Millionen Tonnen Beton ruhen unter den Füßen von Anteneh Mesfin. Der 29-jährige Ingenieur steht auf der 155 Meter hohen Stau­mauer der Grand-Ethio­pian-Renais­sance-Tal­sperre (Gerd) im Sonnen­licht. Und lächelt.

Ganz weit unter Anteneh glänzt der Blaue Nil, ein breiter, mächtiger Fluss. Noch. Denn sehr bald schon werden Anteneh und seine Kollegen dem braunen Strom hier den Weg ab­schnei­den, das ist ihr Plan.

Der junge Ingenieur streckt den Arm aus, deutet auf das zehn Kilo­meter breite Niltal, durch das ein Hirte seine Ziegen führt, die von hier oben winzig aus­sehen. »All das«, sagt er und hält inne, »all das wird der Abbai über­fluten.«

Anteneh arbeitet auf der wohl heißes­ten Bau­stelle Afrikas. Wenn der See einst voll ist, wird er drei Mal so groß sein wie der Boden­see, stellen­weise mehr als hundert Meter tief. Sein Wasser­druck soll 16 Turbinen drehen, die unter Ideal­bedin­gungen mit 6000 Mega­watt Leistung Strom gewin­nen. Kein Kraft­werk in Europa schafft das.

Auf einen Schlag ließe sich der ganze Bedarf des 105-Millionen-Landes decken. Und es bliebe sogar noch Strom übrig für den Export.

Kritiker des Gerd-Baus wenden ein: Mit Solarzellen könnte man für das gleiche Geld genauso viel Energie erzeugen. Und dafür deut­lich weniger Platz brauchen. Aller­dings: Während Süd­afrika vor allem weiter­hin Kohle verbrennt, Kenia von der Atom­kraft träumt und Nigeria im Dunst der Diesel­genera­toren röchelt, wird Äthiopien mit Gerd zu 100 Prozent erneuerbar.

Visualisierung: Deutsches Zentrum für Luft- und Raum­fahrt, Earth Observation Center

Der Blick aus dem All zeigt, woran Afrikas wirt­schaft­liche Entwick­lung bislang auch krankt. Abge­sehen von einigen Städten ist es ein dunkler Konti­nent. Mag sein, dass vor allem mit Chinas Geld gerade viele Asphalt­straßen, Schienen und Wolken­kratzer ent­stehen. Ohne Elek­trizi­tät aber kommt keine nennens­werte Industrie in Gang, ob digital oder produ­zierend. Es fehlt Strom, ohne den kein Land zu einem der viel beschwo­renen afrika­nischen Tiger­staaten werden kann. Deshalb der Damm.

Die Sorgen der Land­bevöl­kerung wirken winzig neben solchen großen Zielen. Anteneh zeigt die jäh vor ihm abfallende Stau­mauer hinunter auf den Mann mit seinen Ziegen: »Die Hirten werden hier nicht mehr sein. Sie werden ein Boot brauchen.«

IIWenn das Wasser kommt

Die Bewohner des Ortes Erring am Nilufer, 30 Kilo­meter vom Damm, schöpfen das Wasser einfach ab. Sie lassen es ruhen, bis die Sedimente im Plastik­kanister ab­sinken, ehe sie davon trinken. Teha Abdilahi, 50, schlürft aus einer flachen Metall­schüssel, auf deren Grund noch ein paar Sand­körner tanzen. Dann reicht er die Schale weiter. Der Nil schmeckt köstlich.

Wasser ist Leben. Das Nilwasser aber, das Teha und seine Familie genauso schöpfen wie ihre Vor­fahren, wird in Erring bald das Ende des Lebens bedeuten, wie sie es kennen:

Teha und seine Nachbarn gehören zum Volk der Gumuz. Die Männer sitzen auf einem gefloch­tenen Bett­gestell unter einem Sonnen­dach und erklären, was der Fluss für sie bedeu­tet: Die Frauen waschen Gold, vom Rand schlagen junge Männer Salti ins Wasser, sie fischen. Und manch­mal, da gehen sie auf Krokodile, mit suda­nesischen Schnüren und Angel­haken, sagt Teha. Doch schon bald wird das Wasser steigen.

