Geschwärzte Banalitäten Die übermotivierten Zensoren vom Pentagon

Nachdem das Pentagon sein Buch gesichtet hatte, waren 250 Seiten geschwärzt. Dabei hatte Geheimdienstmann Anthony Shaffer in den Memoiren über seine Zeit in Afghanistan nicht mehr erzählt als die meisten Berichterstatter. Die Geschichte einer Geschichte, die nicht erzählt werden durfte.

Pentagon in Washington: Streit über die Memoiren eines Ex-Geheimdienstlers
Corbis

Pentagon in Washington: Streit über die Memoiren eines Ex-Geheimdienstlers


Washington - Selbstverständlich gibt es Geheimnisse von nationaler Bedeutung. Wer in der Regierung oder beim Militär Zugang zu solchen supervertraulichen Informationen hat, darf sie nicht veröffentlichen. Dessen war sich Anthony Shaffer bewusst, als er seine Erinnerungen an den Einsatz in Afghanistan dem Zensor vorlegte. Er gehörte immerhin dem militärischen Geheimdienst DIA an - und hatte bestimmt so einiges mitbekommen, das nicht für die allgemeine Verbreitung geeignet war.

Doch mit dieser Reaktion der Zensoren im Pentagon hatte er dann doch nicht gerechnet. Nach der Bearbeitung konnte Shaffer sein Buch im wahren Sinn des Wortes nicht mehr wiedererkennen - große Abschnitte seines Buchs "Operation Dark Heart" waren komplett geschwärzt.

Original und Schwärzung (Montage der "New York Times"): Unsinnige Geheimhaltung

Original und Schwärzung (Montage der "New York Times"): Unsinnige Geheimhaltung

Es kam noch schlimmer. Das Verteidigungsministerium beschloss, die erste und unzensierte Auflage des Buchs von 10.000 Exemplaren komplett aufzukaufen und vernichten zu lassen. Eine zweite Auflage sollte nur mit weitgehenden Änderungen erscheinen dürfen. Und das alles im Namen der nationalen Sicherheit.

Shaffer und die Redaktion der "New York Times" legten nun die Originalversion und Bearbeitung nebeneinander, um zu ergründen, worin denn genau der Geheimnisverrat lag, der die nationale Sicherheit gefährden könnte.

Allseits bekannte Geheimnisse

Sie fanden vor allem vertrauliche Informationen, die jeder kennt. Und zwar auf der ganzen Welt.

  • Der Sitz der National Security Agency (NSA), die weltweit Kommunikation scannt und sich auf das Knacken von Codes spezialisiert hat, ist Fort Meade in Maryland - wie jedermann schnell herausfinden kann. Wikipedia beschreibt sogar die exklusive Autobahn-Ausfahrt des Geheimdienstes. Bei Shaffer wurde Fort Meade geschwärzt.
  • Die CIA nutzt ein ehemaliges Gelände der US-Marine in Virginia zu Übungszwecken, was ebenfalls leicht zu recherchieren ist, auch wenn die US-Regierung dies nie offiziell bestätigt hat. Geschwärzt.
  • Name und Abkürzung der iranischen Revolutionsgarden? Geschwärzt.
  • Die Erklärung des militärischen Kürzels "Sigint" - signals intelligence, also Signalaufklärung - ist in vielen Magazinartikeln weltweit zu finden. Geschwärzt.
  • Shaffer operierte in Afghanistan unter einem Pseudonym aus dem John-Wayne-Film "Todeskommando Iwo Jima" - geschwärzt.
  • Shaffers Index zu den Personen, die in seinem Buch auftauchen - entfernt.
  • Das Lob eines ehemaligen Geheimdienstmanns auf der Rückseite des Umschlags lautete "Ein phantastisches Buch". Getilgt.

Absolution vom Geheimnisforscher

Und so weiter. Dass die Zensoren im Pentagon eventuell selbst vage Wiedergaben von Kommunikation, die von der NSA abgefangen wurde, kassieren würden, muss Shaffer geahnt haben. Aber dass sie auch allgemein bekannte Tatsachen streichen würden, die heutzutage in jedem TV-Quiz abgefragt werden - damit konnte er nicht rechnen.

Die "New York Times" bat einen ihrer harschesten Kritiker um eine Einschätzung des Falls - Gabriel Schoenfeld vom Hudson Institute. Sein Gebiet ist die Berichterstattung über sicherheitsrelevante Informationen und Vorgänge in den amerikanischen Medien - und seine grundsätzliche Haltung ist, dass zu schnell und sorglos berichtet wird. "Es gibt clevere Geheimhaltung und dumme Fälle von Geheimhaltung", sagte Schoenfeld, "und diese ganze Episode scheint mir ein Fall von verfehlter Geheimhaltung zu sein."

Man könnte den Zensoren höchstens noch zugute halten, befand der Geheimnisforscher, dass sie aus Furcht gehandelt hätten, einen Präzedenzfall zu schaffen, wenn sie nicht eingreifen und gründlich redigieren.

