Georgien Schewardnadses letztes Gefecht

Großdemonstration gegen Eduard Schewardnadse: Die Lage ist explosiv. Auf der Prachtmeile Rustaweli-Prospekt stehen sich bewaffnete Polizisten und wütende Demonstranten gegenüber. Die Massen fordern den Rücktritt des georgischen Präsidenten. Es fielen bereits Schüsse.

Von Fritjof Meyer


Eduard Schewardnadse bei einer Anti-Schewardnadse-Demo
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Eduard Schewardnadse bei einer Anti-Schewardnadse-Demo

Mut hat der Mann. Mitten in seiner Landeshauptstadt Tiflis mischt sich die weithin sichtbare Silberlocke in eine wütende Menge, die seinen Sturz fordert. Der 75-jährige Eduard Schewardnadse versucht zu diskutieren. Doch sein zerrissenes Land bekommt der Mann, der zusammen mit Gorbatschow einst eine Zeitenwende einleitete, nicht mehr in den Griff.

Bei den Zusammenstößen zwischen Protestierern und der Polizei ist es bereits zu Schießereien gekommen. Unbestätigten Berichten zufolge soll es dabei Tote gegeben haben.

Keiner will den Präsidenten mehr anhören. Seit der Wahl am 2. November reißen die Proteste gegen den Staatschef Georgiens nicht mehr ab. Die "Nationale Bewegung" und die ebenfalls in der Opposition stehende "Partei der Demokraten" wirft der Regierung vor, die Ergebnisse zu Gunsten der Schewardnadse-nahen "Partei für ein neues Georgien" gefälscht zu haben. Die soll nach vorläufigen Ergebnissen als stärkste Kraft einen Anteil von etwa 20 Prozent errungen haben. Keiner glaubt es.

"Es gibt keine Alternative zu Schewardnadses Rücktritt", sagte Oppositionsführer Michail Saakaschwili , Parteichef der "Nationalen Bewegung", "wir kämpfen für eine Zukunft." Für den Freitagnachmittag hat er zu einer Großkundgebung vor dem Parlamentsgebäude in Tiflis aufgerufen. Schewardnadse dagegen bittet die Opposition zum Dialog, warnt aber gleichzeitig unverblümt vor weiteren Demonstrationen: "Ich bin bereit, mit jedem zu reden, es möge nur keinen Bürgerkrieg geben", sagte der 75-Jährige am Freitag in einer Fernsehansprache.

Eduard Schewardnadse, der Verwegene, hat wechselnde Erfahrungen im Umgang mit politischen Gegnern. Mehrere Attentate wurden schon auf ihn verübt, nicht umsonst fährt er einen gepanzerten Mercedes. Den ersten schenkte ihm die Firma Daimler Benz, den zweiten die deutsche Regierung, nachdem der erste explodiert war.

Seit über 30 Jahren herrscht Schewardnadse über Georgien

Mit Unterbrechungen ist er seit über 30 Jahren Herr von Georgien, eines Landes, das wegen seines strategischen Schnittpunkts im Kaukasus schon oft zum Objekt der Begierde vieler Großmächte wurde. Von 1972 bis 1985 regierte er die Gartenrepublik als Parteichef der örtlichen KPdSU von Moskaus Gnaden, seit 1992 als Präsident, schließlich sogar mehr oder weniger frei gewählt.

Schon zu Sowjetzeiten trat Schewardnadse einmal einer ungenehmigten Kundgebung von Studenten gegenüber, welche Georgisch als gleichberechtigte Staatssprache neben dem Russisch der Okkupanten forderten. "Meine Kinder", begann sein Zureden. "Wir sind nicht deine Kinder", schrieen die Protestler, drehten sich um und zeigten ihm ihre nackte Kehrseite.

Doch weil dieser Landesvater klug ist, reist er sogleich nach Moskau und setzt geschickt den Protestler-Wunsch durch. Wenn er nämlich nicht gerade in Zorn gerät, wirkt seine diplomatisch sanfte Stimme sehr überzeugend.

Doch dieser Landsmann Josef Stalins vermag auch äußert hart zu handeln. Vor seinem Amt als Parteichef Georgiens war er Innenminister im Rang eines Polizeigenerals und räumte in dem klassischen Reich der Korruption kräftig auf. Heute bedauert er, dass 1997 in Georgien die Todesstrafe abgeschafft wurde, weil es sonst "Probleme mit dem Europarat gegeben hätte". Die galoppierende Kriminalität im Lande lasse sich mit "übermäßig liberalen Gesetzen" nicht bewältigen.

Als im Revolutionsjahr 1989 auch in Georgien die Massen nationale Unabhängigkeit einforderten, ließ er - mittlerweile als Gorbatschows Außenminister - zu, dass sein Nachfolger an der Spitze der Georgien-KP Giftgas einsetzte. Es gab Tote.

