Gescheiterte Entwicklungshilfe Wie Afrika seine Würde verliert

Afrika braucht Unterstützung - aber nicht jene, die der Westen derzeit leistet. Die herkömmliche Entwicklungshilfe habe den Kontinent zum unselbständigen Almosenempfänger erzogen, meint SPIEGEL-ONLINE-Autor Kurt Gerhardt: Viel besser als Geldgeschenke wirkten Kredite.

Noch nie ist die Entwicklungshilfe für Afrika so radikal und massiv kritisiert worden wie in den letzten Jahren, und zwar sowohl von Vertretern des "Nordens" als auch Afrikas selbst. Das hält das Berliner Entwicklungshilfeministerium (BMZ) nicht davon ab, in einer Broschüre festzustellen: "Afrika ist nicht der Kontinent der Katastrophen, Krisen und Kriege. Afrika zeigt Reformdynamik und stabiles Wachstum und nimmt mit seinen Ideen und Potenzialen seine Entwicklung in die eigene Hand."

Baustelle bei Nairobi: Infrastruktur - ein beliebtes Entwicklungshilfe-Projekt. Doch die Straßen verkommen ohne Instandhaltung schnell

Baustelle bei Nairobi: Infrastruktur - ein beliebtes Entwicklungshilfe-Projekt. Doch die Straßen verkommen ohne Instandhaltung schnell

Foto: REUTERS

Die Einschätzung der Entwicklung Schwarzafrikas (politisch korrekt: "Afrikas südlich der Sahara") ist in hohem Maße ideologisch. Nicht nur in weiten Bereichen der Dritte-Welt-Szene der Industrieländer gilt als zweifelsfrei: "Die armen Afrikaner werden von uns ausgebeutet, im Handel wird ihnen keine Chance gelassen. Alle Schulden müssen wir ihnen erlassen, weil ihnen die Kredite aufgezwungen wurden. Die finanzielle Entwicklungshilfe muss bedeutend erhöht werden, denn mehr Geld bedeutet mehr Entwicklung."

Das ist Musik in den Ohren afrikanischer Kleptokraten. Es entlastet sie und hilft ihnen, so verantwortungslos weiterzumachen wie bisher. Diese Schwärmer in den Ländern des Nordens sind de facto die Fanclubs afrikanischer Machtmissbraucher. Und sie verhindern afrikanische Entwicklungsanstrengungen.

Die gleiche Wirkung erzeugen die vielen, die sagen, Afrikas Entwicklungschancen würden von den ungerechten internationalen Handelsbeziehungen zunichte gemacht. Dass Kritik an ihnen berechtigt ist, ist keine Frage. Aber warum gedeiht - unter identischen Bedingungen - der Handel zahlreicher Entwicklungsländer außerhalb Afrikas? Dass diese offenkundige Wahrheit gegen das Katastrophengerede chancenlos ist, ist bezeichnend für die Qualität des Entwicklungsdiskurses.

Die besonders erfolgreichen Handelspartner unter den ärmeren Staaten exportieren keine Agrargüter, sondern Industrieprodukte. China hat zunächst technisch einfache Geräte auf den Weltmarkt gebracht, mit der Zeit immer anspruchsvollere. Warum geht das nicht in Afrika? Hat man je einen Tauchsieder, ein Fahrrad, eine Haarklammer gesehen mit der Aufschrift "Made in Togo" oder "Made in Uganda"? Seit Generationen fördert die internationale Gemeinschaft technische und unternehmerische Kompetenz von Afrikanern. Wo hat sich das niedergeschlagen?

Nach einem halben Jahrhundert Entwicklungshilfe für Afrika ist die ganze Geberwelt immer noch überzogen mit einem Netz von Hilfeagenturen aller Art, staatlich und privat. Regierungen, Kommunen, kirchliche Hilfswerke, Unternehmerverbände, Gewerkschaften, eine unübersehbare Zahl von Wohltätigkeitsverbänden, Schulen und Patenschaftsvereinen - alle helfen Afrika, oder besser: wollen helfen. Und Afrika nimmt gern, auch wenn es die eigene Würde verletzt. Die ausgestreckte Hand ist geradezu zu einem Symbol des Kontinents geworden. Die Menschen hüben und drüben haben sich an diesen Zustand so sehr gewöhnt, dass diese Absurdität ihnen normal vorkommt.

Die ausgestreckte Hand ist das Symbol des Kontinents

Das Geben und Nehmen festigt die Abhängigkeit Afrikas und verhindert Entwicklung. Es missachtet die banale Einsicht, dass Entwicklung immer nur das sein kann, was Menschen und Gesellschaften für ihr Fortkommen selbst leisten. Was wir tun, ist ziemlich uninteressant. Was sie tun, die Afrikaner, ist entscheidend. Ihre Eigendynamik ist durch nichts zu ersetzen, auch durch keine noch so gut gemeinte Hilfe von außen.