Visualisierung: Deutsches Zentrum für Luft- und Raum­fahrt, Earth Observation Center

An der Staumauer gurgelt das braune Wasser in der Trocken­zeit durch zwei Durch­lässe am Fuß der Stau­mauer hin­durch, unge­hindert. Sonst hat der Damm keine Lücke mehr, die nied­rigste Stelle der Tal­sperre misst schon 25 Meter. Trotz offener Durch­lässe entstand so in der Regen­saison 2018 bereits ein großer See, und das Wasser stürzte in einem enormen Schwall über die niedrigste Stelle der Sperranlage.

Nach der Regen­zeit soll die Mauer auf über 60 Meter wachsen. Die ersten beiden Turbinen könnten dann schon Ende 2020 Strom produ­zieren. Dann ist es um Erring geschehen.

»Wenn das Wasser kommt, gehen wir natür­lich«, sagt Teha. Er und seine Familie müssen dann um­siedeln, ganz gleich, ob das seiner Frau und seinen beiden Töchtern nun gefällt oder nicht. »Sie gehen dahin, wo auch ich hin­gehe. Sie können schließ­lich nicht unter Wasser leben.«

IIIDer Flutungsplan

Wer bleiben und wer gehen muss - Ephrem Woldekidan ist der Mann, der das ent­scheidet. Der 42-Jährige ist leitender Ingenieur des Mega­projekts Gerd. »Wer von der ersten Füll­stufe betrof­fen sein wird, wurde bereits umge­siedelt«, sagt er.

Und der Zeit­plan steht - im Dezem­ber 2020 sollen die ersten Turbinen laufen:

Wie viele Bewohner in dem Tal leben, das unter dem bis zu 120 Kilo­meter langen und bis zu 50 Kilo­meter breiten See ver­schwin­den soll, ist um­stritten: Ephrem, und damit die Regierung, nennt 5000 Menschen. Die meisten davon seien umge­siedelt. Wer aller­dings im April dieses Jahres durch das Tal fährt, sieht noch immer Menschen dort, die Vieh hüten, vor ihren Hütten arbei­ten, im Schatten dösen.

Vertreter der Gemeinden im Tal sprechen von mindes­tens 15000 Menschen, eine Erhebung der US-Wis­sen­schaft­lerin Jennifer C. Veilleux ging vor einigen Jahren sogar von 20000 Betroffenen aus. Genaue Zahlen zu erheben, ist schwierig. Mehrfach sollen äthio­pische Behörden Recher­chen im Tal unter­bunden haben, melden Menschen­rechts­akti­visten der Orga­ni­sation Inter­national Rivers.

Wie wenig die äthiopische Regierung bei Fort­schritts­projekten die Betroffenen interes­sieren, hat sie schon an anderer Stelle gezeigt: Ein Agrar­industrie- und Dammprojekt im Süd­westen, im Tal am Unter­lauf des Omos, endete mit Ver­trei­bungen und nie gezahlten Ent­schä­di­gungen, berichtet der US-ameri­kanische Thinktank Oakland Institute.

Das größte Problem aus Regierungs­sicht ist vor allem: Keiner weiß bis­lang, wann der Stausee wirklich voll genug sein wird, um genug Strom zu gewinnen. Erst die enorme Wucht des Blauen Nils zur Regen­zeit zwischen Juni und September macht den eigent­lichen Nil nach dem Zusammen­fluss mit dem Weißen Nil im Sudan zu dem, was er ist: die Lebensader für Sudan und vor allem für Ägypten. Und deshalb gibt es Streit.

IVKampf ums Wasser

Eine äthiopische Studie hat schon 2014 gezeigt: Ägypten wird durch den neuen See verlieren.

Während der Stausee voll­läuft, bleibt viel Wasser in Äthiopien zurück. Trotz anderer Zuflüsse wird Ägyptens Assuan-Staudamm, bislang Afrikas größtes Wasser­kraft­werk, in den Jahren der Füllung etwa zwölf Prozent seiner Leistung einbüßen. Damit ist Ägypten nach wie vor nicht ein­ver­standen.

»Ich schwöre bei Gott, wir werden euch nicht schaden«, versprach Äthiopiens Premier Abiy Ahmed 2018 wenige Wochen nach seinem Amts­antritt in Kairo dem ägyptischen Präsi­denten Abdel Fattah el-Sisi auf Arabisch. Es nützte nichts.

