Georgien-Konflikt Russland rüstet sich für zweite Front in Abchasien
Tiflis/Moskau - In Südossetien deutet vieles auf eine Niederlage der Georgier hin. Nun gerät auch das zweite abtrünnige Gebiet, Abchasien, in den Blickpunkt. Russland hat Georgien ultimativ zum Abzug seiner Truppen aus der abtrünnigen Region aufgefordert.
Der Kommandeur der russischen Truppen, Sergej Tschaban, verlangte am Montagmorgen laut der Nachrichtenagentur Interfax binnen weniger Stunden den Rückzug aller georgischen Kräfte aus der Sicherheitszone, die Georgier und Abchasier trennt. Von georgischer Seite wurde das Ultimatum sofort zurückgewiesen.
Auch die Führung der von Russland unterstützten Separatistenrepublik erhöhte den Druck auf die Georgier: In der Hauptstadt Suchumi teilte sie mit, dass die georgischen Truppen im oberen Kodori-Tal komplett umzingelt seien. Das meldete die russische Agentur Interfax. Die abchasischen Machthaber stellten den georgischen Soldaten und Zivilisten ein Ultimatum. Wenn sie nicht unverzüglich das obere Kodori-Tal durch einen Korridor verließen, werde angegriffen.
Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili hatte 2006 nach einer Polizeiaktion im oberen Kodori-Tal eine georgische Verwaltung errichten lassen. Die Abchasen betrachten das obere Kodori-Tal, in dem wenige tausend Menschen leben, aber als ihr Territorium.
Interfax zufolge hat Russland seine Truppen in Abchasien bereits verstärkt. Es seien dort nun mehr als 9000 Fallschirmjäger und 350 Panzer stationiert, zitierte die Nachrichtenagentur einen russischen Militärvertreter. Damit solle verhindert werden, dass russische Friedenstruppen in eine ähnliche Situation wie in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali gerieten. Nach einem Waffenstillstandsabkommen von 1994 darf Russland in Abchasien nur bis zu 3000 Soldaten stationieren.
Im südlichen Grenzabschnitt zwischen Abchasien und Georgien spitzte sich die Lage zu. Die Regierung in Tiflis sprach von russischen Bombardements auf georgische Militärstellungen im Landkreis Sugdidi. Georgische Medien berichteten von weiteren Bombenangriffen russischer Flugzeuge auf Ziele im Grenzbereich. Etwa 50 russische Bomber hätten in der Nacht zum Montag in ganz Georgien Städte und Dörfer unter Beschuss genommen, teilte die Regierung in Tiflis mit. Die Bombardierungen dauerten ungeachtet des georgischen Angebots einer einseitigen Waffenruhe an.
Außer den in Abchasien stationierten russischen Soldaten haben auch viele Einheimische in der Region einen russischen Pass. Abchasien hatte wie Südossetien Anfang der neunziger Jahre einen Unabhängigkeitskrieg gegen Georgien geführt.
Die georgische Regierung warf Russland vor, eine Invasion und die Besatzung Georgiens zu planen. Von der Nato hieß es heute, Russland setze "unverhältnismäßige" Gewalt ein und verletzte die territoriale Integrität Georgiens - Kritik gab es unter anderem auch von den USA.
In anderen Regionen und rund um Südossetien kam es ebenfalls wieder zu Gefechten. Eine Behördensprecherin in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali teilte laut Interfax mit, drei Soldaten der Friedenstruppen seien durch georgischen Artilleriebeschuss getötet worden. 18 Soldaten seien verletzt worden. Auch ein russischer General berichtete, georgische Truppen hätten Stellungen in der Nähe von Zchinwali beschossen. Georgien habe rund 7400 Soldaten in und um Zchinwali herum stationiert, meldete die russische Nachrichtenagentur RIA-Nowosti.
Der Chef des georgischen Sicherheitsrates, Alexander Lomaja, sagte, unter heftigem Artilleriefeuer hätten sich die georgischen Truppen aus Südossetien zurückgezogen und neue Positionen außerhalb der Region eingenommen.
Auch die Stadt Gori in Zentralgeorgien sei am Montag erneut aus der Luft angegriffen worden, hieß es. Berichten internationaler Medien zufolge bahnt sich dort ein neues Flüchtlingsdrama an. Russische Truppen waren am Wochenende mit Panzern nach Gori vorgedrungen.
Praktisch alle Nachrichten aus dem Kaukasus-Konflikt kommen von einer der Konfliktparteien - neutrale Meldungen gibt es kaum.
asc/dpa/Reuters/AP/AFP