Shaffers Anwalt Mark Zaid wittert hinter dem Vorgehen des Verteidigungsministeriums noch etwas ganz anderes - er tippt auf eine Racheaktion. Denn das Verhältnis zwischen Shaffer und seinem ehemaligen Arbeitgeber war schon zu Dienstzeiten nicht das beste. Laut Zaid geriet Shaffer mit der DIA erstmals aneinander, als er 2003 behauptete, bei einem seiner Einsätze den 9/11-Terroristen Mohammed Atta frühzeitig als Bedrohung identifiziert zu haben. Später habe sich die Beziehung wegen anderer Vorfälle weiter verschlechtert, bis Shaffer nach Angaben seines Anwalts entlassen wurde.

Warum sind die Informationen geheim? Darum

Die Intervention der Zensoren hat jedenfalls das Interesse an Anthony Shaffers Buch erst so richtig befeuert. Sein Verlag St. Martin's Press hatte schon an die hundert Vorabexemplare verschickt, bevor die Zensoren des Pentagon ihr Veto einlegten. Eine dieser Raritäten wechselte laut Recherche der "New York Times" vergangene Woche auf Ebay für 2000 Dollar den Besitzer.

Als die ersten Berichte über Shaffers Erfahrungen mit den Pentagon-Redakteuren die Runde machten, katapultierten allein die Vorbestellungen für die zweite - korrigierte - Auflage "Operation Dark Heart" in der Amazon-Verkaufsstatistik auf den vierten Rang.

Bleibt die Frage, wie denn eigentlich das Verteidigungsministerium sein Vorgehen begründet und die Änderungen am Text im Einzelnen erklärt. Der Bescheid der Bürokraten aus dem Pentagon fasst die ganze Affäre perfekt zusammen: Welche Informationen man als geheim einstufe, erklärte der Sprecher gegenüber der "New York Times", unterliege leider der Geheimhaltung.

oka

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
snickerman 18.09.2010
1. Kafka meets Kim Yong Il
"was der Geheimhaltung unterliegt- unterliegt der Geheimhaltung!" Das ist eigentlich klassischer Diktaturen-Sprech. "Schreib Du nur, wir streichen ohnehin, wie es uns gefällt" Erwünschte Folge: jeder zensiert schon vorher alles weg, was irgendwem nicht gefallen könnte, keiner schreibt mehr irgendwas, keiner liest mehr irgendwas... und am Ende kucken wir alle begeistert FOX News und Daily Soaps.
tomu1 18.09.2010
2. Wie in der UdSSR
Leider verändern sich die USA immer mehr in Richtung der ehemaligen UdSSR, wenn sie diese nicht sogar schon überholt haben. Die Regierung der USA bildet mit immer mehr Behörden, die über umfängliche Eingriffs- und Überwachungsmöglichkeiten verfügen, einen unüberwindlichen Repressionsapparat. Der auch unter Barack Obama weiter wuchert und seine Blüten treibt.
Marshmallowmann 18.09.2010
3. Auf Thema antworten
Etwas ist geheim weil es einen Grund hat geheim zu sein. Viele der Operationen laufen verdeckt und bleiben dies auch im Nachhinein, um das Leben der Soldaten oder der darauf folgenden Soldaten nicht zu gefährden. Deswegen sind Informationen aus erster Hand die veröffentlich werden Gift für das Leben der Soldaten dort. Ich hab so einiges gegen Zensur. Aber manchmal ist sie echt ganz schön sinnvoll, denn Geheimhaltung ist echt alles andere als Zensur Fräulein.
Indigo76 18.09.2010
4. Häh?
Zitat von MarshmallowmannEtwas ist geheim weil es einen Grund hat geheim zu sein. Viele der Operationen laufen verdeckt und bleiben dies auch im Nachhinein, um das Leben der Soldaten oder der darauf folgenden Soldaten nicht zu gefährden. Deswegen sind Informationen aus erster Hand die veröffentlich werden Gift für das Leben der Soldaten dort. Ich hab so einiges gegen Zensur. Aber manchmal ist sie echt ganz schön sinnvoll, denn Geheimhaltung ist echt alles andere als Zensur Fräulein.
Den Artikel gelesen? Wohl nicht! An Keiner Stelle wurde gesagt, dass HGeheimhaltung schlecht sein, oder dass es keine Zensur von Staatsgeheimnissen geben darf. Es geht hier einzig und allein um die Verhältnismäßigkeit. Eine Information zu zensieren, die frei in Wikipedia erhältlich ist (Dort sind sogar die genauen Koordinaten des NSA Hauptquartiers angegeben, das man sich dann mittels Google Earth sehr genau anschauen kann), ist doch wirklich mehr als affig. Hoffentlich hat der Autor nicht geschrieben, dass der Präsident im weißen Haus wohnt - dann würde bestimmt bald das FBI vor der Tür stehen. Um es mit den Worten von Obelix zu sagen: * Die spinnen, die Amis!*
unclegmxde 18.09.2010
5. In Zeiten von Wikileaks...
...klingt das nach ziemlich vergeblichen Versuchen. Wenn etwas einmal den Weg in das Netz gefunden hat [...]
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