Mit der Entwicklungsdynamik Afrikas sieht es schlecht aus. Natürlich gibt es für alles gute und leuchtende Beispiele, aber typisch für den Kontinent sind sie nicht. Wer Entwicklungsdynamik erleben will, muss auf die quirlige Betriebsamkeit aufstrebender Länder Ostasiens schauen, wo internationale Entwicklungshilfe eine geringe Rolle spielt.

Wer Afrika bereist, spürt etwas anderes: viel Lethargie und zu wenig von diesem Drängen, diesem Eifer, es schaffen zu wollen. Besonders die ökonomische Entwicklung leidet unter einem Mangel an Gründlichkeit, Planung und Verlässlichkeit, wie auch daran, dass der afrikanische Familienclan einem Mitglied, das wirtschaftlichen Erfolg hat, die Früchte seiner Arbeit nicht lässt, sondern seinen Anteil daran fordert. Dazu blockiert der in allen gesellschaftlichen Schichten immer noch verwurzelte Geisterglaube rationales Denken und Handeln. Sozio-kulturelle Erklärungen solchen Verhaltens sind interessant, bringen aber die Entwicklung nicht voran.

Trotz dieser Widrigkeiten kann der Maßstab für die Qualität unserer Entwicklungshilfe nur sein, inwieweit es ihr gelingt, afrikanische Eigendynamik zu wecken und zu stärken. Diese simple und fundamentale Einsicht wird in der Praxis der Entwicklungshilfe zuwenig beachtet. Um die Leistung der Geberstaaten zu messen, schaut man stattdessen auf die sogenannte ODA-Quote (Official Development Assistance; Anteil der Entwicklungshilfe am Bruttonationalprodukt) und täuscht sich damit selbst. Denn mit Entwicklung hat diese Quote wenig zu tun, mehr mit dem Gegenteil.

Die Bilanz der Hilfe ist oft nicht null, sondern sogar negativ

Wenn "wir" in armen Ländern Straßen bauen, Bewässerungskanäle, Brunnen und Schulen, ist das gut für die ODA-Quote, aber nicht unbedingt für die Entwicklung. Wenn diese Werke auch in Eigenleistung, ohne unsere Hilfe, hätten errichtet werden können, zum Beispiel arbeitsintensiv nach chinesischem Vorbild - und dazu sollen afrikanische Regierungen nach jahrzehntelanger Ausbildung von Ingenieuren und anderen Fachleuten an unseren Universitäten nicht in der Lage sein? -, dann haben wir keine Entwicklung gefördert, sondern verhindert, durch einen Verstoß gegen das Subsidiaritätsprinzip.

Bei solchen Verstößen ist die Bilanz unserer Hilfe also nicht null, sondern negativ, weil diese Schaden angerichtet hat. Das gleiche gilt für die vielen tausend gescheiterten Entwicklungsprojekte, die nicht mit Null zu Buche schlagen, sondern mit einem Minus.

Wer diesen Maßstab an die Entwicklungshilfe der letzten Jahrzehnte und an die afrikanische Lebenswirklichkeit anlegt, kann sich nicht darüber wundern, dass es im "Bonner Aufruf" heißt, unsere Entwicklungspolitik habe versagt.

Wir müssen den Afrikanern zumuten, dass sie aus eigener Kraft den wirtschaftlichen Fortschritt erarbeiten, den sie doch wollen!

Aus Washington oder Brüssel wird das Heil nicht kommen

Bei jedem Auftauchen eines Problems nach ausländischen Gebern und Helfern zu rufen, die es lösen sollen, wird sie nicht weiterbringen. Aus Washington, Brüssel oder Berlin wird ihnen das Heil niemals kommen. Es wird entweder aus ihren eigenen Köpfen und Händen kommen - oder gar nicht.

Zum mangelnden Entwicklungsstreben haben wir gehörig beigetragen, zum Beispiel mit dem seit Jahrzehnten üblichen Possenspiel um den Straßenbau: Mit Entwicklungshilfe finanzierte Straßen werden regelmäßig nicht instandgehalten, also verkommen sie. Wenn auswärtige Partnerregierungen das Elend irgendwann nicht mehr mitansehen können, bauen sie unter dem Motto "Rehabilitierung" eine neue Straße - die dann wieder verfällt bis zur nächsten barmherzigen Rehabilitierung.

