Generationenkonflikt Rentner-Export in ausländische Altenheime

In Deutschland wird Jungpolitiker Philipp Mißfelder für seinen Vorschlag kritisiert, Senioren die Hüftprothesen wegzusparen. In Japan würde ihm das kaum passieren: Dort denken Politiker sogar darüber nach, wie sie lästige Alte bequem ins Ausland abschieben können. Und kaum jemand regt sich darüber auf.

Von , Tokio


Rentner in Japan: In Edelressorts angeschoben
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Rentner in Japan: In Edelressorts angeschoben

Tokio - Ausgerechnet der Senior des japanischen Kabinetts, Finanzminister Masajuro Shiokawa, 81, belebte jüngst eine Idee, gegen die Mißfelders Vorstoß geradezu harmlos wirkt. Gegenüber der philippinischen Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo regte der populäre Shiokawa (Kosename: "Opa Shio") an, japanische Greise in philippinischen Altenheimen billig pflegen zu lassen.

Mit dem Export seiner Altersgenossen hofft Nippons betagter Kassenwart, den Staat von wachsenden Kosten durch heimische Rentner zu entlasten: Keine Nation altert so rapide wie die Japaner, bis 2020 werden 35 Prozent der Japaner über 60 Jahre alt sein. Dem japanischen Rentensystem droht -ähnlich wie in Deutschland - langfristig der Kollaps.

Es wäre nicht fair, "Opa Shios" Vorstoß allein auf dessen hohes Alter zu schieben. Aber tatsächlich stammt seine hilflose Idee von gestern, schon einmal scheiterte sie kläglich: Bereits in den späten achtziger Jahren schlug die Regierung in Tokio allen Ernstes vor, massenweise Alte ins Ausland abzuschieben.

Altenressorts in Afrika

Finanzminister Masajuro Shiokawa: Billigpflege im Ausland
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Finanzminister Masajuro Shiokawa: Billigpflege im Ausland

Im so genannten "Silver Columbia Plan" sollten japanische Greise als weißhaarige Kolumbusse in Länder wie Spanien oder eben die Philippinen umgesiedelt werden. An einem Strand in Australien etwa wollten Tokios Planer eine japanische High-Tech-Kolonie bauen, im Senegal sollte - mit allem erdenklichen Komfort und Kitsch - ein japanisches Senioren-Dorf im kalifornischen Baustil entstehen.

Doch der amtliche Plan zur Entsorgung der Alten scheiterte an Protesten des Auslands: In einer Zeit, als die Japaner ohnehin gerade weltweit Firmen, Hotels und Golfplätze aufkauften, fürchteten viele Gastländer eine neue japanische Invasion. Nur die verarmten Philippinen boten sich beflissen als preisgünstige Heimstatt für Nippons Rentner an. Mehrere Alten-Resorts wurden in dem Billiglohn-Land gebaut.

Doch weil sich die potenziellen japanischen Nutznießer aus Angst vor Verbrechen und fehlendem Komfort häufig nicht in das Nachbarland abschieben lassen wollten, stehen die schmucken Projekte nun teilweise leer.

Pflegekräfte aus den Philippinen

Folglich muss das zweitgrößte Industrieland nach anderen Wegen suchen, um sein wachsendes Heer von Senioren zu pflegen. Sozialexperten in Tokio prophezeien, dass Japan langfristig umgekehrt Hundertausende Pflegekräfte aus den Philippinen importieren müsse.

Eine verstärkte Zuwanderung wollen die meisten japanischen Politiker jedoch unbedingt verhindern. Sie sehen die oft beschworene, angebliche rassische Einzigartigkeit ihres Inselvolkes bedroht. Damit die Japaner auch künftig möglichst unter sich bleiben können, forschen staatliche Institute und private Firmen eifrig daran, heimische Industrieroboter zu Betreuern für pflegebedürftige Alte weiterzuentwickeln.

Dass Finanzminister Shiokawa mit seinem jüngsten Vorschlag im eigenen Land kaum Kritik hervorrief, mag auch historische Gründe haben. Der japanischen Erzählung "Narayama bushiko" zufolge schleppten verarmte Dörfler nutzlos gewordene Senioren einst auf ungewegsame hohe Berge. Auf diesen so genannten "Ubasute Yama" - zu deutsch etwa: "Alten-Wegwerf-Berge" - mussten die Greise ihres Hungertodes harren.



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