Nordirland Polizei lässt Sinn-Fein-Chef Adams ohne Anklage frei

Sinn-Fein-Chef Gerry Adams ist wieder frei: Die Polizei hatte den nordirischen Politiker seit Mittwochabend in Gewahrsam, um ihn zu einem 40 Jahre zurückliegenden Mordfall zu befragen. Der Politiker wurde nicht angeklagt.

AP/dpa

Belfast - Der nordirische Politiker Gerry Adams ist nach viertägigem Polizeiverhör freigelassen worden. Dies teilte die Polizei am Sonntagabend mit. Anklage wurde nicht erhoben. Allerdings wurde seine Akte zur Prüfung an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, sagte ein Sprecher der Polizei.

Der 65-jährige Adams, der Vorsitzende der pro-irischen Partei Sinn Fein, hatte sich am vergangenen Mittwoch freiwillig zu der Befragung bei der Polizei in der Stadt Antrim gemeldet. Adams habe der nordirischen Polizei bereits einen Monat zuvor mitgeteilt, dass er bereit sei, auszusagen, teilte die Partei anlässlich seiner Festnahme am Mittwochabend mit.

Adams war verdächtigt worden, an der Entführung und Ermordung einer zehnfachen Mutter im Jahr 1972 beteiligt gewesen zu sein. Er bestritt jede Beteiligung an der Tat, die auf das Konto der früheren Untergrundorganisation Irisch-Republikanischen Armee (IRA) ging: Die Nordirin Jean McConville war damals entführt und von der IRA umgebracht worden. Diese hatte sie fälschlicherweise der Weitergabe von Informationen an britische Stellen bezichtigt. Ihr Leichnam wurde erst 2003 gefunden.

"Gerechtigkeit"

Vor der Polizeistation fanden sich am Abend Demonstranten ein, die mit Plakaten und britischen Flaggen gegen Adams' Freilassung protestierten und "Gerechtigkeit" für die Opfer des langjährigen Konflikts forderten. Zuvor hatten am Samstag in Belfast Hunderte Menschen gegen die Festnahme von Adams protestiert.

Die Vorwürfe gegen Adams sind bereits seit 2008 bekannt. Dass die Polizei erst jetzt tätig wurde, hängt mit einem besonderen Forschungsprojekt zusammen. Im Rahmen des Boston College Belfast Project befragen US-Forscher frühere IRA-Kämpfer und protestantische Milizen zu ihren Handlungen in dem dreißigjährigen Bürgerkrieg. Die Bedingung aller Beteiligten: Ihre Aussagen werden erst nach ihrem Tod veröffentlicht.

2008 nun war Brendan Hughes gestorben, der ehemalige IRA-Kommandeur von Belfast. Er hatte zu Protokoll gegeben, dass Adams ein IRA-Anführer war und das Verschwinden McConvilles angeordnet hatte. Die explosive Nachricht fand umgehend den Weg in die Medien. Doch die nordirische Polizei musste sich den Zugang zu den Dokumenten erst vor US-Gerichten erstreiten. Seit sie die Aufzeichnungen vorliegen haben, sind die Ermittler in den vergangenen Monaten tätig geworden.

Dass Adams in dieser Woche zunächst hinter Gittern blieb, schürte in den vergangen Tagen die Angst vor einer Destabilisierung des noch immer fragilen nordirischen Friedensprozesses. Denn ein Verfahren gegen ihn wäre eine Zäsur in einem Land gewesen, das auf allen Seiten der politischen Macht von Belasteten regiert wird. Genau das hat eine echte Aufarbeitung der blutigen Vergangenheit der Unruheprovinz bisher verhindert. Bis heute gibt es kein staatliches Museum in Nordirland, das eine Darstellung der eigenen unmittelbaren Vergangenheit wagt.

bos/dpa/AFP



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