Schewardnadse war schon am Tag zuvor heimlich nach Tiflis gekommen. Das enthüllte gestern der damalige Georgien-Parteichef Dschumber Patiaschwili, der 1995 erfolglos gegen Schewardnadse kandidierte und heute sich mit seiner kommunistischen Nachfolgepartei "Einheit" wieder gegen Schewardnadse stellt. Damals, hatte Schewardnadse über das Massaker mitzubestimmen, er gehörte dem Kabinett an.

Schewardnadse traf Michail Gorbatschow, als der noch der lokale Parteichef des Georgien benachbarten Gebiets Stawropol war. Im Winter 1984, wenige Monate vor Gorbatschows Berufung zum Generalsekretär in Moskau, hatten die beiden einander den Niedergang der Weltmacht UdSSR bestätigt: "Alles ist durch und durch faul."

Der Architekt der deutschen Wiedervereinigung

Erdbeben in Georgien: Bitterarmes Land
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Erdbeben in Georgien: Bitterarmes Land

Zwei Jahre später waren sich die Seelenverwandten auch einig über die Zukunft Deutschlands. Es sei "nicht hinzunehmen, dass dieses deutsche Volk weiterhin zerrissen ist". Mit geschickten Winkelzügen trickste das Duo die konservativen Kräfte im Kreml und die Einigungsgegner in Europa aus und setzten die Wiedervereinigung Deutschlands durch. Gleichzeitig betrieb das Glasnost-Paar den Abzug aller Sowjettruppen aus Osteuropa und aus Mittelasien samt Afghanistan.

Nach dem Ende der UdSSR ging Schewardnadse nicht auf das fällige Altenteil, sondern kehrte in das vom Bürgerkrieg zerrissene Tiflis zurück, übernahm gewaltsam die Macht, um ein blühendes Georgien aufzubauen. Das misslang.

Im Land herrschen bis heute Armut und Anarchie. Der Staat kann nur ein Siebentel der Steuern eintreiben. Die meisten der fünf Millionen Einwohner sind arbeitslos, 700.000 suchen Beschäftigung in Russland. Die Monatsrente ist fünf Euro wert. Das Elektrizitätsnetz hat eine US-Firma an das russische Monopol verkauft, häufige Stromsperren sind die Folge. Das Erdöl kommt von Russlands Gasprom, oder es kommt auch hin und wieder nicht. Kredite kommen aus den USA, oder auch nicht. Der Internationale Währungsfonds hat sein letztes Darlehen storniert.

Georgien - ein Staat in Auflösung

Schewardnadses Staat zerriss. Die Provinzen Abchasien und Süd-Ossetien, Anrainer Russlands, sagten sich los. Schewardnadse führte Krieg zur Wiedergewinnung Abchasiens, der 10.000 Tote kostete und verloren ging. Russische Friedenstruppen rückten in Abchasien ein.

Als tschetschenische Partisanen das Pankisi-Tal im benachbarten Georgien zur Rückzugsstellung missbrauchten, ließ Moskau Bomben werfen. Schewardnadse stationierte daraufhin amerikanische Militärberater: Er setzte auf die USA, auf Europa, die Nato.

Doch auch die wirtschaftlichen und sozialen Probleme bekam er nicht in den Griff. So stellen sich nun auch seinen internen Widersacher gegen ihn, angeführt von seinem früheren Justizminister Micheil Saakaschwili, 35. Der Oppositionsführer wirft seinem politischen Ziehvater neben Wahlfälschung auch Korruption vor, weil dessen Verwandte in prachtvollen Villen untergekommen seien, die Tochter Film und Fernsehen kontrolliere und der Schwiegersohn ein Drittel des Mobilfunks Magti besitze.

Schewardnadse will nicht zurücktreten: Seit 30 Jahren Herrscher über Georgien
REUTERS

Schewardnadse will nicht zurücktreten: Seit 30 Jahren Herrscher über Georgien

Saakaschwili kündigte Schewardnadse das Schicksal des rumänischen Diktators Ceausescu an, den samt Ehefrau ein Standgericht 1989 hatte erschießen lassen. Trotzdem zaudert der Westen mit Beistand. Da spiele der alte, krebskranke Fuchs Schewardnadse noch einmal russisches Roulette: Er verbündet sich mit dem frechsten Wahlfälscher (95 Stimmenprozente für seine Partei) Aslan Abaschidse in der an die Türkei grenzenden Muslim-Provinz Adscharien. Der von Russland gestützte Diktator fordert Beteiligung an der Macht in Tiflis. Im Gegenzug ließ er 15.000 Untertanen zu einer Großkundgebung mit Schewardnadse antreten, auf der er den Fortbestand Georgiens, Schewardnadses und seiner eigenen Macht verkündete.

Es ist Schewardnadses letztes Gefecht. In seiner Verzweiflung sucht er nun auch Hilfe bei Russland, das auf Grund längst abgelaufener Verträge zwei Militärstützpunkte auf georgischem Boden unterhält. Am Montag beriet er sich mit dem russischen Botschafter. Dann telefonierte er mit Präsident Wladimir Putin, und der sagte "jede mögliche Unterstützung" zu, und zwar "durch alle Mittel". ---------------



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