Georgien nach der Niederlage "Jetzt gibt es keine Opposition mehr"

Georgiens Politikerkaste rückt nach der demütigenden Niederlage gegen Russland zusammen. Auch die Opposition gibt sich fast ausnahmslos staatstragend. In der Bevölkerung jedoch regt sich Unmut über den hitzköpfigen Staatschef - und den angeblichen Verrat des Westens.

Aus Tiflis berichtet


Tiflis - "Es ist nicht wichtig, wer in dieser Situation Präsident ist", sagt Lewan Gatschetschiladse, "jeder Georgier liebt sein Land." Bei den Präsidentschaftswahlen im Januar war er noch Herausforderer von Präsident Micheil Saakaschwili - im Angesicht der nationalen Katastrophe gibt sich der Oppositionspolitiker brüderlich.

Zwar sei die Opposition, anders als der Staatschef, immer für eine friedliche Lösung des Konflikts mit den abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien eingetreten. "Aber jetzt sind wir im Krieg, und der Krieg kennt andere Regeln. Jetzt gibt es keine Opposition mehr. Die politische Analyse wird es erst dann geben, wenn wir all dies hier gemeinsam durchgestanden haben", betont Gatschetschiladse.

Zarte Kritik am Kurs der Regierung lässt nur Salome Zurabschwili durchblicken, einst Saakaschwilis weltgewandte Außenministerin: "Es sind zuvor nicht alle diplomatischen Möglichkeiten ausgeschöpft worden. Und niemand in Georgien glaubt im Ernst, dass man einen Krieg gegen Russland gewinnen kann." Derzeit weilt Zurabschwili in Frankreich. Auch sie hält sich mit direkten Angriffen auf die Führung merklich zurück: "Ich werde den Präsidenten nicht aus Paris kritisieren. Jetzt ist nicht die Zeit, und dies ist nicht der Ort. Jetzt müssen wir alles tun, um Georgiens wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit zu verteidigen."

Ende im Desaster

Es ist paradox: Präsident Saakaschwili ging in sein Amt mit dem Versprechen, Georgiens territoriale Einheit zu sichern und die Separatisten-Regionen wieder der Zentralgewalt zu unterstellen, notfalls mit Gewalt. Das abenteuerlich anmutende Unternehmen, Südossetien zu erobern, endete in einem Desaster.

Nach Saakaschwilis Marschbefehl stellte sich die Niederlage gegen Russland demütigend schnell ein - doch selbst erklärte Gegner halten sich mit Verbalangriffen auf den Präsidenten zurück. Allein ein ehemaliger Mitstreiter des Staatsoberhauptes, Georgi Chaindrawa, fand im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" drastische Worte: "Wie wahnsinnig muss man sein, einen Krieg gegen Russland zu beginnen?"

Als Minister für Konfliktlösungen diente er lange Zeit unter Saakaschwili. Vor zwei Jahren trat er zurück – weil er den kompromisslosen Kurs seines Dienstherren gegenüber den Separatisten nicht mittragen wollte. Alle internationalen Berater hätten Saakaschwili von dem Marsch auf Südossetien abgeraten, zuletzt US-Außenministerin Condoleezza Rice: "Aber er hat in drei Tagen unser Land zerstört."

"Der Westen hat Georgien verraten - für russisches Gas"

Auch in der Bevölkerung macht sich Unmut breit über den hitzköpfigen Landesvater. Leise, aber doch vernehmbar. So wie die Stimme der zierlichen Historikerin Mariam Weschaguridse. Acht Jahre hat die 35-Jährige in Hannover Geschichte studiert. Seit zwei Jahren ist sie nun wieder in Georgien und zeigt als Reiseunternehmerin deutschen Touristen ihre Heimat. "Es geht nicht darum, ob ich für Saakaschwili bin. Er ist jetzt mein Präsident, und es geht um das Schicksal unseres Heimatlandes", bekräftigt die junge Dame. "Aber natürlich war es ein Fehler, die militärische Lösung zu suchen. Jetzt haben wir so viele Opfer zu beklagen. Das war es nicht wert."

Vater Sachary kritisiert deutlicher. Der Geistliche sitzt auf einer kleinen Veranda, zwischen Pfirsichbäumen und Weinreben, inmitten von Ruinen. Sie stammen von der alten Festung Narikala. Stolz ragte sie über der Stadt, errichtet im dritten Jahrhundert nach Christus, um Tiflis vor seinen Feinden zu schützen. Heute finden nur am Sonntag ein paar Gläubige den Weg über steinige Trampelpfade zwischen die Trümmer und in die Kirche des Heiligen Nikolai.

Sachary, 41 Jahre alt, struppiger roter Bart und von wohlgenährter Statur, beißt herzhaft in einen saftigen Pfirsich. "Tja", seufzt er, "Europa will eben auch im Winter in warmen Stuben sitzen." Für das russische Gas habe der Westen Georgien verkauft und verraten: "Europa und Amerika werden niemals für Demokratie und Freiheit kämpfen, das haben wir jetzt gesehen. Sie haben ja schon bei unseren Wahlen beide Augen fest geschlossen." Damals wurde Präsident Saakaschwili von Seiten der Opposition vorgeworfen, die Wahlergebnisse manipuliert zu haben.

"Jetzt sitzen wir in der Falle"

Sachary spricht vom Krieg, von den Toten, und davon, dass es jetzt gelte, wenigstens den diplomatischen Kampf zu gewinnen. Der Kirchenmann in der grauen Robe inspiziert eingehend die kleine Wirtschaft, die sein Gotteshaus versorgt. Den Bottich mit duftendem Honig, den Schuppen des Goldschmieds, der kunstfertig kleine Kreuze anfertigt, für den Verkauf in der Kirche und den Bienenwachs für die Kerzen.

Erst in der kühlen Stille seines Gotteshauses aber will ihm der Name seines Präsidenten über die Lippen kommen: "Saakaschwili wird keine ernsthaften Probleme bekommen, solange es keine Alternativen zu ihm gibt - nämlich Politiker von Format." Vielleicht sei es ein Fehler gewesen, sich so unvorbereitet in dieses militärische Abenteuer zu stürzen. "Jetzt sitzen wir in dieser Mausefalle", murmelt Sachary und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Vielleicht wäre die Tragödie zu verhindern gewesen – wenn nicht der eine Mann an der Staatsspitze nach Belieben schalten und walten könnte, glaubt Sachary: "Wir haben es seit der Revolution nicht geschafft, die Formel für einen demokratischen Staat zu verwirklichen. Und diese Formel heißt Balance - durch Gewaltenteilung."

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