Wir sollten grundsätzlich neue afrikanische Infrastruktur nur noch dann mit Entwicklungshilfe finanzieren, wenn die Partner beweisen, dass schon einmal errichtete Anlagen instandgehalten werden. Rehabilitierung fördert Unterentwicklung.

Schwarzafrika bringt es kaum fertig, seine reichlichen Bodenschätze für das Wohl der Bürger zu nutzen. Im Gegenteil, für die Masse der Menschen haben sie sich überwiegend als Fluch erwiesen. Mit den riesigen Einkommen daraus sind Kriege finanziert und die Konten der Oberschicht gefüllt worden. Nach Angaben von Transparency International besitzen zum Beispiel der Präsident des Ölförderlandes Gabun, Omar Bongo, und sein Clan 39 Liegenschaften in besten Lagen von Paris und der Côte d'Azur.

Obwohl der Zusammenhang zwischen Geld und Entwicklung höchst zweifelhaft ist, beschäftigt sich die Entwicklungswelt gern mit Zahlenspielen. Das bekannteste dreht sich um die Frage, wann die ODA-Quote die 0,7 Prozent des BNP erreicht, die sich die Geberstaaten vor 40 Jahren als Ziel gesteckt und doch nie ernstgenommen haben, von wenigen kleineren Staaten abgesehen. Da die Zahl aufgrund der damaligen Situation berechnet wurde, kann sie zum heutigen Bedarf an Entwicklungshilfe keinen plausiblen Bezug mehr haben. Sie dient nur noch zur Erhöhung der Ausgaben.

Afrika muss selbst mehr Verantwortung übernehmen

Die Dinge stehen auf dem Kopf: Es ist nicht wichtig, wann gewisse Finanzierungsziele erreicht werden, sondern welche Aufgaben zu erfüllen sind. Wieviel Geld dazu nötig ist, kann erst danach berechnet werden. Von vornherein zu sagen, die Entwicklungshilfe brauche mehr Geld, ist daher falsch. Genauso töricht war im Jahre 2005 der Beschluss des G-8-Gipfels im schottischen Gleneagles, die Entwicklungshilfe für Afrika zu verdoppeln. Auch wenn alle Bonos, Geldofs und Campinos dieser Welt auf "mehr Geld" setzen, bleibt diese Politik gefährlich für die Entwicklung Afrikas.

Der aus zahllosen Agenturen und Organisationen bestehende gigantische internationale Entwicklungshilfeapparat ist zu weit von der Wirklichkeit entfernt. Er dreht sich um sich selber und kreist um den afrikanischen Kontinent wie ein Raumschiff, in dem fleißige und engagierte Fachleute unentwegt Strategien ersinnen, Konferenzen abhalten, Konsense schmieden, Studien publizieren, Agenden formulieren, makro-ökonomische Modelle durchrechnen und jedenfalls Tonnen von Papier produzieren, bei denen man besser nicht fragt, wer sie liest. Dieses Raumschiff funktioniert so perfekt, dass es auch ohne Afrika gut existieren könnte.

Wenn wir wollen, dass Afrika auf einen besseren Entwicklungskurs kommt, muss es mehr Verantwortung übernehmen. Das ist die Kernbotschaft des "Bonner Aufrufs". Wir stehen vor dem Entwicklungsproblem nicht mehr ratlos. China hat den Weg aus der Armut gewiesen. Es ist mit eigener Kraft wirtschaftlich vorangekommen, nicht mit der ausgestreckten Hand. Die ist nur akzeptabel in Zeiten akuter Not, wenn humanitäre Hilfe geboten ist.

Wieso sollten wir Afrika unterstellen, dass es einen solchen eigenen Weg nicht erfolgreich gehen könne! Das heißt nicht, dass wir abseits stehen. Aber eine klare Aufgabenteilung muss gelten. Das beste, was wir für Afrika tun können, ist, die Bildungschancen junger Leute zu verbessern. Aber etwas draus machen, Bildung in materiellen Fortschritt umsetzen, das müssen sie selber.

Und wo, neben der Vermittlung von Fähigkeiten, materielle und finanzielle Mittel nötig sind, muss der Grundsatz sein: Keine Geschenke! Wo Geld verteilt wird, nimmt das Übel gewöhnlich seinen Lauf. Entwicklungshilfe sollte prinzipiell nur noch als Kredit gegeben werden. Das setzt voraus, dass alle entwicklungswilligen Menschen Zugang zu Krediten haben. Dazu muss das bisher erfolgreiche Kleinkreditwesen - auch mit Entwicklungshilfe - so ausgebaut werden, dass es alle Armen erreicht.

Wenn Afrika diesen Weg selbstbewusst und tatkräftig geht, wird es nicht nur zu Wohlstand gelangen, sondern auch seine Würde zurückgewinnen.