Routinekontrolle 84 Kilogramm Kokain unter einem doppelten Boden in Oropezas Auto gefunden hatten, durchsuchten sie sein Haus. Dort fand man Geldbündel im Wäscheschrank, neben einem ganzen Vorrat an Trocknertüchern.

HSBC

Die Banken haben nun Schritte eingeleitet, um die Geldwäsche der Kartelle in Zukunft zu stoppen oder zumindest einzudämmen. Die britische , bei der viele Drogen-Konten lagen, hat etwa Dollar-Einzahlungen in mexikanischen Filialen verboten. Bei der Citigroup können künftig nur noch eigene Kunden Devisen wechseln, zahlreiche verdächtige Konten wurden geschlossen. Und Traveller-Checks mit unleserlichen Unterschriften, wie sie Woods einst in Transaktionen bei Wachovia untergekommen sind, sollen auch nicht mehr so einfach eingelöst werden können.

Doch alle Fortschritte im Kampf gegen die Kartelle sind bisher von der Selbstdisziplin der Banken abhängig. Ernsthafte Strafen drohten den Unternehmen bisher nicht, gegen keine einzige Bank wurde offiziell Anklage erhoben, auch nicht gegen Wachovia. Selbst bei dreisten Vergehen gegen das Bankgeschäft und sogar bei offensichtlichen Verbindungen zu mexikanischen Kartellen brummten die Behörden den Banken nur Geldstrafen auf.

Und warum? Offenbar sind funktionierende Banken im nach der Krise noch fragilen US-Finanzsystem wichtiger als der energische Kampf gegen die Kartelle und ihre Unterstützer. Das jedenfalls ist die Theorie von Finanzexperte Jack Blum, der sich seit vielen Jahren mit den Tricksereien der Geldwäscher befasst. Würde die Justiz rigoros gegen schwarze Schafe in der Branche vorgehen, könnte dies nach Blums Ansicht eine fatale Kettenreaktion auslösen: Investoren schmeißen hin, Kunden ziehen ihre Einlagen ab - die Bank stünde am Abgrund. Doch einen neuen Bankenkollaps könnte die amerikanische Wirtschaft nicht verkraften, und das nutzten einige Institute schamlos aus. "Sie scheinen zu allem bereit zu sein, nur um ihren Profit zu steigern", sagte Blum dem Nachrichtensender Bloomberg. "Bis sie erwischt werden."

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