Unterwegs im US-Wahlkampf Gute Nacht, Bettwanzen-Hund

Romney im Weißen Haus? Bloß nicht! "Ich hasse ihn": Maureen aus Rio Linda hat eine sehr deutliche Meinung, wer Präsident der USA sein sollte - und warum. Was sie sonst noch hat: eine Geschäftsidee und ein Herz für sonderbare Tiere.

Astrid Langer

Von Astrid Langer


Das ist kein Hund, das ist ein Kalb, denke ich mir, als Isis auf mich zugerannt kommt. Isis ist eine Deutsche Dogge, ihr Kopf reicht mir bis zum Bauchnabel. Als mich dieses riesige Tier aufgeregt anhechelt und anstupst, will ich nur meine Tasche schnappen und ins nächste Hotel flüchten. "Keine Angst, sie beißt nicht", ruft mir Maureen zu, die Hundebesitzerin und meine Gastgeberin für heute Nacht. "Woher willst du das denn wissen", denke ich mir, aber dann streichle ich Isis doch zaghaft am Kopf.

Ich stehe in einer Einfahrt in Rio Linda, nördlich von Sacramento, vor einem Farmhaus. Maureen, 59, und ihr Mann George hatten mir so nett geschrieben und mich in ihr Haus eingeladen, dass ich beschloss, noch eine Nacht in der Gegend zu bleiben. Die beiden sind Tierliebhaber wie aus einer Werbebroschüre des WWF. Alle Hunde, die sie jemals hatten, stammten aus Tierheimen; bis vor ein paar Jahren züchtete Maureen auf dem Grundstück Lamas, Alpakas und Miniaturpferde, auf denen behinderte Kinder reiten durften. Obwohl sie damit seit dem ersten Tag Miese machten, behielten sie die Tiere bis zum vergangenen Jahr; um 20.000 Dollar ärmer, mussten sie sich schließlich von den Ponys und Lamas trennen. "Jetzt sind wir alleine mit unseren drei Babys", sagt Maureen, und da kommt auch schon Baby Nummer zwei aus dem Haus gesprungen. Java ist ein Pitbull und hat zum Glück normale Hundegröße - noch ein Kalb, und ich hätte Reißaus genommen. Erst später fällt mir auf, dass Java nur noch drei Beine hat, sein linkes Vorderbein musste ihm wegen eines Krebsgeschwürs amputiert werden.

"Bed bug"-Hund als Geschäftsidee

Maureen, eine untersetzte Frau mit platinblondem Kurzhaarschnitt, führt mich ins Haus - oder ist es der Hundezwinger? Vor der Küche, vor dem Eingang, überall stehen hüfthohe Metallgitter, wie man sie hat, um kleine Kinder vom Herd oder einer Treppe abzuschirmen. Der Grund für die Zäune, erklärt Maureen, ist Iven, der dritte Hund im Haus. Iven ist ein "Bed Bug"-Hund und Maureens neue Geschäftsidee. Das Tier ist so trainiert, dass er Bettwanzen erschnüffelt; beispielsweise in Hotels, die eine Plage haben und nicht wissen, welche Matratzen und Zimmer schon infiziert sind. Laut dem Züchter soll Iven aber keinen Kontakt mit anderen Hunden haben, sondern nur Maureen und George als Bezugspersonen haben. Deswegen die Zäune und Gitter, sie trennen Iven von den anderen beiden Tieren.

"Bereit für einen Spaziergang?", fragt Maureen und drückt mir eine Hundeleine für Isis in die Hand - das Kalb und ich, das kann ja lustig werden. Maureen schnappt sich den "Bed Bug"-Hund, und wir laufen raus auf die Felder hinter dem Haus. Damit die Hunde keinen Kontakt miteinander haben (das wäre ja schlecht für den "Bed Bug"-Hund), läuft Maureen etwa fünf Meter vor mir und unterhält sich halb schreiend mit mir. Sie habe alle Fernsehduelle zwischen Romney und Obama akribisch verfolgt, erzählt sie, und dabei gleichzeitig das Fact-Checking auf CNN gelesen. "Ich kann Romney nicht ausstehen", sagt Maureen geradeheraus, "ich hasse ihn", und wirft die Hände gen Himmel, was dazu führt, dass der arme Iven kurz von der Leine gewürgt wird. Das liege nicht daran, dass Romney Republikaner sei; sie habe auch schon für Republikaner gestimmt. Sondern sie verabscheue ihn wegen seiner geplanten Kürzungen bei den Sozialprogrammen.

Schlechte Erfahrungen mit dem US-Gesundheitssystem

Maureen hatte vor einigen Jahren Hautkrebs, doch ihre Krankenkasse hätte ihr nur die Behandlung bei einem bestimmten Arzt gezahlt, wie sie erzählt. Dort hätte sie allerdings sieben bis acht Wochen auf einen Operationstermin warten müssen. Bis dahin könnte es aber schon zu spät sein, sagte ihr ein anderer Doktor. Also zahlten Maureen und George die Operation aus ihren Ersparnissen, es kam auch noch eine Nachoperation hinzu. "Wir haben ein so schlechtes Gesundheitssystem in diesem Land. Obama hat das endlich angepackt, und Romney will wieder alles umkrempeln", sagt sie. Für sie selbst hat Obamas Reform nur kleine Verbesserungen gebracht; zum Beispiel darf künftig keine Krankenkasse sie mehr ablehnen aufgrund ihrer früheren Krebserkrankung. Aber sie denke an die anderen Menschen, die eine Krankheit wie Hautkrebs womöglich in den finanziellen Ruin treiben würde. "Ich weiß nicht, was aus unserem Land wird, wenn Romney gewählt wird."

Maureen regt sich auch darüber auf, wie Obama aufgrund seiner Hautfarbe von anderen Politikern diskriminiert werde. Viele Republikaner hätten von Anfang an gesagt, sie würden nicht mit einem Schwarzen zusammenarbeiten. Auch Maureens Ehemann George hat eine dunkle Hautfarbe, seine Vorfahren stammen aus Asien. "Manchmal fühle ich mich zurück in die sechziger Jahre zurückversetzt", sagt Maureen und läuft einige Schritte schweigend weiter.

Zurück im Haus klappt Maureen später am Abend das Sofa im Wohnzimmer für mich um, und als ich schon im Bett liege, kommt Java, der dreibeinige Hund, angewackelt. "Darf ich in dein Bett?", fragen mich seine riesigen Kulleraugen, und sein Schwanz wedelt wie eine Fliegenklatsche. "Nein, Java, du lässt Astrid allein", sagt Maureen zu ihm - und zu mir: "Lass ihn bloß nicht ins Bett." Gott sei Dank, denke ich mir und schlafe unter Hundegehechel ein.



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