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15. Februar 2002, 13:57 Uhr

Gelynchter Luftfahrtminister

War es gezielter Mord?

Noch ist nicht geklärt, wie der afghanische Luftfahrtminister ums Leben kam. Eine Möglichkeit: Aufgebrachte Pilger töteten Abdul Rahman in einer Kurzschlusshandlung. Doch es gibt eine weitere Option: Gerüchten zufolge war die Tat ein gezielter Mord.

Abdul Rahman wurde von wütenden Pilgern getötet
DPA

Abdul Rahman wurde von wütenden Pilgern getötet

Kabul - "Es gibt den Verdacht, dass es nicht einfach nur eine Menge war, die gewalttätig wurde, dahinter könnte auch noch etwas Böseres stecken", sagte der britische Außenminister Jack Straw am Freitag in Kabul. Rahman, 50, war am Donnerstag während eines Massenaufruhrs von tausend Pilgern auf dem Flughafen erschlagen worden.

Straw, der kurz nach dem Verbrechen in Kabul eintraf, sagte dem britischen Sender BBC, die internationale Schutztruppe Isaf habe Rahman nicht helfen können. "Das konnten sie nicht tun, weil das ziemlich weit davon entfernt war, wo sie waren. Es ist nicht ihre Verantwortung, das ist die eindeutige Verantwortung der Übergangsregierung", so Straw. Die Isaf ist nur für den militärischen Teil des Flughafens zuständig, während sich die afghanische Regierung bislang den Schutz des zivilen Teils vorbehielt.

Die Pilger hatten schon seit Tagen bei eisigen Temperaturen darauf gewartet, mit Flugzeugen zur traditionellen islamischen Wallfahrt nach Mekka zu reisen. Als Rahman zum Flughafen kam, verbreitete sich die Nachricht, er wolle mit einem der bereitstehenden Maschinen der afghanischen Airline Ariana nach Indien aufbrechen. Die Menge umringte das Flugzeug, holte den Minister aus der Maschine und schlug auf ihn ein. Rahman starb später im Krankenhaus.

Augenzeugen berichteten, es habe nach der Tat keine Festnahmen gegeben. Die Täter seien zusammen mit den Pilgern nach Mekka in Saudi-Arabien entkommen.

Die Übergangsregierung unter Hamid Karzai ließ den Flughafen der afghanischen Hauptstadt am Freitag abriegeln. Dutzende mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten sicherten die Zufahrtsstraße und hinderten Passagiere und Journalisten am Betreten des Flughafens. Die Regierung untersucht nun die Hintergründe des Vorfalls.

Experten halten sowohl einen spontanen Gewaltausbruch der Menschenmasse als auch einen gezielten Mord für möglich. Afghanen konnten wegen des Kriegs und Bürgerkriegs seit mehr als zwei Jahrzehnten nur noch unter großen Schwierigkeiten die Pilgerreise nach Mekka machen, die Muslime wenigstens einmal im Leben unternehmen wollen.

Die Tickets kosteten die Pilger wahrscheinlich einen großen Teil ihres Vermögens. Zwei Menschen sollen während der Wartezeit erfroren sein. Die Verzweiflung darüber, dass einer der erwarteten Flüge gestrichen werden sollte, könnte deshalb in Gewalt umgeschlagen sein.

Für die Theorie eines gezielten Mordes spräche nach Ansicht von Beobachtern, dass Rahman zur Nordallianz gehörte, der auch in Kabul noch viele feindlich gegenüberstehen. Taliban oder al-Qaida-Kämpfer, die unter den Pilgern waren, könnten die Menge zum Totschlag angestiftet oder die Anonymität der Masse zum Mord genutzt haben.

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