Weil Ägypten den äthiopischen Berech­nungen nicht traut, erstellt ein Verbund zweier franzö­sischer Inge­nieurs­firmen im Auftrag der drei Länder einen neuen Vor­schlag, wie der See ver­träglich für die Nach­bar­staaten gefüllt werden soll. Seit 2016 geht das, eine Einigung steht noch aus.

Ein weiteres Problem sind die immen­sen Kosten. Sie explo­dierten vor allem durch Korrup­tion und das Unver­mögen des staat­lichen Auftrag­nehmers Metals and Engi­neering Corpo­ration (Metec). Monate­lang stand die Bau­stelle in den ver­gange­nen Jahren still, weil der Staats­betrieb unter Kon­trolle des Militärs zwar viel versprach, aber wenig lieferte.

Zahlreiche Metec-Manager wurden ver­haftet, der Staats­betrieb hat den Auftrag ver­loren, chine­sische Firmen springen ein. Der lang­jährige leitende Ingenieur Simegnew Bekele, für viele Äthiopier der Vater des Projekts, saß Ende Juli 2018 mit einer Schuss­wunde im Kopf tot in seinem Auto, das mitten in der Haupt­stadt parkte. Die offi­zielle Erklärung: Selbst­mord.

Im April 2019 machte Abiy einen Kassen­sturz: Drei Mil­liar­den Euro hat der Damm bis­lang gekostet, am weites­ten ist man mit den Beton­arbeiten, insge­samt sei der Damm laut Regie­rungs­anga­ben zu zwei Dritteln fertig.

Bei der Geld­beschaffung war die Regierung kreativ: Mehrere Jahre lang behielt Äthio­pien von allen Bürgern im Staats­dienst - Soldaten, Polizisten, Lehrer und auch von Inge­nieuren, die auf der Damm­bau­stelle schwitzen - einen kom­pletten Monats­lohn ein. Hinzu kamen eine Lotterie, ein Beitrag pro Schul­kind und Jahr und der Verkauf von Staats­anlei­hen im In- und Ausland.

Jetzt sollen die Menschen noch einmal zahlen, mehr als zuvor: Um 2022 die Mauer mit allen Turbinen zu voll­enden, verlangt die Regierung von ihren Bürgern noch einmal knapp vier Mil­liar­den Euro mehr.

So sehr die Äthiopier ihren Damm lieben, mehr zahlen wollen viele nicht. Selbst die englisch­spra­chige Regie­rungs­zeitung »The Ethiopian Herald« meldete, 48 Pro­zent der Bevölkerung seien laut einer Umfrage dafür, die Regierung solle ohne ihr Geld weiter­bauen. Das dürfte unter­trieben sein.

In politisch unruhigen Zeiten aber braucht die Regierung den Damm, vielleicht mehr denn je, als nationales Symbol. Regie­rungs­chef Abiy kämpft aktuell um die Einheit Äthio­piens. Er hat bei Metec aufge­räumt, Brücken zu alten Feinden gebaut. An einem hält Abiy aber fest: Der Grand-Ethiopian-Renais­sance-Damm wird fertig gebaut. Koste es, was es wolle.

Als der junge Ingenieur Anteneh vor drei Jahren das erste Mal die Mega­bau­stelle betrat, konnte er zwischen den beiden Mauer­enden noch hin­durch­spazieren. Auch den Still­stand der Metec-Jahre hat er erlebt. Jetzt ist die Mauer fast dicht, mit aktuell 4000 Arbeitern geht es voran mit dem Schweißen, Kabel­legen, Beton­gießen. Später am Tag muss Anteneh einen hydrau­lischen Zylinder über­prüfen, frisch ein­ge­troffen aus Italien.

An die Sorgen der Tal­bewohner, den Streit mit Ägypten, das fehlende Geld, denkt er nicht. Er hat Großes vor:

AutorChristoph Titz
Videos & Fotos, SchnittJulian Busch
GrafikLorenz Kiefer, Cornelia Pfauter
ProgrammierungLorenz Kiefer, Chris Kurt, Dawood Ohdah
SchlussredaktionLutz Diedrichs
DokumentationCordelia Freiwald
RedaktionJens Radü

Zusätzliches Bild- und VideomaterialDLR, Salini Impregilo

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