Russischer Oppositioneller über Ex-Kanzler "Schröder wird zu einem Instrument des Kreml"

Gerhard Schröder wird Aufsichtsrat bei Rosneft. Der Konzern diene vor allem den Interessen des Kreml, sagt der russische Oppositionelle Wladimir Milow. Der Ex-Kanzler solle das Image des Unternehmens aufpolieren.

Gerhard Schröder
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Gerhard Schröder

Ein Interview von , Moskau


Zur Person
  • imago/ ITAR-TASS
    Wladimir Milow, geboren 1972, Energieexperte und Oppositionspolitiker in Russland. Studium am Moskauer Bergbau Instituts. Arbeit für die Regierung unter Vizepremier Boris Nemzow ab 1997. Berater des Energieministers 2001 bis 2002. 2002 Vize-Energieminister. Nachdem Präsident Wladimir Putin seinen Reformplan für den staatlichen Monopolisten Gazprom ablehnt, verlässt Milow die Regierung. Gründung des Instituts für Energiepolitik. Engagement in der Opposition, Chef der Partei "Demokratische Wahl".

SPIEGEL ONLINE: Gerhard Schröder sagt, er könne nicht beurteilen, warum Rosneft ihn für den Aufsichtsrat vorgeschlagen habe. Was glauben Sie: Warum ist der Ex-Bundeskanzler so interessant für den Ölkonzern?

Wladimir Milow: Schröder versucht, sich naiv zu geben. Er ist doch ein erfahrener Politiker. Er versteht sehr gut, was Rosneft-Chef Igor Setschin braucht. Setschin will zeigen, dass Rosneft, an dem der russische Staat die Mehrheit hält, keine Filiale der Putin-Verwaltung ist, die zuständig für Erdölgeschäfte ist. Sondern eben ein international legitimer Konzern, der alles hat, was dazugehört: Aktionäre und unabhängige Direktoren im Aufsichtsrat, ein Gremium, das international besetzt ist. Setschin will, dass Rosneft das Ansehen eines Weltkonzerns zurückgewinnt, und dazu braucht er Schröder - zur Imagepflege.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Kontakte Schröders für Rosneft dabei wichtig?

Milow: Ich glaube nicht, dass sich Setschin und Putin große Illusionen über die heutigen Möglichkeiten Schröders machen. Er gehört nicht mehr zu dem Kreis derjenigen, die großen politischen Einfluss haben. Setschin und Putin machen sich Sorgen um den Ruf Rosnefts, der Konzern soll wieder respektiert werden. Das Ansehen von Rosneft ist schwer angeschlagen, auch wegen der Sanktionen infolge des Ukrainekrieges. Ein ehemaliger Bundeskanzler Deutschlands ist deshalb eine wertvolle Person für den Kreml.

SPIEGEL ONLINE: Schröder soll auf Wunsch der russischen Führung unabhängiger Direktor werden, seine Wahl am 29. September gilt als Formalie. Was werden seine Aufgaben sein?

Gerhard Schröder (r.) mit Rosneft-Chef Igor Setschin
AP

Gerhard Schröder (r.) mit Rosneft-Chef Igor Setschin

Milow: In einem normalen Konzern schützt ein unabhängiger Direktor die Rechte der Aktionäre, stellt Entscheidungen des Konzerns infrage, setzt sich mit der Arbeit des Managements auseinander.

SPIEGEL ONLINE: Und bei Rosneft?

Milow: Bei Rosneft stimmen alle Aufsichtsratsmitglieder geschlossen für die Entscheidungen, die von der politischen Zentrale, dem Kreml, hinter verschlossenen Türen getroffen werden. Sie nicken sie ab. Kein einziges Mal hat ein unabhängiger Direktor bei Rosneft je eine Entscheidung der Führung infrage gestellt. Das gilt im Übrigen auch für die Vertreter der Minderheitsaktionäre im Aufsichtsrat: BP sowie Glencore und der Investitionsfonds Katar.

SPIEGEL ONLINE: Würde Schröder mit seiner neuen Aufgabe bei Rosneft näher an Putin rücken?

Milow: Ich gehe davon aus, dass Schröder jederzeit die Möglichkeit hat, sich mit Putin zu treffen. Wenn er aber verlangen würde, etwas bei Rosneft zu verändern, wird er dazu keine Möglichkeit bekommen. Bei Rosneft ist alles durch Putin, Setschin und ihre nähere Umgebung festgelegt. Schröder wird in dem Konzern nur eine zweitrangige Rolle spielen; er wird ein angesehenes, westliches Aufsichtsratsmitglied darstellen, mehr nicht. Ihn kann man vorzeigen: Seht her, wir haben westliche Politiker bei uns im Gremium von Rosneft. Bei uns kann es gar nicht so schrecklich sein.

SPIEGEL ONLINE: Macht er sich damit zu einem Diener von Putin, wie Kritiker in Deutschland sagen?

Milow: Ja, er wird zu einem Instrument des Kreml. Er sollte das eigentlich verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Dass das Image von Rosneft so schlecht ist, liegt nicht nur an den Strafmaßnahmen, sondern auch am Vorgehen von Chef Setschin.

Milow: Setschin hat den Ruf von einem, der sich nicht scheut, die Silowiki (Anmerkung d. Redaktion: Mitglieder aus Armee und Geheimdiensten) einzuspannen, um seine Geschäftsziele durchzusetzen. Das ist schon seit Jahren so. Der Konzern Rosneft ist das, was er heute ist, weil er sich wichtige Anteile des Unternehmens Yukos nach dessen Enteignung einverleiben konnte. Das wurde nur möglich durch - sagen wir - Anwendungen von verschiedenen "Silowiki-Prozeduren".

