Georgien-Krise und Ölversorgung "Russland ist noch aggressiver geworden"
SPIEGEL ONLINE: Medienberichte über Bombenattacken auf die BTC-Pipeline in Georgien sorgten gestern für Aufsehen. Schon vorige Woche musste die Ölröhre nach einem Feuer im osttürkischen Abschnitt geschlossen werden. Ist die Pipeline in Gefahr?
Morningstar: Noch ist unklar, ob Bombenangriffe wirklich stattgefunden haben und ob echter Schaden entstanden ist. Es gibt einige Hinweise auf ein Muster von Bombenangriffen, aber bislang dafür keine Bestätigung. Ich glaube, dass die BTC- Pipeline wegen des Feuers in der Türkei geschlossen wurde und die kleinere nach Supsa aus Sicherheitsgründen.
SPIEGEL ONLINE: Aber einige Energieexperten fürchten, dass Russland die BTC-Pipeline dauerhaft beschädigen möchte. Moskau war vehement gegen das Projekt, als Sie es in den neunziger Jahren verhandeln halfen.
Morningstar: Frust über die Pipeline herrscht in Russland sicher immer noch. Als ich bei den Verhandlungen half, sagte der ehemalige russische Außenminister Igor Ivanow bei unserem ersten Treffen zu mir: "Wir kennen Sie, und wir mögen nicht, was Sie tun." Sie ärgerten sich, dass die BTC Russland umging und eine Öltransportroute von Aserbaidschan über Georgien in die Türkei schuf. An der Haltung hat sich wenig geändert. Aber ich glaube nicht, dass die Russen die Pipeline direkt attackieren werden - das würde das Verhältnis zu den USA weiter vergiften.
SPIEGEL ONLINE: Was könnten sie denn sonst tun?
Morningstar: Wenn die Unsicherheit und Gewalt in Georgien andauert, wird es unbequem für die Pipeline-Betreiber. Es wird auch immer klarer, dass Russland noch aggressiver Energieressourcen als politisches Instrument einsetzen will, um die Entwicklungen in der Region zu beeinflussen. Sollte Russland mehr Einfluss in Georgien erhalten, könnte es die Pipeline zudem über wirtschaftliche Repressalien aushebeln - etwa in dem es Transportgebühren erhebt.
SPIEGEL ONLINE: Als Sie über die BTC verhandelten, wollten Sie sicherstellen, dass die Öl-Pipelines in der Region nicht nur durch Länder wie Russland oder Iran verlaufen. Aber ist Georgien noch berechenbar für westliche Öltransporte?
Morningstar: Das Verhalten Russlands in den letzten Wochen unterstreicht unser Argument von damals: Nicht alle Pipelines in der Region sollten durch Russland laufen. Russland sollte nicht den Ölhahn nach Belieben auf- und zudrehen können. Sicher, die Pipeline in Georgien ist nicht ohne Risiken. Aber sie ist nach wie vor der beste Transportweg für das kaspische Öl.
SPIEGEL ONLINE: Die Pipeline wird maßgeblich von großen westlichen Investoren wie BP finanziert. Sehen die das genauso?
Morningstar: Die aktuellen Entwicklungen machen die natürlich nervös. Aber es ist immer ein Abenteuer, in dieser Gegend zu investieren. Doch es gibt dort nun einmal Ressourcen, die westliche Firmen wollen - und sie werden den momentanen Schwierigkeiten trotzen, um sie zu bekommen. Außerdem muss man ja nur sehen, was ausländischen Energieinvestoren in Russland widerfährt. Dort drohen ihnen nach Belieben Repressalien. Es ist sicherlich nicht weniger riskant, in Russland in Energieprojekte zu investieren als in der kaspischen Region.
SPIEGEL ONLINE: Was für Lehren sollten die USA und Europa aus den aktuellen Entwicklungen ziehen?
Morningstar: Die Ereignisse der vorigen Woche zeigen, dass Europäer und Amerikaner ihre Energiepolitik besser abstimmen müssen. Sie müssen zusammenarbeiten, um alternative Energiequellen zu erschließen und andere Transportwege für Öl und Gas zu finden - um so die Abhängigkeit von Russland zu verringern.
Das Interview führte Gregor Peter Schmitz