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Monaten ist einiges zusammengekommen, Rosneft kommt nicht aus den Schlagzeilen: Ex-Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew steht vor Gericht, weil er angeblich von Setschin zwei Millionen Dollar erpresst haben soll für die Zusage zu einem Geschäft. Rosneft hat vor Gericht gerade eine Entschädigung über 1,95 Milliarden Euro vom russischen Mischkonzern AFK Sistema zugesprochen bekommen, Sistema will dagegen vorgehen. Kann Setschin noch lange so schalten und walten, wie er will?

Milow: Ja, es sieht danach aus. In der Branche spricht man schon länger davon, dass sich Setschin auch gerne den privaten Konkurrenten Lukoil einverleiben würde.

SPIEGEL ONLINE: Müsste Schröder all das nicht bewusst sein, er kennt Russland schon länger?

Milow: Ich denke, er versteht bestens, wie das System in Russland funktioniert. Er ist bei der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 1 und 2 dabei. Beides sind hundertprozentige Töchter von Gazprom, an dem der russische Staat ebenfalls die Mehrheit hält. Schröder weiß, worauf er sich da einlässt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, das Ansehen Rosnefts soll verbessert werden. Gehört zu dieser Strategie auch die Eröffnung des neuen Rosneft-Büros in Berlin?

Milow: Ja, natürlich. Die Regierung bemüht sich sehr darum, ihr Image vor allem in Europa aufzupolieren. Es werden viel Geld und enorme Ressourcen in die Unterstützung verschiedener Politiker und Unternehmer investiert, die sich zum Beispiel auch darum bemühen, dass die Sanktionen gegen den Konzern aufgehoben werden. Russland will, dass die Menschen ihre Einstellung gegenüber Putin ändern, Europäer und US-Amerikaner werden dabei gegeneinander ausgespielt.

SPIEGEL ONLINE: Rosneft ist also eine Art Ölministerium des Kreml?

Milow: Das kann man so sagen. Zum einen werden politische Ziele verfolgt, das sehen wird zum Beispiel daran, was in Venezuela passiert. Rosneft kauft venezolanisches Öl gegen Vorauszahlung und zu einem nicht marktgerechten Preis, nur um das Regime von Maduro zu unterstützen. Zum anderen sichern die Profite aus anderen Rosneft-Geschäften die Pfründe der Staatsführung.

SPIEGEL ONLINE: Schröders neuer Job wird von der russischen Opposition kaum thematisiert, wieso eigentlich?

Milow: Ach wissen Sie, über Setschin und Rosneft, dessen Ineffizienz und Korruption, reden wir jeden Tag. Schröder hat keine große Bedeutung mehr, auch seine Partei in Deutschland nicht. Vor einem halben Jahr war das noch anders, aber heute hat die SPD kaum eine Chance, die Regierung zu stellen. Schröder oder Marine Le Pen - das sind doch nur weitere Namen von Leuten aus dem Westen, die der Kreml einbindet. Wie diese Personen letztendlich heißen, ist eigentlich egal.

Mitarbeit: Wladimir Schirokow

insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
Nonvaio01 23.08.2017
1. und?
Geld stinkt nicht, und wer am meisten hat hat gewonnen. Das Schröder scon immer gerne mit den Russen zusammen gearbeitet hat is ja kein geheimnis, und was er als Privat man macht ist doch egal. Ich finde es wesentlich schlimmer wenn aktuelle politiker in vorstaenden von Firmen sind. Das solle verboten werden da dadurch keine objective entscheidung fuerdaswohl des Landes mehr getaetigt wird, sondern fuer daswohl der Firma. Siehe VW und Niedersachsen.
th.diebels 23.08.2017
2. ich bin bestimmt kein Schröder-Fan
aber ein gutes Verhältnis ist tausendmal besser als Merkels Schmoll-Attacken !
twister13 23.08.2017
3. Ehrlich
Wie schlecht muss es eigentlich einem deutschen Ex-Kanzler gehen dass es sich in diese russische Jauchegrube begeben muss. Gab es keinen Posten als Frühstücksdirektor bei einem deutschen Konzern? Man muss sich als deutscher schon schämen dass sich ein Bundeskanzler dermassen kaufen lässt. Merkel käme wohl nie auf die Idee den Dackel für Putin zu machen. Welch ein Unterschied.
Berg 23.08.2017
4.
Uns geht es nicht ums Aufpolieren einer russischen Firma, sondern darum, dass mit Schröders Engagement das Verhältnis zu Russland wieder etwas belebt wird. So ein Signal haben die deutsch-russischen Beziehungen bitter nötig! Immerhin hat auch MP Tillich den Kontakt zu St. Petersburg nicht abreißen lassen, sein Besuch dort liegt allerdings einige Zeit zurück.
jaspertk 23.08.2017
5.
Nein - eigentlich finde ich es etwas beschämend was der Ex-BK hier macht. Aber: ich möchte mal erinnern welche Ex-Politiker sich einen schönen Posten bei Daimler, der DB oder auch bei LH etc. verschafft haben. Aber wie der Vorschreiber schon meinte: Pekunia non olet! Aber das war das Toiletten-Geld das im alten Rom verlangt haben (oder war es Pompei?
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